Einfahrt in Adventbay.
Wir biegen ab in eine Seitenbucht, die sogenannte Adventbay. Dort hat sich, teils durch Anschwemmung, wesentlich aber wohl durch Abwitterung, welche durch Ebbe und Flut geglättet wurde, auf der südlichen Seite ein ziemlich ausgedehntes, flaches und nachher sanft bis zu den Hauptgebirgsstöcken ansteigendes Gelände gebildet, das größtenteils schneefrei ist und auf welches die Strahlen der Sonne bereits einen Blumenteppich gezaubert haben. Plötzlich entdeckt das Auge, als einziges Symptom menschlichen Daseins, ein Fischerzelt und 200 Meter davon entfernt ein dunkles Holzgebäude, welches 1896 von der Westeraalen Dampfschiffgesellschaft als Unterkunftshaus für Jäger und Touristen erstellt wurde. Aus der Entfernung machte es den trostlosen Eindruck einer im Torfmoor stehenden einsamen Köhlerhütte. Wir fanden es geschlossen und leer, da der acht Tage zuvor nach Spitzbergen fahrende Dampfer, welcher Proviant und den Wirt bringen sollte, wegen ungünstiger Eisverhältnisse sich dem Inselreiche gar nicht hatte nähern können.
Nirgends ist ein Baum oder Strauch zu erblicken; aber wo der Schnee weg ist, so auf der Küstenniederung und in den Thälern grünt und blüht es um die Wette. Viele der Thäler sind aber noch mit mächtigen Gletschern ausgefüllt und werden noch Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte lang zu thun haben, bis ihr Eisdepot ins Meer gesunken ist. Im Hintergrunde aber, gegen das Innere der Insel, sieht man über den 2000 Fuß hohen Bergen Eisfelder von unermeßlicher Ausdehnung.
Langsam und vorsichtig drang unser braver Dampfer mit einem Tiefgang von zirka 10 Metern in dem fremden Fjorde vorwärts, während von 5 zu 5 Minuten ein alter Matrose Lothungen vornahm und mit lauter Stimme dem Kapitän das Ergebnis auf die Kommandobrücke zuschleuderte. „20 Faden — kein Grund!“ (1 Faden = 6 Fuß). „33 Faden — kein Grund!“ „39 Faden — Grund!“ Jetzt rasselte die Ankerkette nieder und fest saßen wir. Alles, was Beine hatte, stund auf Deck, um den ungewohnten Anblick dieses vergletscherten Polarlandes in sich aufzunehmen. Hunderte von Vögeln umkreisten schreiend unser Schiff; ab und zu tauchte ein neugieriger Seehund auf, um sofort wieder in dem salzigen Elemente zu verschwinden, einmal auch die grauenhafte Fratze eines Walrosses.
In unglaublich kurzer Zeit waren die drei Benzinbarkassen unseres Schiffes flott gemacht und luden durch ihren puffenden Atem zur Fahrt ans Ufer ein, das immerhin noch einen Kilometer entfernt von uns lag. Das Meer war etwas unruhig, so daß nur die weniger zaghafte meiner Reisegefährtinnen sich zu sofortiger Ausbootung entschloß. Am Land besuchten wir zuerst das Fischerzelt, in welchem eine Frau, zwei Männer und ein Kind überwintert hatten. Das Ergebnis ihres Jagdfleißes war vor ihrer Behausung aufgespeichert: getrocknete und eingesalzene Fische in Menge, einige Fässer voll Thran, in Meersalzlauge gebettet auch Kopf und Fell eines riesigen Eisbären, den sie zwei Monate vorher geschossen, als er die Hütte zu beschnuppern kam; von der Menge erlegter Rentiere und Seehunde, deren Geweihe und Felle herumlagen, gar nicht zu reden.
Als wir den flachen Küstenstreifen durchwanderten, wollte unser Erstaunen und Entzücken über die Fülle und den Farbenglanz reizender Blumen kein Ende nehmen. Arktischer Mohn, zahlreiche Steinbrecharten, Löffelkraut entsprießen zu Millionen dem bemoosten Boden. Von besonderer Lieblichkeit ist eine Erica-Art, deren Blüten die Form unserer Maiglöckchen haben. Als einzigen Strauch, der aber die Moosfläche nicht überragt, fanden wir eine arktische Weidenart. Ueberreste von Walen und Walrossen, ungeheure Knochen aller Art, Fisch- und Vogelleichen zu Dutzenden lagen da, in Gestein und Grün gebettet, merkwürdigerweise ohne allen und jeden Fäulnisgeruch; das Organische fault in dieser nördlichen Breite auch unter dem Einfluß der Sonne nicht, da die sie bedingenden Spaltpilze hier nicht fortkommen.
Mit Blumen seltenster Art und allerlei Trophäen (Mineralien, Knochen) beladen, traten wir den Rückzug an, der nicht ohne ein kleines Abenteuer verlaufen sollte. Bei der Abfahrt wurde nämlich unser Boot auf eine seichte Stelle geworfen, saß dort fest und war nun ein Spielball des unruhigen Meeres. Durchnäßt von den überschäumenden Wellen und elend hin- und hergeschaukelt harrten wir der Erlösung. Aber ein Versuch, uns durch eine andere Barkasse flott zu machen, hätte beinahe unser Schiff zum Kentern gebracht und mußte aufgegeben werden. So blieb nichts übrig, als in den auf- und abtanzenden Kahn überzusteigen — eine der Komik und unfreiwilliger Akrobatensprünge und Körperverdrehungen nicht entbehrende Handlung — welcher uns dann naß zwar, aber in bester Stimmung an Bord brachte.
Ueber Spitzbergen ist noch Vieles zu erzählen; ebenso über die herrliche Rückfahrt an der norwegischen Küste, über die Wunder der Mitternachtssonne bei der Einfahrt in Tromsoe und das dortige Lappenlager, über die Pracht der nordischen Welt bei Gudwangen und Marak, über den Besuch von und bei dem deutschen Kaiser in Aalesund und den Aufenthalt in Bergen, der durch die Freundlichkeit unseres dort domizilierten Landsmanns, Herrn Herzog aus dem Pfarrhause Güttingen, besonders genußreich sich gestaltete, und über vieles Andere mehr. Aber unser Schiff eilt dem Endziele, Hamburg zu, und unser Verlangen geht nach der Heimat und nach dem Berufe.