Es giebt wohl kein Tier, das für die Erforschung unserer Erde eine solche Rolle gespielt hat, wie der Walfisch. Seinen Spuren folgend drangen Walfischfänger schon in frühen Jahrhunderten bis in die nördlichen Meere, und lange vor Kolumbus haben baskische und normannische Walfischer den Weg nach Amerika zurückgelegt.

IX.

„Malerische Gruppe“. — Beutezug an der Küste. — Fischerzelt. — Die Yacht des italienischen Kronprinzen. — Hotel Spitzbergen.

Unterdessen hatte sich der größte Teil der Schiffspassagiere ans Land gemacht, und wir bemerkten aus der Entfernung, wie sie sich zu einem Zuge ordneten, voraus einige Matrosen mit der deutschen, der amerikanischen und der Hamburger Flagge, dann die Schiffsoffiziere und die Musik; unter klingendem Spiele bewegte sich der Gewalthaufen landeinwärts. Da giebt’s was zu sehen; also im Trab über Stock und Stein und quatschende Pfützen, die Hände voll friedlichen Raubs: Pflanzen, Knochen und Steine, in der rechten die flatternde Schweizerfahne!

Vor einer sachten Erhebung machte der aus allen denkbaren Kostümen und Toiletten zusammengesetzte Zug Halt, und es wurde zu den vorjährigen Gedenkzeichen der Anwesenheit der „Auguste Viktoria“ auf Spitzbergen ein neues gesetzt, eine hübsch ausgestattete eiserne Tafel mit der Inschrift: „S. S. Auguste Viktoria, Hamburg; 12. Juli 1899.“ Ueber der Tafel thronte ein Schild
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mit P, getragen von einem Schiffsanker. Das Ganze
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wurde auf einem eisernen Stativ in den Boden gestoßen, mit Steinen malerisch blockiert und von den Matrosen mit Moosplatten und Blumen dekoriert. Unter dem Klange der verschiedenen Nationalhymnen (n. b. das „Rufst du mein Vaterland“ der Schweizerkehlen ging in dem „Heil dir im Siegeskranz“ nicht etwa unter; denn die Eidgenossen stunden, wie in der Schlacht bei Sempach, dicht beisammen) und Schwenken der Banner erhielt das Wahrzeichen unserer Nordlandsfahrt seine Weihe. Dann ordnete man sich (es war in der Person des Herrn Dreesen aus Flensburg ein vortrefflicher und weltbekannter Berufs-Photograph anwesend) zu einer „malerischen Gruppe“, um durch die nordische Sonne sich verewigen zu lassen. Ahnungslos stunden wir mit unserm Schweizerfähnlein in vorderer Reihe. „Die Flagge muss wech!“ rief’s aus der Hinterphalanx — nicht etwa aus Animosität gegen das weiße Kreuz im roten Feld, sondern weil der Reklamant mit Recht es sich verbitten konnte, daß seine Gesichtszüge durch ein Stück — wenn auch noch so patriotisch flatternden — Tuches zugedeckt würden. Wir marschierten also unverwundet in die hinterste Reihe; von dort her aber fällt die hochgehaltene Schweizerfahne auf der gelungenen Photographie zu allererst in die Augen: in der Mitte der Fähnrich, vor ihm die beiden getreuen Lebensgefährtinnen, rechts und links als Stützen des Vaterlandes Papa Laroche und Professor Böhringer.

Da wurde dann gleich die patriotische Erregung weiter ausgeschmiedet: Im Glockensund wollten wir am folgenden Tage offiziell das eidgenössische Banner aufpflanzen und von dem Lande für Mutter Helvetia Besitz ergreifen; Professor B. übernahm die Festrede, und Papa L. wurde einstimmig zum Admiral der schweizerischen Marine ernannt. In das schöne Projekt fiel ein bitterer Tropfen: Die Flasche Sonnenberger-Thurgauer war bis auf die Nagelprobe geleert; wir hatten „keine zweite zu versenden“, und für den Festredner und den Admiral blieb als einziger bescheidener Genuß das Riechen an der leeren Flasche, deren Duft aber noch genügte, ihre Züge freundlich zu verklären. Ein tückischer Polarnebel hat aber den Plan vereitelt und damit auch die Gefahr einer politischen Intervention des übrigen Europas abgewendet.

Nachdem die Zehntels-Sekunde Ruhe und freundliches Lächeln, welche der Photograph verlangt hatte, glücklich überstanden war, zerstreute sich das Volk nach allen Richtungen, und bald bot das fremdartige Gelände ein recht malerisches und bewegtes Bild: Ueberall kleinere Gruppen von entzückten Blumensammlern, da und dort ein blutdürstiger Jäger zum Schuß bereit, an allen Ecken Amateurphotographen männlichen, namentlich aber weiblichen und sogar sächlichen Geschlechts. Einzelne, vorab die Schiffsbemannung, stürmten, ohne Rücksicht auf bodenlosen Sumpf, landeinwärts und bergaufwärts, und männiglich kehrte mit zusammengelesenen Rentiergeweihen und andern Raritäten zurück. Einen Bären brachte Keiner; auch die größten Blagueure mußten gestehen, keinen solchen, nicht einmal von weitem, erblickt oder gewittert zu haben. Auch das ersehnte Walroß ließ sich nirgends sehen.