Wir begnügten uns mit dem leicht Erreichbaren, und unser Schatz wuchs zusehends. Abgesehen von reizenden Pflanzen erbeuteten wir seltene Mineralien, Steinkohlen, prächtige Versteinerungen von Kryptogamen und allerlei Blattpflanzen. Dann erregte unser Interesse die Menge und Verschiedenartigkeit des herumliegenden Treibholzes; teilweise zeigte sich dasselbe bearbeitet, entstammte also Fahrzeugen, die vielleicht in Westindien Schiffbruch gelitten hatten und deren Fragmente durch den Golfstrom hieher geführt worden waren. Andere Stücke entpuppten sich als Lerchen- und Erlenholz, und ich ließ mir erzählen, daß an der Ostküste Spitzbergens erstaunliche Mengen dieser Stämme mit Regelmäßigkeit angeschwemmt werden und oft ganze Buchten ausfüllen. Sie wurzelten einst in dem großen sibirischen Stromgebiete, wurden durch die im Sommer hochanschwellenden Gewässer ihrem Stammorte entführt, ins Meer geschwemmt und gelangten mit dem Polarstrom endlich an Spitzbergens eisumgürtete Küste. Es ist ja bekannt, daß diese Treibhölzer den Bewohnern der baumlosen Gegenden Grönlands, Islands — überhaupt der Polarländer — seit Jahrhunderten ihr Nutz- und Brennholz liefern, und die Kenntnis der arktischen Meere und ihrer Strömungen ist nicht zum mindesten durch das großartige Phänomen des Treibholzes erweitert worden.

Eine überaus interessante Thatsache ist es, daß man in Spitzbergen oft stundenweit im Innern und auf beträchtlicher Höhe über dem Meeresspiegel, zu welcher die größte Springflut niemals gelangen kann, Treibholz und Walfischknochen findet. Daraus zieht man den Schluß, daß im Laufe der Jahrhunderte entweder das Land sich gehoben oder das Meer sich gesenkt haben muß. Diese Niveauveränderung wird auch in Skandinavien beobachtet. Eingehauene Klippenzeichen haben sich innert 40 Jahren um nahezu 50 Centimeter gehoben, und eiserne Ringe, die vor vielen Jahren zum Anbinden der Kähne dienten und welche durch einen umgemalten weißen Kreis weithin sichtbar gemacht sind, stehen jetzt so hoch, daß sie nicht mehr gebraucht werden können. Da man die alten Strandlinien weder unter sich, noch mit dem Meeresspiegel parallel findet, wird eher an eine Bodenerhebung, als an ein Sinken der Wasserfläche zu denken sein.

Einige der von mir gesammelten Treibholzstücke mögen seit Jahrhunderten dort gelegen haben, ohne zu faulen; ihr Volumen ist unverändert, und die Holzfaserung ist deutlich zu sehen; aber man glaubt zuerst, ein helles Mineral zu finden, und ist erstaunt über das geringe, jedenfalls noch unter demjenigen des Korkholzes stehende spezifische Gewicht. Auch Ueberreste von Tieren schleppten wir mit, unter anderm einen Rentierschädel, in dessen Höhlungen sich allerlei arktische Moose und Blütenpflänzchen angesiedelt hatten; dann Mövenflügel, Knochen, Geweihe und andere Herrlichkeiten mehr.

Es war sehr unterhaltend, nachher an Bord die vom Lande her Zurückkehrenden zu beobachten; die unglaublichsten Dinge wurden hergebracht, und in mancher Kabine sah es gegen das Ende der Fahrt, namentlich als in Tromsö die Lappen ihre duftenden Gegenstände noch an den Mann und die Frau gebracht hatten, aus wie in einem Naturalienkabinett; auch die Atmosphäre stimmte, und ich will hier verraten, daß verschiedene Passagiere einige von ihren mit Stolz gezeigten und mit Liebe geborgenen Trophäen — des zunehmenden Aromas halber — nächtlicher Weise dem verschwiegenen Ozean anvertrauten. Das Aroma aber blieb, wie das Phlegma beim Spiritus.

