Wir näherten uns den kegelförmigen Stein- und Lehmhütten (Gammen genannt), aus welchen ein bläuliches Räuchlein zum Himmel stieg. Alsbald kamen ihre Insassen uns entgegengelaufen, die Hände voll Verkaufsgegenstände verschiedenster Art, alle aber vom Rentier stammend: Felle, Geweihe; Löffel, Messer, aus Knochen und Gehörn gearbeitet und mit naiver Kunst verziert; bunte Puppen aus Fellen und Läppchen von so greulichem Geruch, daß man sie gerne und hastig wieder zurückgab, wenn nach dem ersten Ausruf des Entzückens die Nase in Funktion getreten war.

Mit Todesverachtung betraten wir durch Morast und eine nicht zu schildernde Atmosphäre verschiedene der originellen Wohnstätten; sie sind aus Steinen, Lehm und Rasenstücken in flacher Kegelform erbaut und einige rohe Balken geben dem losen Gefüge den nötigen Halt. Auf der holperigen und grünenden Steinbedachung lagern und weiden die Ziegen; ab und zu sonnt sich Körper an Körper mit ihnen auch ein Hund. Im Zeltinnern hängt in der Mitte ein großer Kochtopf an einer Kette über dem am Boden glimmenden Holzfeuer; der Rauch zieht durch eine Oeffnung an der Spitze des Daches hinaus; durch eben dieselbe dringen Licht und Regen hinein und vielleicht auch ein bißchen Luft — wenig genug allerdings; wir hielten es höchstens eine halbe Minute nacheinander aus in der brodelnden Brühe, die dort Atmungsluft heißt, und rannten mehrmals mitten aus der Gestenkonversation durch das als Thüre funktionierende Schlupfloch wie von Furien verfolgt ins Freie, um nach ein paar gesunden Atemzügen wieder rückwärts zu kriechen und den Kampf aufs neue aufzunehmen. Wer uns von draußen her aus der Entfernung beobachtet hätte, wäre jedenfalls über unser Thun und Treiben nicht sofort klug geworden. — Um die Feuerstelle sind im Kreise die Lagerstätten aus Rentierfellen angebracht und darauf kauerten, trotz der entsetzlichen Hitze vom Kopf bis zu den Füßen in Felle und warme Tücher verpackt, Frauen und Kinder, letztere von allen Altersstufen und abgesehen vom Lappenduft ganz nette Geschöpfe, welche Geschenke — Eßwaren vom Schiff — zuerst mißtrauisch und zögernd entgegennahmen, dann aber auf Geheiß der Mutter recht brav dafür dankten und sittsam sie zu verzehren begannen. — Das vornehmste Hausrecht haben die Hunde; sie lagern überall — zu Dutzenden, im und um das Zelt, meist ruhend, aber mit ihren klugen Augen die Fremdlinge verfolgend. Angeknurrt haben sie uns gar nicht; aber als im zuführenden Wege ein Stadthund auftauchte, da ging die ganze Meute mit Gebelfer über den Aristokraten her, so daß er heulend mit eingezogenem Schweife und nur ab und zu ängstlich nach seinen Verfolgern schielend Tromsoe zurannte.

Der Hund ist der älteste Freund der Lappen; er ist das einzige Tier, das mit einem echt lappischen Wort (Baednagg) bezeichnet wird, während die Namen aller andern Haustiere germanischen und finnischen Ursprunges sind. Daraus hat man geschlossen, daß die Lappen erst in historischer Zeit aus ausschließlichen Jägern Nomaden geworden sind und also auch erst dann das Rentier — bis dahin nur Jagdwild — gezähmt haben. Der Gestalt und Größe nach steht der lappische Hund zwischen Spitz- und Wolfshund; es giebt deren rot-, gelb- und schwarzhaarige; sie sehen alle sehr intelligent aus, und ihre Treue ist sprichwörtlich.

