Nun aber weiter nach Spitzbergen!
VII.
Spitzbergen. — Gletscher- und Eiszeit. — Einfahrt in den Eisfjord. — Ankunft in Adventbay. — Erster Besuch der Küste.
Gegen Mittag des 11. Juli kam Land in Sicht, und um 1 Uhr waren wir der Küste so nahe, daß Einzelheiten deutlich unterschieden werden konnten. Zwischen den mächtigen, zum Teil schneebedeckten, oft aber als dunkle Felswände jäh abstürzenden Pyramiden erschienen großartige Gletscher, als nach unten breiter werdende Eisströme ins Meer sich ergießend. Die bläulich schimmernden Abbruchflächen werden direkt von der dunklen Meeresflut bespült. Unter dem fürchterlichen Drucke, welcher die gletscherbelasteten Felsgebirge zu glatten Mulden ausschleift, drängen diese Eiswelten dem Meere zu und brechen ab, sobald die stützende Unterlage fehlt, um als Eisberge dem Polarstrome folgend Amerika zuzusteuern und allmählich unter der auflösenden Kraft der Sonne zu verschwinden. Es ist etwas Erhabenes, diesen Prozeß, der sich ungezählte Jahrtausende zurück u. a. auch von den Alpen gegen die deutschen Ebenen zu abspielte und dessen Spuren und Wegweiser die mächtigen erratischen Blöcke bilden, hier in natura sich vollziehen zu sehen. Gegenüber diesen Pulsschlägen der Ewigkeit zerstiebt die Sekunde Menschenleben in Nichts. — Die Breite des größten Gletschers von Westspitzbergen, mit welcher derselbe gegen die Meeresfläche abstürzt, beträgt 20 Kilometer. Es wurden Eisberge, d. h. isolierte Abbrüche desselben beobachtet, deren Gesamtvolumen auf 4000 Millionen Kubikmeter berechnet werden konnte. Scoresby sah eine Eismasse von der Größe einer Kathedrale aus einer Höhe von 400 Fuß ins Wasser fallen.
Gletscherpartie (Spitzbergen).
Um 4 Uhr erreichten wir bei aufgehelltem Himmel die Einfahrt in den Eisfjord (78° 11′ nördl. Breite); die so benannte Meeresbucht ist beidseitig mit Gebirgsstöcken von auffallend gleichmäßiger Form begrenzt. Alle zeigen ein Hochplateau, das enorm steil zum Meere abfällt; dazwischen liegen tief eingeschnittene Thäler. Die steilen Abhänge sind merkwürdig regelmäßig parallel gerifft. In den parallelen Schrunden liegt wie auch oben blendend weißer Schnee, in grellem Kontrast zu dem dunkeln Gestein, so daß die Gebirgszüge wie sorgfältig vom Konditor kandierte Kuchen aussehen.