Einen besondern Anziehungspunkt bildete die kleine Ansiedlung der norwegischen Fischerfamilie, welche im hölzernen Touristenhaus der Vesteraalen-Dampfschiffgesellschaft überwintert, nun aber ihre Zelte bezogen hatte und eifrig der Jagd oblag. Ihre edelste Beute war ein Eisbär, dessen Pelz samt Kopf sie zur Konservierung der Haare in ein Faß mit Salzlauge gesteckt hatten. 180 Kronen d. h. zirka 250 Franken sollte das Prachtstück kosten (in Bergen wurde für einen ausgearbeiteten Pelz gleicher Größe das 2½fache verlangt), und um 150 Kronen erstand es schließlich ein Herr kurz vor der Abfahrt der „Auguste Viktoria“, von Vielen beneidet um den Kauf, zu dem sie die Courage nicht gehabt hatten. Da wiederholte sich dann die Geschichte vom Fuchs und den sauren Trauben; „die Farbe des Pelzes war nicht schön; wahrscheinlich ließen die Haare sehr bald; das Ausmachen würde ein Heidengeld kosten“ etc. etc. „„Aber ein Esel war ich doch, daß ich den Prachtskerl nicht gekauft habe; so ’n Fell! und dazu direkt ab Spitzbergen!““ meinte ein Ehrlicher.

So lange der Eisbär keinen festen Besitzer hatte, wurde er gehörig ausgenützt. Die zartesten Damen ließen sich an der Seite des grausamen Tieres, dessen Kopf allerdings kaum mehr blutdürstig aus der Salzlauge hervorguckte, photographieren. Einige von Photograph Dreesen arrangierte Gruppen vor der Fischerhütte, inmitten der mannigfachen Beute um den mächtigen Kopf des nordischen Eiskönigs gelagert und durch die schlichten Fischersleute verstärkt, verdienten das Attribut malerisch im höchsten Grade.

Als wir wissensdurstige (neugierige?) Schweizer unsere Köpfe ins Innere des Hauptzeltes steckten, lagen die Männer noch schnarchend unter ihren Fellen am Boden, während die Frauen und ein zirka sechsjähriges Kind sehr munter die vielen Fremdlinge musterten. Der Haus- und Familienhund — ein langhaariger Spitz — hatte längst das Weite gesucht; auf zirka 200 Meter Distanz bellte er die „Auguste Viktoria“ und ihre am Land promenierenden Insaßen an und beantwortete jeden Lockruf und jede Annäherung damit, daß er davon und wie verrückt in weiten Kreisen herumrannte.

Das niedrige Zelt enthielt außer den Schlaflagern die unerläßlichsten Haushaltungs- und Küchengegenstände; neben der Kaffeemühle thronte eine Guitarre, die wohl einst die mehrmonatliche Polarnacht kürzen half. Wie melancholisch mögen ihre Saiten in die nordlichtdämmernde Eiswüste hinausgeklungen und was werden sich die lauschenden Bären und Blaufüchse dabei gedacht haben!

Unterdessen erhoben sich auch die Väter des Fischerzeltes und eröffneten sofort einen kleinen Markt; außer der mannigfachen Jagdbeute: kostbaren Fuchsbälgen — bis 100 Kronen pro Stück gewertet — Rentier- und Robbenfellen und Geweihen, getrockneten und frischen Fischen und Vögeln aller Arten wurden namentlich auch sehr schöne Versteinerungen feilgeboten, welche sie bei Jagdstreifzügen in den nächstliegenden Thälern und Gebirgsstöcken gesammelt hatten.

Einige Säcke voll Eiderdaunen stunden verkaufsbereit, jener feinsten Flaumfedern, mit welchen die Eidergänse ihre Brutnester dicht und warm polstern und welche ihnen von den Sammlern unter dem Leibe und den Eiern weggeraubt werden, meist mit samt einem Teil der letztern. Ich beobachtete eben einen originellen Handel, den der eine unserer norwegischen Lotsen abschloß, als Hochzeitsgeschenk für seine drei im kommenden Monat gleichzeitig sich verheiratenden Töchter, wie er mir sagte. Die zwei Fischer offerierten ihm einen mit Eiderdaunen vollgestopften Sack zu 50 Mark. Das Gewicht taxierten sie — da eine Wage fehlte — aus freier Schätzung auf 50 Kilo, „Wägung vorbehalten“. Der Käufer bezweifelte die Richtigkeit der Taxation, und als ich, als Unparteiischer darum ersucht, die Last auf höchstens 40 Kilo schätzte, wurde ohne weiteres von den Fischern dieses Gewicht in Rechnung gesetzt und der Preis auf 40 Mark reduziert. Der Käufer machte ein gutes Geschäft. Beim Reinigen der Daunen gehen allerdings fast zwei Drittel verloren, so daß ihn schließlich — die Reinigungsspesen mitberücksichtigt — das Kilo auf 4 Mark zu stehen kommen wird. Aber schon in Tromsoe bezahlt man 36 Mark pro Kilo, und weiter südwärts sind die Preise noch höher. Alles in allem wird also der Vater seinen Töchtern je ein Geschenk im Werte von 180 Mark machen, für welches er nur 20 Mark zu bezahlen brauchte.