Nach der patriotischen Fahnenweihe durchstreiften wir, soweit nicht Sumpf und Morast uns hinderten, kreuz und quer das Gelände und jeder Schritt führte zu etwas Außergewöhnlichem und Interessantem. Vor allem erregte unsere Aufmerksamkeit ein Abhang aus Geröll, den ein starker Gletscherbach im Laufe der Jahrzehnte angespült haben mochte, und auf welchem verschiedene auffällige Erhebungen zu erblicken waren. Bei der Annäherung fanden wir zwei schmucklose Grabzeichen aus Holz und gemaltem Blech; das eine trug die Inschrift: Andrees Holm, Tromsoe; födt 7. April 1896; das andere: Jakob Hansen af Hammerfest, födt 28. August 1878, letzterer ein während der sommerlichen Jagdzeit hier verunglückter Fischer, der erstere aber Teilnehmer einer nordischen Tragödie, deren weitere Spuren in unmittelbarer Nähe zu finden waren und mit der wir uns gleich beschäftigen werden. Wir schmückten die rührenden Zeugen menschlichen Daseins und Kampfes in dieser nordischen Einöde — die schlichten Gräber — mit den schönsten Blumen, welche der Boden spendete.
Was hätte dieser Andrees Holm alles erzählen können! Im Sommer 1895 hatte er mit drei andern Norwegern, Klaus Thue, Anton Nils und Nils Olsen, an den Küsten von Westspitzbergen dem Fischfang obgelegen, und als sie auf ihrem kleinen, einmastigen Fangschiffe heimkehren wollten, verlegte ihnen das unerwartet früh um die Südspitze herschwimmende Eis den Weg. Ein starker Schneesturm trieb sie wieder nordwärts, und wo immer sie Eingang in einen schützenden Fjord suchten, fanden sie denselben bereits mit Eis gefüllt. Im nördlichen Eisfjord endlich, der unter der Einwirkung des Golfstromes am längsten offen bleibt, und zwar in dem Teil, in dem wir eben vor Anker lagen, der Adventbay, fanden sie Zuflucht, und dort fror ihr Schiffchen, die „Ellida“, rasch ein, so daß die Insassen sehr bald die traurige Gewissheit hatten, sieben bis acht Monate in dieser trostlosen Eiswüste verweilen zu müssen, fern von jeder menschlichen Hülfe.
An Bord zu bleiben war unmöglich. Die vier Männer errichteten daher auf der nächstgelegenen Anhöhe eine Notbehausung, deren Konstruktion und Überreste noch deutlich zu sehen sind. Etwa einen Meter tief ist der Grund ausgehoben und die Grube mit Schiffsbrettern verschalt; darüber findet sich aus Treibholz, Mast und Rudern ein Dach erstellt, das noch teilweise mit Zinkblech vernagelt ist und das dazumal von den Insassen mit Rentierhäuten,[6] Rasen- und Moospolstern bedeckt wurde. Zum Eintritt diente die noch vorhandene Kajütenthüre. In der jetzt großenteils abgedeckten Hütte, in welche ich hineinkroch, waren als weitere Zeugen des dort verlebten Winters noch zu finden: ein Bretterverschlag, der mit Rentierfellen ausgekleidet die Schlafstätte gebildet hatte; dann ein verrosteter, zertrümmerter Herd, der ehemalige Kochherd des Schiffes, ein niedriger Tisch, eine Kiste mit Handwerkzeug; ferner zerrissene Strümpfe, Handschuhe und Kleidungsstücke anderer Art; Knochen von Rentieren, Fischen, Vögeln — die Überreste der winterlichen Mahlzeiten — lagen ringsherum zerstreut.
Nothütte.
Den langen Polarwinter brachten die Eingeschneiten und Vereisten mit Jagd und dem Suchen nach Kohlen in möglichst entfernten Lagern zu, um der Hauptgefahr der Unthätigkeit in der permanenten Dunkelheit, dem Scorbut, möglichst zu entgehen. Bis 22 Grad Reaumur Kälte hatten sie zu ertragen, so daß Anton Nils die Nase abfror; trotzdem ging er acht Tage nachher wohlgemut und fröhlich singend auf die Jagd — um nicht mehr zurückzukehren. Wahrscheinlich hat ihn ein Eisbär verzehrt. Das zweite Opfer war Andrees Holm, der am 30. März am Scorbut starb und, da die Erde hart gefroren war, zum Schutz gegen Füchse und Bären einstweilen in zwei Fässer gesteckt wurde. Sobald das Eis des Fjords — im Juni 1896 — in Bewegung kam, wagten sich die zwei Ueberlebenden auf kleinem Boote hinaus, um Fischerschiffe aufzufinden; aber fünf Tage lang wurden sie auf offenem Meere umhergeschlagen und hatten nur rohe Vögel als Nahrung, und als endlich ein Fischer sie rettete, waren sie beide auch am Scorbut erkrankt. Trotzdem fuhren die treuen Gesellen, bevor sie heimwärts strebten, nochmals nach der Adventbay zurück, um ihren Kameraden zu beerdigen, und das Grab, neben dem wir standen, war das Werk ihrer matten und kranken Hände.
Ähnliche Unglücksfälle ereignen sich von Zeit zu Zeit und auch dem größten Touristenschiffe kann es passieren, sofern es zur Unzeit, später als Ende August, Spitzbergen aufsucht, daß es sich plötzlich und unerwartet in einem Fjord durch Eis festgebannt sieht. — Plötzliche dichte Nebel, entsetzliche Stürme und unerwartete Treibeisblockade sind die Gefahren des Polarmeeres für die Schiffahrt.
Einen Versuch, an den schneefreien Abhängen des nächstliegenden Berges in die Höhe zu steigen oder eines der sich öffnenden Thäler zu begehen, mußten wir bald aufgeben, weil der Boden infolge des herabrieselnden Schneewassers überall morastig durchweicht war, so daß wir bis über die Knöchel einsanken. Wie’s in dieser Beziehung weiter landeinwärts beschaffen sein mochte, ersahen wir an Schuhwerk und Kleidern von Graf Metternich und einigen andern Jagdfreunden, welche morgens 2 Uhr unter der Führung von zwei norwegischen Fischern sich einige Stunden weit ins Innere begeben hatten und nachmittags mit reicher Beute zurückkehrten. Die Menge des angetroffenen Wildes stand zwar hinter ihren Erwartungen zurück; einige Tage zuvor war der Kronprinz von Italien mit seiner jungen Frau, die dem nordpolfahrenden Herzog der Abruzzen das Geleit gaben, hier gewesen, und die jagdlustigen Italiener sollen innert zweimal 24 Stunden gegen 200 Rentiere an der Adventbay erlegt haben; nicht der geringste Teil fiel vor dem treffsicheren Rohre der Montenegrinerin. Von der Beute wurden einfach die Geweihe mitgenommen; das Übrige blieb liegen. Daß ein solch grausames Schützenfest die harmlosen Rentierherden für die nächsten paar Wochen verscheuchte und in entferntere Regionen trieb, liegt auf der Hand. Indes waren die Spuren des Tieres überall so reichlich vorhanden, daß man glauben konnte, sich auf einem ihrer Hauptweideplätze zu befinden. Auch brauchte man nicht sehr weit zu gehen, um schön ausgebildete Geweihe zu finden, welche von den Tieren jeweils im Dezember oder Januar abgestoßen werden.
Gletschereis.