Unter den Klängen der norwegischen Hymne und Grüßen vom Strande zum Deck und umgekehrt fiel der Anker. Der erste, der nun in Funktion trat, war unser wackerer Postmeister. Die in Tromsoe auf uns wartenden Postsendungen wurden an Bord geschafft und im Konversationssaal zu Händen ihrer Adressaten unter die Stewards verteilt — bei sorgfältig verschlossenen Thüren, um die ungeduldig harrenden und andrängenden briefgierigen Passagiere fernzuhalten. Vierzehn Tage waren wir nun ohne Nachrichten aus der Heimat, wenn auch nicht ohne alle Kunde von der Welt; denn an jeder Haltestation, wo Telegraph und Zeitungen sich fanden, wurde von einem Vertreter der Hapag in englischer und deutscher Sprache ein Extrakt der wichtigsten Weltereignisse angefertigt und jeweils am „schwarzen Brette“ unseres Schiffes angeschlagen, wo’s dann nachher zirka eine Stunde lang her- und zuging wie auf einer Börse.

Das allgemeine Programm für den heutigen Tag lautete: Vormittags Sehenswürdigkeiten in Tromsoe, nachmittags Besuch des Lappenlagers in Tromsdal auf dem gegenüberliegenden Festlande. Wir drei machten die Sache in umgekehrter Reihenfolge, um dem Gedränge zu entgehen und ungestört beobachten und genießen zu können. Während die Dampfbarkassen Gruppe um Gruppe nach Westen ans Land führten, suchte ich mir unter den unser Schiff umkreisenden norwegischen und lappischen Booten ein passendes heraus, dem ich die Leiber von drei Eidgenossen anvertrauen durfte. Es war ein wetterharter, muskelstarker Frithjof, der uns auf kleinem Nachen ostwärts über den Sund ruderte. Wir benützten die stille Ueberfahrt, um ungestört durch das nahe Getriebe der Welt die eingegangenen Briefe zu lesen, ersehnte Nachrichten aus der Heimat, gottlob von allen Seiten nur Gutes. Das hob unsere Reisestimmung.

Nach halbstündiger Fahrt erreichten wir Storstennaes (Naes = Nase, eine in Norwegen immer wiederkehrende Ortsbezeichnung für auf Landzungen gelegene Ortschaften), wo einige Bauernhöfe und auch ein kleines Gasthaus den Eingang in das grüne Romsdal hüten. Ein breiter Fußweg führt durch Wiesen und dann durch einen lichten Wald von 3-5 Meter hohen Birken sanft aufsteigend thalaufwärts, während in der Tiefe ein rauschender Strom dem Fjorde zueilt. Die Luft war heiß und schwül und zahllose Mücken peinigten die Wanderer, fast wie in tropischem Lande; hie und da war auch ein den Pfad kreuzender Bergbach zu durchwaten. Aber was focht uns das alles an? Rechts und links vom Wege duftete es wunderbar — reizende Waldblumen in allen Farben; gradaus fiel der Blick auf den unten lichtgrünen, oben schneebedeckten Tromsdalstind, der das Thal gegen Osten abschließt, rückwärts glänzte der blaue Fjord und seitwärts in der Tiefe schäumte ein ungestümes, breites Schneewasser. Ab und zu begegneten wir bereits einigen Lappen, die mit selbstverfertigten Artikeln zu Markte zogen, in Rentierfelle oder blaue Kittel gekleidet, schmutzig und unsagbar duftig, jeder, wie der Erdball, mit und in seiner eigenen Atmosphäre kreisend. Wehe dem, der sie kreuzte! Aber die Gesichtsbildung fanden wir durchaus nicht häßlich, wie man sie sonst schildert, weder beim weiblichen noch beim männlichen Geschlechte, und wenn wir einen Jungen oder Alten mit unserm stereotypen Gruß: „Grüetzi Lappi“ anredeten, ging sogar etwas recht Freundliches, fast Anmutiges über seine Züge.

Nach ¾stündigem Marsche und einigen schließlichen Seufzern über Hitze und Schnacken hatten wir das Ziel erreicht und befanden uns inmitten des Lappenlagers, einer zerstreuten Gruppe von Stein- und Lehmhütten; auch einige durch Birkenstämme gestützte Leinwandzelte liegen dazwischen, bevölkert durch Lappen aller Lebensalter und durch Ziegen, Kühe und Hunde, welche in friedlichem Durcheinander sich in die herrlich grünen, aber stellenweise morastigen Rasenplätze teilten.

Die Lappen im Norden Schwedens, Norwegens und Rußlands — deren Zahl sich gegenwärtig auf 30,000 beläuft — sind der letzte Ueberrest des großen Stammes, der einst ganz Skandinavien beherrschte. Nach einem Grenzvertrag vom Jahre 1751 haben die schwedischen Lappen das Recht, mit ihren Rentieren im Sommer nach der norwegischen Meeresküste zu ziehen und dort zu weiden, wogegen den norwegischen Lappen und ihren Herden im Winter das waldigere, geschütztere schwedische Land offen steht. Zur Zeit sind es nur noch gegen 2000 der in Skandinavien lebenden Lappen, welche nomadisieren, während die übrigen, also die Mehrzahl, sich im Laufe der letzten Jahrhunderte wesentlich unter dem Einflusse der auch nach Norden drängenden seßhaften Norweger als Fischer und Handwerker in schmutzigen Hütten angesiedelt hat, ohne aber ihre ethnographischen Eigentümlichkeiten einzubüßen. Der einzige Reichtum der nomadisierenden Lappen besteht in ihren Rentierherden; vom Rentier entnehmen sie alles, was sie zu ihrer Nahrung und Kleidung bedürfen. Aber für den Unterhalt einer einzigen Familie ist eine beträchtliche Zahl notwendig; wer nicht mehr als 100 Tiere besitzt, muß sich schon einem größeren Besitzer anschließen, zu welchem er dann in ein Dienstverhältnis tritt.

Das von uns besuchte Lappenlager zählt zirka 10 associerte Familien, zu welchen Rentierherden von insgesamt 3000 Stück gehören.

Lappen.

Während aber ein paar milchliefernde Kühe und Ziegen getreulich im Lager bleiben, streifen die Rentiere stundenweit über Berge und Schneefelder und müssen im Bedürfnisfalle oder für die Weiterwanderung erst mit Hülfe der zahlreich vorhandenen langhaarigen kleinen Wolfshunde mühsam aufgesucht und zusammengetrieben werden. So auch heute, wo die Touristenfirma Beyer durch eine Extraauslage von 50 Mark auf nachmittags 4 Uhr einige hundert Rentiere durch die lappischen Besitzer ins Lager schaffen ließ, um den auf jenen Zeitpunkt beorderten Passagieren der „Auguste Viktoria“ ein möglichst buntes und lebendiges Bild darbieten zu können.