Den auffälligsten Gegenstand unter dem Inventar der Lappenhütten bildet die Kinderwiege. Sie ist aus einem Holzstamm ausgehöhlt, und zwar so, daß das Kopfende durch ein kleines Vordach geschützt bleibt, mit Rentierleder ausgeschlagen und mit getrocknetem Moos ausgepolstert. So hängt sie mit ihrem kleinen Einwohner an einem knorrigen Ast im Zeltinnern oder wird von der Mutter durch ein Band am Leibe getragen. — Von andern Dingen erregten unsere Aufmerksamkeit bunt bemalte und originell verschlossene Holzkistchen zur Aufbewahrung von allerlei Gebrauchsgegenständen und, wie diese, ebenfalls von den Lappen selbst verfertigt; auch das Eßgeschirr, besonders metallene runde Löffel nach Art der alten Apostellöffel. Verkauft hätten die Leute alles — sogar die Wiege; um ein Zehntel des verlangten Preises machen sie ja wieder zwei neue.

Ohne Schmerz verließen wir das fremdartige Zelt-, eigentlich richtiger Höhlenlager, nachdem wir uns im unglaublichsten Kauderwelsch von der kulturarmen, aber gewiß ganz zufriedenen Gesellschaft verabschiedet hatten. — Derselbe blumenreiche, lichte Waldweg führte uns in einer halben Stunde wieder zum Fjord zurück, wo unser Kahnführer in derselben Stellung unser harrte, wie wir ihn zwei Stunden zuvor verlassen hatten. Verfolgt von Möven und begleitet von großen über die glänzende Wasserfläche schnellenden Fischen glitten wir nach unserm Schiffe zurück, um uns an dessen Tafel für die Arbeit des Nachmittags zu stärken. An Bord promenierte unterdessen halb Tromsoe; familienweise waren die großen Kaufleute der Stadt hergekommen, um mit Erlaubnis des Kapitäns den stolzen Bau zu sehen.

Da entzückten uns die prächtigen norwegischen Kindergestalten. Speziell bildete ein zehnjähriger Junge mit seinen zwei kleinern Schwesterchen den Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit — alle drei blauäugig und flachshaarig und von seltenem Liebreiz, daneben das Bild naturwüchsiger Kraft und Gesundheit.

In der großen blonden Mutter, welche die Kinder führte, kämpfte der mütterliche Stolz mit dem Unbehagen über die gar zu übertriebene Liebenswürdigkeit, mit der die Fremden sich an ihre Kleinen heranmachten, und als photographierende Amerikanerinnen sie kurzer Hand auf die Seite nahmen, als Gruppe aufstellten und der Reihe nach mit ihren Momentapparaten beschossen, wurde ihr die Sache zu bunt; sie rief ihr unten harrendes vornehmes Privatboot, beförderte ihren lebendigen Schatz hinein und gab sich offenbar auf der Rückfahrt Mühe, das bißchen Eitelkeit, das sich allenfalls auf die kindlichen Herzen hatte lagern wollen, mit sorgsamer und liebevoller Hand abzuwischen.

Nachmittags fuhr das Gros der Schiffsgesellschaft zu den Lappen, während wir die Stadt Tromsoe besuchten. Schön ist ihr Inneres kaum zu nennen. Eine außerordentlich breite, nicht gepflasterte, aber mit Trottoirs versehene Straße durchzieht parallel der Küste den langgestreckten Ort; die Häuser sind niedrige Holzbauten ohne irgend welches künstlerische Charakteristikum; vor jeder Hausthüre führt eine primitive Holztreppe auf das Niveau des Trottoirs; aber ein Schmuck fehlt kaum irgendwo, und das sind herrliche Blumen, namentlich auch Rosen von besonders schönen Farben, hinter den mit saubern Gardinen verhängten Fenstern.

Auch ein musikalischer Genuß wurde uns zu teil; fünf Bettelmusikanten spielten erschütternd das „Ach, wie ist’s möglich dann!“ und als wir zusahen, waren es Rheinpfälzer, die mit ihrem Blech durch ganz Norwegen sich durchbettelten und erst in Vadsoe, nördlich von Hammerfest, ihren Fuß wieder südwärts zu wenden gedachten. Zweck der Reise? „Sich ein bißchen die Welt anzusehen.“ Und wie steht’s mit den Einnahmen? „Schlecht genug; die Norweger haben kein Geld, weil dieses Jahr der Fischfang wenig abgeworfen hat; aber man ißt sich so durch.“ Wo immer wir im Verlaufe des Nachmittags in einer Straße auftauchten, stießen wir auf die unglückliche lufterschütternde Musikbande, deren Leistungen die Qualität ihres vaterländischen Tabakes nur um ein Geringes überragten.