[Daheim.]

VIII.

Hapag. — Patriotische Feststimmung. — Gräber an der Adventbay. — Im Eise gefangen. — Jagd auf Spitzbergen. — Walfischfang.

Hapag! Wie anders wirkt dies Zeichen jetzt auf mich ein als noch vor wenig Monaten! — Dazumal glitt mein Auge nichtsachtend an den fünf Buchstaben vorbei; heute zaubert das kleine Wort eine Flut von Erinnerungen hervor; ich sehe die Wunder der nordischen Schärenlandschaften und des Polarmeeres; auf letzterm gleitet die stolze „Auguste Viktoria“, das prunkvolle kleine Universum; auf der Kommandobrücke steht die Hünengestalt des braven Kapitäns Kaempff, dem das Leben von nahezu 700 Menschen anvertraut ist. Keiner zaudert, ihm volles Vertrauen zu schenken, dem schönen Typus eines pflichttreuen, kaltblütig überlegenden Seemannes, der, ein Bär von Postur, mit gleicher Sicherheit sein stolzes Schiff leitet, wie er mit ritterlicher Grazie den Damenhandkuß zu applizieren weiß.

Vom Promenadendeck her tönt fröhliches Leben; dazwischen die flotten Weisen der Schiffskapelle, vor allem die bergfrische Nationalhymne Norwegens. Und an allen Ecken und Enden steht das Zauberwort Hapag, auf jedem großen und kleinen Schiffsteile — vom Rettungsboote bis zum Zahnstocher, auf dem Schilde der Kapitänsmütze und jedem Kleidungsstücke, das der Steward und der Matrose am Leibe trägt. Den jungen, frischen Schiffsjungen, der auf jedes Signal von der Kommandobrücke her die Treppen hinauffliegt, um die Befehle „des Königs“ entgegenzunehmen, hatten wir deshalb in naheliegender Erweiterung seiner Signatur schon am ersten Tage Harpagon getauft und ihn auf diesen Ruf folgen gelehrt.

Hamburg-Amerika-Packetboot-Aktien-Gesellschaft ist der Sinn des kleinen Wortes, das in der ganzen Welt so bekannt ist, daß ein mit Hapag adressierter Brief sicher seinen Weg findet, und ein Zufall, der soeben meinen Blick auf die fünf Buchstaben fallen ließ, macht mir plötzlich Mut und Lust, die in der „Thurgauer Zeitung“ begonnene Schilderung unserer nordischen Reiseerlebnisse zu Ende zu führen.

Also zurück nach Spitzbergen! Auf Flügeln des Gedankens ist der Weg im Nu zurückgelegt, obschon die Distanz ungefähr derjenigen zwischen Rio Janeiro oder Kapstadt oder Tibet und unserer Heimat entspricht.

Am Morgen des zweiten Tages wurde bei Zeiten wieder und als vollzähliges Trio das zauberhafte Land betreten. Dort erfuhr ich eine heimelige Ueberraschung. Als wir an geschützter Stelle, in das blumige Moos gelagert, die großartige Moos-, Gebirgs- und Gletscherlandschaft bewunderten, packten meine Gefährtinnen aus: eine veritable Schweizerfahne samt Stock und eine Flasche — Sonnenberger[3] 1895er, von Paul Bartholdi.[4] Nun wurde ein echt vaterländisches Fest gefeiert, wohl das erste Schweizerfest auf Spitzbergen, und unter Schwenken der Fahne, ergötzlichen Reden und lautem Hoch auf die liebe Heimat der Tropfen geleert, den die Sonne unseres Thurgaus gezeitigt hatte und der mir in meinem Leben noch nie so vortrefflich gemundet hat wie dazumal, am 12. Juli, unterm 78° nördl. Breite. Die Flaschen-Etiquette trägt nun die Aufschrift: „Sonnenberger 1895 von P. Bartholdi, am 12. Juli 1899 unter hochgehenden vaterländischen Gefühlen geleert auf das Wohl der lieben Heimat von etc. etc. etc.“ In der linken obern Ecke stehen groß und deutlich die Buchstaben O. G. V.,[5] ein für spätere Polarfahrer, welche die Flasche entdecken, jedenfalls unlösbares Rätsel.