Um 11 Uhr ist große Prozession zu den bouillonspendenden Deckstewards; wer zu bequem ist, sich die Kraftbrühe selbst zu holen, dem wird sie auf einen Wink zum Liegesessel gebracht; der Zustand des Schlaraffenlandes, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, ist hier also ziemlich erreicht. Mit Erstaunen sehe ich einzelne Menschen von einer Mahlzeit zur andern laufen, immer hungrig und verdauungsfähig; kein Gericht überspringen sie, und wo allenfalls im Tage eine kleine Eßpause eintritt, füllen sie sie beim Bierglase mit Knuspern aus. Ich persönlich spüre gar nichts von diesem appetiterregenden Effekte der Meerluft, und es gibt kaum eine Gelegenheit, wo ich mich nicht von diesen Fleischtöpfen der „Auguste Viktoria“ zu der heimatlichen einfachen Küche zurücksehne.

Kaum ist der Bouillonspaziergang zu Ende, so tutet wieder der Trompeter von Eß-lingen, diesmal das bekannte Motiv aus Fidelio. „Meine Herren, es hat zum erstenmal geblasen“, ruft der Biersteward mit Stentorstimme in die lärmenden Tafelrunden. Ist das zweite Signal ertönt, so tritt Bewegung in die zu festen Gruppen kristallisierten auf und unter Deck. Jedes strebt seinem Speisesalon zu; der Tischsteward dreht deinen Stuhl, so daß Ew. Hoheit nur eine Sitzbewegung auszuführen brauchen, um ohne irgendwelche Mitbethätigung der Hände ernährungsbereit vor dem Teller zu thronen. Ist die Qual dieses zweiten Frühstücks vorüber, so tragen wir unsere durch den Konversationslärm geschädigten Ohren gerne wieder an die frische Luft, wo schwarzer Kaffee serviert wird und woselbst bei einem Deckspaziergang die erste Tagescigarre vortrefflich schmeckt.

Die Nachmittagsstunden werden verschieden ausgefüllt; Amerika treibt gerne allerhand Kurzweil mit Deckspielen, z. B. Ringwerfen und Plattenschieben; Deutschland spielt Skat, liest und schreibt oder politisiert, kalauert auch gruppenweise; denn bald explodiert’s da, bald dort mit unbändigem Gelächter, das auch Unbeteiligte mit fortreißt. Allerorts aber wird wieder fleißig geschnarcht und geschlafen, und manch Einer liegt, dem Irdischen entrückt, auf der Chaise-longue, die Quelle der Bildung aber, aus welcher er schöpfen wollte, das Buch, nebenan am Boden, oder dem zufrieden und gesättigt lächelnden Munde, der eben versicherte, nachmittags nie zu schlafen, entfällt die noch glimmende Cigarre, so daß der Entseelte erschreckt zusammenfährt und zu allererst sich umsieht, ob er wenigstens von niemanden beobachtet werde. „Jetzt hatten Sie aber ein Auge voll geschlafen, Herr X.!“ „„Was fällt Ihnen ein, Sie Jeheimspitzel! Sehen Sie denn nicht, daß ich mir eben was überlegte? Aber natürlich von so ’ne Jeistesarbeit haben Sie keene blasse Ahnung.““

Wem’s um ungestörte Arbeit oder Lektüre zu thun ist, der findet ganz oben, auf Bootsdeck, wohl ein verborgenes Plätzchen im Schutz und Schatten eines der vielen Rettungsboote; dort hat man den weitesten Ausblick aufs Meer und sieht auch im internen Schiffsleben allerlei ergötzliche Szenen. Zum Malen deutlich bleibt mir u. a. ein kleines Genrebild in Erinnerung. Zwischen zwei Booten geschützt sitzt bequem auf ihrem Rohrsessel zurückgelehnt die kleine Gouvernante von zwei amerikanischen Jungen und liest ihren Schutzbefohlenen vor. Der größere der Jungens liegt, das Kinn auf beide Hände gestützt und durch die vorgelesene Erzählung vollständig gefangen, auf der Segeltuchblahe des einen hochgelagerten Bootes und sieht unverwandt hinunter auf die Leserin; der andere aber, ein kleiner Schlingel, der auch die Pflicht hätte, zuzuhorchen, treibt hinter dem Rücken der ahnungslosen kleinen Erzieherin allerlei Unfug und sucht vor allem durch Grimassen und Gesten und Rupfen die Aufmerksamkeit seines Kameraden auf sich abzulenken.

Deckszene.

Wo man steht und geht hat man Gelegenheit, die freundliche Zuvorkommenheit aller Schiffsangestellten — vom Kapitän bis zum Schiffsjungen — zu erfahren. Nur der Zahlmeister macht gelegentlich eine Ausnahme, je nach dem Goldgehalte der Passagiere; das liegt eben wohl in seinem Berufe.

Um 7 Uhr ist wieder große Fütterung, an welcher wir Eß-kimos (der sächsische Botaniker belohnt diesen Kalauer mit einem Pfennig) unter den Klängen der Tafelmusik nochmals mindestens eine Stunde uns beschäftigen. Die jeden Tag originellen und dem jeweiligen Aufenthaltsorte angepaßten Menus sind künstlerische Leistungen des Farbendrucks, welche in Hamburg extra für diese Fahrt angefertigt wurden. Eine eigene Druckerei an Bord besorgt alltäglich das Weitere, auch die Herstellung der Konzertprogramme etc.

Um halb 9 Uhr ist auch die zweite Tortur des Tages, das Diner, glücklich vorüber, und wir können als freie Bürger uns wieder auf Deck tummeln und die Schönheiten der taghellen nordischen Nacht genießen. 10 bis 12 Uhr ist nochmals Konzert für die Bier- und Musikbedürftigen, 12 Uhr sogenannte Polizeistunde, aber stets ohne Erfolg. Sind wir endlich in unsere Koje gekrochen und haben uns nach Abdrehen der elektrischen Glühflamme schlafgerecht gelagert, so schwinden unter dem einförmigen Pulsschlag der Maschine bald unsere Sinne, und in unlogischer Verwirrung umgaukeln den Träumenden die Bilder des vergangenen Tages — meist auf heimatlichen Boden verpflanzt.

Alles in allem, lieber Leser, ist unser Schiff, wie du siehst, eine kleine abgeschlossene Welt für sich, in welcher die Menschen (abgesehen von dem Zwange der gemeinschaftlichen „frugalen“ Abfütterungen) nach ihrer Individualität leben, arbeiten und genießen, Bier oder Wasser trinken, nachts schlafen oder schwärmen, als Einsiedler oder als „Gesellschaftstier“ die Tage vollbringen, mit vollen Zügen die Naturwunder in sich aufnehmen oder aber sich langweilen. Daß einige Damen beim Passieren der herrlichsten Szenerien, wo aller Andern Auge mit Entzücken auf Gottes schöner Welt ruht, derselben blasiert den Rücken kehren und ihre Aufmerksamkeit auf den Stickrahmen konzentrieren, habe ich mit heimlichem Ärger hier oft gesehen. Zu Hause hat ihr Stickrahmen wohl gute Ruhe.