Eingedenk der vortrefflichen Eigenschaften des Rentieres, seiner Anspruchslosigkeit betreffs Ernährung, seiner universellen Nützlichkeit und seiner absoluten Unschädlichkeit und in Erinnerung an die Thatsache, daß es, wie fossile Reste — sogar fossile von Menschenhand bearbeitete Rentiergeweihe — es beweisen, einst über den größern Teil Mitteleuropas verbreitet gewesen sein muß, fragte ich mich oft, warum es wohl noch niemandem eingefallen sei, unsere Alpen mit diesen trefflichen Tieren zu bevölkern. Es ist doch sehr wahrscheinlich, daß sie sich ganz gut akklimatisieren würden.

Die Nimrode unter den Schiffspassagieren, welche zu bequem waren, stundenweit bergauf- und thaleinwärts zu laufen, ließen ihre Mordlust an den arglos herumfliegenden Strandvögeln aus. Piff, paff, puff knallte es allerorten, und Dutzende von zwecklos getöteten oder verwundeten Enten, Möven und Eidergänsen fielen zur Erde oder zuckten im letzten Kampfe auf der glatten Meeresfläche. Ich freute mich stets königlich, wenn ein mit selbstbewußter Sicherheit abgegebener Schuß zum Ärger des Schützen und unter Halloh der Zuschauer den einzigen Effekt hatte, die Flug- oder Schwimmgeschwindigkeit des Zielobjektes um 100 pCt. zu beschleunigen, oder wenn eine Taucherente, welcher der tödliche Schuß galt, blitzschnell unter dem Wasser verschwand, um sehr vergnügt hundert Meter davon entfernt wieder aufzutauchen. Da in Spitzbergen kein Jagdschein notwendig ist, bleibt es vorläufig das Eldorado aller Jäger, bis die dortige Tierwelt so vernichtet sein wird, daß es sich nicht mehr lohnt, Pulver und Blei dorthin zu tragen. Allerdings sind ja nur einige Küstenstriche zugänglich und das mit 1000 Fuß dicker Eisschicht bedeckte Landesinnere wird den Eisbären und Polarfüchsen vorläufig noch ein sicherer Hort bleiben; aber wer weiß, mit welchen Mitteln sich das raffinierteste aller Raubtiere, der Mensch, in Zukunft auch diese unzugänglichen Einöden begehbar machen wird!

Die großartigste Jagdepoche Spitzbergens fällt in das siebenzehnte Jahrhundert. Anno 1607 lenkte der berühmte Seefahrer Hudson die Aufmerksamkeit der Welt auf die ungeheure Menge von Walfischen, Walrossen, Robben und wertvollen Pelztieren, welche jene noch wenig bekannte — zehn Jahre vorher durch den Holländer Barents entdeckte — Inselgruppe bevölkerte. Daraufhin fuhren alle seefahrenden Nationen hin und lagen sich zwanzig Jahre lang tüchtig in den Haaren, bis endlich durch einen Vertrag die Jagdgründe geregelt und verteilt wurden.

Die intensivste Fangthätigkeit entfaltete Holland. In der Smeerenberg (Smeer = Fett; bergen = verwahren) auf der Amsterdaminsel waren oft gleichzeitig gegen 300 holländische Schiffe anwesend; während der kurzen Sommermonate bevölkerten über 12,000 Menschen die öde Landschaft und die Mitternachtssonne war Jahrzehnte lang Zeuge aller nur denkbaren Laster; das spielend leicht verdiente Geld wanderte in Spiel- und Trinkhöllen und schuf ein arktisches Sodom und Gomorrha. Der Walfischfang blieb zweihundert Jahre eine so ergiebige Quelle des Reichtums, daß man in Holland unschlüssig war, ob dem Hafen von Smeerenberg oder demjenigen von Batavia größere Bedeutung beizumessen sei und welcher im Ernstfalle zuerst zu verteidigen wäre. Einige Zahlen mögen diese unglaublichen Thatsachen erhärten:

Der grönländische Wal, der bis 3000 Zentner schwer wird, bildete früher das Hauptwild der Gewässer Spitzbergens, hat sich jetzt aber infolge Jahrhunderte langen rücksichtslosesten Vernichtungskrieges fast ganz weiter nach Norden verzogen. Ein einziges Exemplar konnte 20,000 Mark an Wert abwerfen. Der Hauptwert liegt in der bis zu 40 Centimeter dicken Speckschichte zwischen Oberhaut und Muskelfleisch, welche zu Thran ausgesotten wird, und in den sogenannten Barten, jenen hornigen Kiefergebilden, aus welchen man das Fischbein gewinnt (2500 Kilogramm per Tier und mehr). Die Barten dienen dem Tiere dazu, seine Nahrung zu fangen; mit geöffnetem Maule von sechs Meter Länge und vier Meter Breite durchschwimmt es den Ozean, wobei Millionen kleinster gallertartiger Meertierchen des durchströmenden Wassers an den Bartenhaaren hängen bleiben und verschluckt werden, sobald sie sich in größerer Menge angesammelt haben. Wenn man erwägt, welche Billionen dieser kleinsten Organismen tagtäglich nötig sind, um einen derartigen Riesen zu ernähren, so kann man sich eine Vorstellung machen, in welcher Zahl sie im Ozean enthalten sein müssen. Sie machen das Polarmeer oft auf meilenweite Entfernung mißfarbig, und das sogenannte „schwarze Wasser“ wird aus naheliegenden Gründen von den Walfischfängern besonders gerne aufgesucht.

