Abfahrt aus der Adventbay. — Polarnebel. — Seekrankheit. — Herrliche Einfahrt in den Fjord von Tromsoe.

Der Morgen des 13. Juli war nicht von tadelloser Schönheit. Nebel und Wolken verhüllten den größern Teil der majestätischen Gebirgs- und Gletscherlandschaft; aber das Gewölk war in Bewegung und wer während der Ausfahrt aus dem Eisfjord auf Deck stund und rückwärts schaute, konnte abteilungsweise nochmals alle die Herrlichkeiten genießen, welche sich tags zuvor ihm eingeprägt hatten. Bald erschien ein imposanter schneebedeckter Gebirgsstock in der Wolkenlücke, bald ein sonnenglänzender Gletscher, dessen Ende nicht abzusehen war, bald ein grünender, schneefleckiger Abhang, und oft glaubte man, die Strahlen der Sonne müßten im nächsten Augenblicke den Schleier zerreißen, der über der nordischen Landschaft hing. Aber wenn eben die Konturen erscheinen wollten und man im Begriff war, das malerische Gesamtbild der Küste Spitzbergens nochmals in sich aufzunehmen, so verschwand es wieder in dem neckischen Naturspiel, und man mußte zufrieden sein, in irgend einem Teile des Gesichtsfeldes ein kleines Stück Welt zu erblicken.

Je mehr wir uns dem offenen Meere näherten, desto dichter wurden Gewölk und Nebel; schließlich sah man kaum mehr zehn Schritte vorwärts; der Nachbar auf Deck erschien, auch wenn man fast Schulter an Schulter mit ihm stund, in ziemlicher Entfernung, und man konversierte wie Schwerhörige oder durch Hauslängen Getrennte.

Vom Kapitän erging der Befehl, die wasserdichte Schotte zu schließen und die Rettungsboote klar zu machen. Dann ertönte jede Minute das schreckliche Getöse des Nebelhorns. Diese Maßregeln hatten für Nervöse und Zaghafte etwas Beunruhigendes; dem ruhig Überlegenden gaben sie ein Gefühl von Sicherheit. Immerhin mag da und dort einer die Querschotte zum Kuckuck gewünscht haben, wenn er — vielleicht in sehr pressanten Geschäften — von seiner Kabine aus eine kleine Exkursion unternehmen wollte und die altgewohnten Wege plötzlich durch eine eiserne Wand verrammelt sah.

Langsam, langsam durchschnitt unser Schiff Nebel und Wellen; Kapitän und Lotsen verließen die Kommandobrücke nie, und auf jedem Auslugposten spähte ein Matrose in die graue Ungewißheit hinaus. Das Bewußtsein, möglicherweise in unmittelbarer Nähe der Yacht des italienischen Kronprinzen zu sein und sie gelegentlich anzurennen, mag wohl die Aufmerksamkeit und Vorsicht noch vermehrt haben.

Nach 2 Uhr mußten wir auf der Höhe des Bellsund sein, in den wir einlaufen sollten. Das war nun allerdings in dem Nebel eine absolute Unmöglichkeit. Der Kapitän ließ anhalten; in fast lautloser Stille, welche nur das grauenhafte Heulen des Nebelhorns unterbrach, hob und senkte sich unser mächtiges Schiff auf der nebelbedeckten Flut und in gespannter Erwartung harrten wir des Momentes, wo der Nebel zerreißen und wir die Riesengletscher des Glockensundes erblicken könnten. Aber er kam nicht und nach 1½-stündigem Warten meldete ein Anschlag, „daß ein Anlaufen des Bellsundes leider unmöglich sei und die Fahrt nach Tromsoe fortgesetzt werden müsse.“ Dann begann wieder das rhythmische Geräusch der Maschinen; unser Schiff drehte nach Süden und wir schwenkten die Hüte und riefen dem naheliegenden, aber unsichtbaren Spitzbergen unser Lebewohl zu — alle, trotz der Enttäuschung, in ganz vergnügter Stimmung, nach und nach sogar Professor B., der doch seine zweifellos schöne, für den Bellsund bestimmte Schützenfestrede nicht hatte ablassen können.

Der Nebel wich nicht bis zum späten Abend, und wir fuhren nur mit halber Geschwindigkeit, die übrigens, um Kohlen zu sparen, bis Tromsoe beibehalten wurde, auch nachdem die Welt wieder durchsichtig geworden war. Auf Deck blieb noch alles vollzählig, während die Reihen an der Tafel bedenkliche Lücken aufwiesen. Das Drama, blaß und angstschweißtriefend mit zugehaltenem Munde plötzlich bei der besten Nummer des Menus vom Tische aufzustehen und — von hundert mitleidlosen Augenpaaren verfolgt — hinauszuwanken, mochten Vorsichtige nicht riskieren; wenn man zu spät kommt, ist’s für alle Beteiligten unangenehm. Aber auch unter den Tapfern, die mutig vor ihrem beladenen Teller saßen, gab’s einige Opfer, und ich sah k. k. höhere Staatsbeamte, deren sonst blühende Gesichtsfarbe wachsbleich geworden und deren Gangart beim plötzlichen Verlassen des Speisesaales von ihrer gewohnten Gravität auffallend eingebüßt hatte. Oben schimpften sie dann über das elende Sodawasser, mit dem sie sich gestern den Magen verdorben hätten.

Probiert wurde wohl alles gegen die Seekrankheit: Fasten, wenig essen und trinken, viel essen und trinken (das zuletzt genannte Verfahren fand die meisten Liebhaber), Tropfen, Zeltli, Pulver, Cognac, Sekt etc., und eine Lady schützte sich gegen den gefürchteten Zustand durch das Aufsetzen einer — dunkelroten Brille. Die Sache ist nicht so ganz widersinnig, als sie auf den ersten Blick aussieht. Der Ausgangspunkt der Krankheit ist das Gehirn, nicht der Magen, und es mag wohl sein, daß die Eintrittspforten des Gesichtsorganes dabei eine wichtige Rolle spielen. Wenigstens erleichtert das Schließen der Augen die Pein um etwas. Geistige Ablenkung thut auch gut; die Skater und Jasser brauchten keine „Brechschüsseln“, und eine Dame, die der Krankheit sehr unterworfen ist, erzählte mir, daß sie und ihr Mann vollständig gefeit die Fahrt über das sehr stürmische mittelländische Meer gemacht hätten, nachdem sie bei der Ausfahrt aus Alexandrien zu ihrem großen und nachhaltigen Schrecken die Thatsache entdeckt, daß ihnen eine Tasche mit 6000 Franken in Gold beim Einbooten gestohlen worden war.

Unser Trio blieb vorläufig gesund — meine Wenigkeit für alle Zeiten — und nach Tisch musterte ich fröhlich rauchend die verschiedenen Situationen auf dem Promenadendeck. Wie zum Hohne spielte die Kapelle einen Straußwalzer: Wein, Weib und Gesang: „Was soll die Angst, was soll die Pein?“ Diese Reminiscenz an das letzte Konzert des Oratorien-Gesang-Vereins im neuen Saale des Hotels Bahnhof trieb dem Präses fast das Wasser in die Augen.