Gegen Abend — als wir schon die Hauptmahlzeit hinter uns hatten — also zirka 9 Uhr, tauchte plötzlich eine Yacht auf, die vom Eisfjord her sich unserer Bay näherte. Wer mochte das sein? Bald erkannte das Auge des Kapitäns die italienische Flagge und signalisierte den Kronprinzen von Italien mit Gemahlin und Gefolge. Rasch wanderte das grüßende Flaggenzeichen auf die Mastspitze; die Kapelle erhielt Ordre, die königlichen Gäste anzublasen und sich zur Empfangshymne bereit zu stellen, und — was Beine hatte — stund auf Promenadendeck, um die Ankömmlinge zu sehen. Jetzt — ein mächtig widerhallender Salutschuß. Die kronprinzliche Yacht ist in unmittelbarer Nähe und beginnt grüßend unsern Schiffskoloß zu umkreisen. In diesem Moment intoniert unsere wackere Schiffskapelle im Bewußtsein, ganz das Richtige getroffen zu haben — den Garibaldimarsch. Potz Wetter, gab das eine Aufregung! Der erste Schiffsoffizier kam im Galopp gerannt und benannte den Kapellmeister mit dem obersten Bestandteil einer nützlichen und sonst harmlosen zoologischen Spezies; die Harmonien brachen bei dem zirka siebenten Takte jäh ab und „es kam umgehend zum Vortrag“ die regelrechte königlich italienische Nationalhymne. Ob der Kronprinz den Lapsus bemerkt, weiß ich nicht; eingedenk der guten Freundschaft zwischen seinem Großvater und dem Manne, der ihm die Krone brachte, Garibaldi, hätte er sich jedenfalls nicht darüber zu ärgern brauchen.

Neben der Junogestalt seiner montenegrinischen Gattin sah der kleinere und schwächliche italienische Thronfolger nicht gerade imponierend aus. In dem gebrechlichen Körper soll aber, wie zuverlässige italienische Berichterstatter uns sagten, ein feingebildeter Geist und trefflicher Charakter wohnen.

Yacht des Kronprinzen von Italien vor Spitzbergen.

Die Yacht war — nachdem sie dem Herzog der Abruzzen das Geleit gegeben — hieher gekommen, um wo möglich Proviant aufzunehmen; da das Adventbayunterkunftshaus aber noch leer stund, mußte sie unverrichteter Sache weiterfahren. Selbstverständlich hatte es sich unser italienische Fürst nicht nehmen lassen, die königlichen Hoheiten rasch an Bord ihres Fahrzeuges zu besuchen. Dreimal umkreiste dasselbe unsere stolze „Auguste Viktoria“; dann richtete es seinen Kurs unter gegenseitigem Winken und Tücherwehen und Abschiedsrufen nach Süden.

Als Nansen am 26. Juli 1896 nach dreijähriger Abwesenheit im Polareise auf Franz Josephsland zum erstenmal wieder mit Menschen zusammentraf, erfüllte ihn keine aus der Heimat eingehende Nachricht mit solchem Staunen, wie die Kunde von dem Touristenhotel, welches die Vesteraalen-Dampfergesellschaft auf Spitzbergen errichtet hatte. Es war auch wirklich eine fin de siècle-That, in dem einsamen nordischen Inselreiche, das bisher nur von Walfischfängern und Nordpolfahrern berührt worden, ein Unterkunftshaus für Touristen zu schaffen, dasselbe während der zwei Sommermonate durch regelmäßigen zehntägigen Dampferverkehr mit dem norwegischen Festlande zu verbinden und sogar — ein Postamt, natürlich mit Ansichtspostkarten, daselbst zu installieren. Kommandant des zwischen Spitzbergen und Hammerfest zirkulierenden Dampfers ist Otto Sverdrup, der berühmte Kapitän der „Fram“ Nansens; als Wirt auf Spitzbergen funktioniert jener Bernt Bentsen, welcher von Nansen seinerzeit noch in letzter Stunde vor Abfahrt der „Fram“ in Tromsoe für die Nordpolexpedition angeworben war. Sportsleute haben nun Gelegenheit, mit Retourbillet nach Spitzbergen zu fahren und nach Belieben einige Wochen in der Adventbay zu verweilen. Alles zur Meer- und Küstenjagd Notwendige steht dort zu ihrer Verfügung, und für 10 Kronen (zirka 14 Franken) per Tag finden sie in dem „Hotel“ reichliche und gute Verpflegung und Unterkunft.

Wie schon gemeldet, war die Bude während unserer Anwesenheit noch geschlossen, da der Dampfer, welcher Wirt und Proviant und die ganze Installation bringen sollte, das blockierende Eis nicht zu durchdringen vermochte. Die Gesellschaft hat allen Grund, dies zu bedauern; denn die 350 Passagiere der „Auguste Viktoria“, von den durstigen Musikanten und Schiffsleuten nicht zu sprechen, hätten ihr eine reiche Einnahme gesichert. Einen Schoppen auf Spitzbergen hätte jeder getrunken und der Rarität halber wohl auch ein bißchen Walfischragout oder Ähnliches gekostet.

Das kleine Hotel macht, aus der Nähe gesehen, einen ganz freundlichen Eindruck; es ist ein einstöckiges Holzhaus im Chaletstil mit geräumiger Veranda. An ein größeres Speisezimmer mit Wiener Sesseln reihen sich beidseitig kleine schmucklose Schlafräume an mit je 4-6 nach Art der Schiffskojen übereinander angebrachten Holzpritschen. Ein Miniatureckzimmerchen war, wie einzelne rudimentäre Utensilien erkennen ließen, Postoffice und „Schreibsalon“. Sogar ein halbvollendeter norwegischer Brief lag auf dem tintenbeklexten Löschpapier.

Wir umstöberten das einsame Haus wie Einbrecher, probierten jede Klinke, suchten jeden Laden, dessen Jalousien dürftigen Einblick gewährte, zu öffnen, und einige junge Amerikaner erstiegen unter Führung des Schiffsposthalters sogar das Dach, von wo sie sich Eingang verschaffen konnten. Ihre Beute waren einige sehr leere Champagner- und Bierflaschen.