Am heutigen Abend stieg nun allerdings jeder und jede sehr rasch in die Klappe; das Meer wurde recht unangenehm, und von Schlafen war nicht die Rede. Geächz rechts und links und gegenüber in den Kabinen, und noch prägnantere Geräusche bildeten die musikalische Unterhaltung. Mein Vis-à-vis — ein strammer Rittmeister — wurde als hülflose Jammergestalt von dem braven Steward zu Bett gebracht und mit wahrhaft mütterlicher Sorgfalt und Ratschlägen zugedeckt: „So jetzt legen Sie sich ’mal steif auf den Rücken, den Kopf tief und schließen Sie die Augen und schnaufen Sie, was das Zeug hält, und wenn’s was gibt, so ist hier gleich beim Kopfende ein Aschenbecher.“ Von dieser Form sind die blechernen Behälter, welche die vorsorgliche „Auguste Viktoria“ ihren Gästen bei zweifelhaften Zuständen empfangsbereit an das Schmerzenslager steckt.
Na nu! Das Ding wird aber ungemütlich! Das hob sich und senkte sich und legte sich ein bißchen nach rechts und ein bißchen nach links, bald der Vorsteven höher, bald der Hintersteven, und hie und da hatte man die schwer zu beschreibende Empfindung, als ob alle Bewegungen auf einmal sich vollzögen und im Innern des Körpers die entsprechende spiralige Verkrümmung der Seele hervorriefen. Sogar meine hinter den Spiegel gesteckte Schweizerfahne verlor das Gleichgewicht und fiel nach Mitternacht mit Gepolter zu Boden.
Frühzeitig und gerne verließ man seine Lagerstätte, an deren Holzwerk sich bald die rechten, bald die linken Rippen gescheuert hatten, und bestieg etwas gerädert das Deck, wo’s wenigstens herrlich frische Luft gab und das wiederholte Schauspiel spritzender Wale. Das Wetter hatte sich gebessert. Der Nebel war ganz gewichen; richtiger — wir waren indessen in nebelfreie südlichere Breiten gekommen. Spitzbergen selbst mag noch länger in seinem undurchsichtigen und kalten Gewand gesteckt haben.
Unsere Kapelle blies zu ungewohnter Stunde — schon vor dem ersten Frühstück — eine choralartige Melodie; darüber befragt, gab unser überaus höfliche und deshalb eine Antwort nie versagende Tischsteward die Auskunft, es sei heute deutscher Buß-, Dank- und Bettag. Unsere darauf eingestellte Stimmung geriet aber ins Wanken, sobald als Nr. 2 des musikalischen Programmes „die Holzauk’tschon im Grunewald“ ertönte, und der nie verlegene Kellner berichtigte dann sofort den Buß- und Bettag in das Geburtsfest Wanamakers, welchem die Kapelle ein Ständchen brachte, und das stimmte denn auch.
Gegen Abend waren wir schon wieder im Bereich der norwegischen Schären und glitten ruhig und bei herrlichstem klarem Himmel durch die spiegelglatten Fluten, jeden Augenblick durch ein neues Landschaftsbild entzückt. Alles war wieder gesund und vergnügt. Wir schienen innert Tagesfrist in eine ganz andere Welt versetzt. Das Schauspiel der Mitternachtssonne erlebten wir hier in einer Pracht, wie es wohl Nordlandsfahrern selten so zu teil wird. Solche Farbengluten hatte ich nie zuvor gesehen, und wenn man im Übermaß des Entzückens das Allerschönste zu sehen und zu genießen glaubte, so brachte eine Wendung des Schiffes — eine Biegung um eine Landzunge — das vorher Unglaubliche — eine nochmalige Steigerung der prachtvollen Szenerie. Die photographischen Apparate waren die ganze Nacht in Thätigkeit und einzelne Passagiergruppen ließen sich der Kuriosität halber beim Glanze der Mitternachtssonne abkonterfeien.
Bis halb 3 Uhr saßen und stunden wir dann, ein weihevoll, ja dieser göttlichen Naturoffenbarung gegenüber fromm gestimmtes Volk, dicht gedrängt auf dem Vorderdeck und ließen die Wunder Gottes an uns vorüberziehen. Die nach Tromsoe leitenden Fjords zeigen saftig grüne Ufer am Fuße schnee- und gletschergekrönter, steilaufsteigender Berginseln; ab und zu erblickt man eine menschliche Niederlassung, eine kleine freundliche Kirche, umgeben von Fischerhütten. Trotz der vorgerückten Stunde war das Wasser sehr belebt. Malerische Segler, Fischerboote kreuzten, während die Insassen die Netze auswarfen. Einmal grüßten wir auch einen Walfischdampfer, und wo das Ufer bewohnt war, nahten sich kleine Kähne mit neugierigen Mädchen unserm langsam und ruhig dahingleitenden Riesen. — Diese kleinen Fahrzeuge sind nach Art der Wikingerschiffe vorn und hinten hoch aufgebaut und gewähren, namentlich wenn bunt gekleidete Norwegerinnen am Ruder und Steuer sitzen, einen äußerst malerischen Anblick. Da ereignete es sich dann allerdings, daß die weihevolle Stille plötzlich durch lautes Zurufen und Grüßen unterbrochen wurde, und die freundlichen Wikingerinnen ließen mit Winken nicht nach, bis wir um eine Ecke ihrem Gesichtskreis entschwunden waren.
Gegen halb 3 Uhr erfüllte ich die schwere Pflicht, die märchenhaft schöne Welt zu verlassen und mich für einige Stunden zu Bett zu legen. Aber das ging nicht leicht; kaum hatte ich einige Schritte in der Richtung meiner 80 Meter weiter zurückliegenden Kabine gethan, so wurden sie durch neue Ausrufe des Entzückens der staunenden Menge gehemmt, und ich mußte mich immer wieder umdrehen und immer wieder nochmals beide Augen voll nehmen von der Pracht und Herrlichkeit.
Endlich lag ich und — schlief nicht, aber ruhte und zehrte an dem Bewußtsein, daß diese Einfahrt nach Tromsoe im Glanze der Mitternachtssonne und im Gegensatze zu der kurz vorher erlebten Polarnebelöde wohl das Schönste an der ganzen Reise sein und bleiben werde. Und doch gab’s noch weitere Steigerungen!