Die Holländer haben seiner Zeit jeden Sommer zu Hunderten dieser kostbaren Tiere erlegt, also buchstäblich Gold aus dem Meere gehoben. Genaue Zahlen aus jener Zeit sind mir nicht bekannt; dagegen erfuhr ich, daß eine amerikanische Walfischfanggesellschaft noch 1858 eine Jagdbeute von 20 Millionen Mark gemacht hat, und daß in den letzten Jahren von den verschiedenen norwegischen Walfischstationen (die wegen des entsetzlichen Gestankes, den die verwesenden Reste der Riesenleiber ausströmen, alle auf Inseln oder von menschlichen Ansiedelungen entfernten Küsten sich befinden) durchschnittlich 2 bis 3 Millionen Mark per Jahr und per Station umgesetzt wurden.

Auch hier an der Küste der Adventbay trafen wir allerlei Ueberreste von Walfischleibern, unter anderm riesige, von der Sonne gebleichte Rücken-Wirbel, deren einer ein ganz respektables Gewicht repräsentierte.

Der Grönlandwal ist, wie oben erwähnt, in den Gewässern Norwegens und Spitzbergens fast ganz ausgestorben und in die vom Eise verbarrikadierten Zonen des höchsten Polarmeeres vertrieben. Die Arten, die dort noch gejagt werden, sind: der massige und wertvolle Blauwal, der Finnwal, das längste Tier der Erde, bis 100 Fuß lang, aber bedeutend schlanker als der Grönwal, und einige kleinere Walarten, alles sogenannte Furchenwale, weil ihre Bauchhaut im Gegensatz zum grönländischen Wale in Längsfurchen gelegt ist. Der Schrift von Georg Wegener entnehme ich, daß es auch eine Walart mit Zähnen giebt, von den Seeleuten „Speckhugger“ genannt, weil sie, nach berühmten Mustern, zu mehreren vereint ihre größten Vettern angreifen und große Stücke Speck aus ihrem Leibe herausreißen. Es sind Kämpfe beobachtet worden, bei welchen der geängstigte Großkapitalist in seiner Not weit über das Wasser hinaussprang, ohne das er die fest an seinem Bauche hängenden Schmarotzer abschütteln konnte.

Die Jagd auf Wale ist vier Seemeilen von der Küste entfernt für jedermann frei; dagegen darf die Verwertung der Beute nur auf norwegischem Gebiete stattfinden, weshalb ausländische Fänger nur im Dienste einer norwegischen Gesellschaft fischen dürfen oder aber einer Aktiengesellschaft angehören müssen, die auch Norweger zu ihren Mitgliedern zählt.

In frühern Zeiten war der Walfischfang ein Geschäft voll Romantik und Gefahr. Auf ausgesetztem kleinem Ruderboote mußte man sich dem Tiere so weit zu nähern suchen, daß der Harpunier ihm den Widerhaken in den Leib schleudern konnte; da galt es denn, im gleichen Momente das Boot aus dem Bereiche der Schwanzflossenschläge des wütenden Tieres zu bringen, und nachher kamen die kritischen Minuten, wo der davonrasende verwundete Wal durch Abwickeln der Harpunenleine das Boot in Gefahr brachte. Oftmals hat eine Störung des blitzschnellen Ablaufes der Rolle Schiff und Leute in die Tiefe gerissen. Heutzutage bedient man sich zum Walfischfange jener kleinen Dampfboote, deren wir eines vor Hammerfest gekreuzt hatten. Es sind eiserne Dampfer von 70-80 Fuß Länge, die äußerst schnell fahren und am Bug eine drehbare Kanone tragen. Die Harpune, welche dieses Feuerrohr schleudert, ist an langer Leine am Schiff befestigt und enthält in ihrem Kopfe ein Sprenggeschoß, das im Momente des Eindringens in den Walfischkörper explodiert und lange Widerhaken hervorschnellen läßt; das furchtbar verwundete Tier schießt mit der Geschwindigkeit eines Blitzzuges in die Tiefe — gefolgt von der rasch sich abwickelnden Leine, kommt aber bald wieder zum Vorschein, um zu atmen oder aber — bereits verendet. Der Todeskampf ist zuweilen so furchtbar, daß er die ganze See in Aufruhr bringt. Mit Jubel wird es begrüßt, wenn das Tier nach dem Harpunenschuß Blut bläst, „die rote Flagge zeigt“; das bedeutet eine ganz rasch tödliche Verletzung von Herz und Lungen.