Sehr lebhaft war das Leben und Treiben auf Tromsoes Straßen und Gassen an jenem Nachmittag nicht gerade. Nur Kinder begegneten uns in großer Zahl und darunter viele, die mit ihrem reichen hellblonden Haarschmuck und den klarblauen Augen prächtige Modelle für „Frithjof und Ingeborg in der Jugend“ gewesen wären. An dem bescheidenen Schaufenster einer Buchhandlung fanden wir neben norwegischen Originalwerken von den modernen ausländischen Autoren Sudermann und Dostojewski in die Landessprache übersetzt — kein schlechtes Zeugnis für den litterarischen Geschmack des nordischen Volkes. Daneben prangte aber auch ein Dreyfus-Bildebog (Bilderbuch); also bis gegen das Nordkap hatte der schändliche Lügenprozeß seine Wellen geworfen.
Die zu vielen Häusern gehörigen kleinen Gärten sind meist sehr unordentlich gehalten und von Unkraut überwuchert. Auffallend ist das überall gepflegte Bärenklauenkraut (Heracleum sibiricum), das, 3 Meter hoch und mit 80 Centimeter messenden Dolden, üppig gedeiht und abgebrüht als Futter Verwendung findet.
Das Interessanteste in den Straßen Tromsoes sind seine Kaufläden; da ist alles, was die arktische Zone erzeugt, in reichen Exemplaren ausgestellt, meist vor den Häusern, um die Aufmerksamkeit der Fremden direkt zu erregen: Felle aller Arten, unter denen einige Eisbären durch ihre ganz außerordentliche Größe und diejenigen der Polarfüchse durch ihre eis- und dunkelblaue weiche Farbe auffallen; dann Walroßzähne und -Schädel, Elch- und Rentiergeweihe, Walfischohren, Kieferfortsätze — bis zwei Meter lange — des Schwertfisches (mit welchen das Tier in der Wut Schiffsplanken wie Walfischleiber anzubohren imstande ist); dann seltene Petrefakten und Edelsteine, Lappenartikel, — Holzschnitzereien, nationale Silber- und Filigranarbeiten und hundert andere Dinge. Zahlreiche kostbare Felle und Geweihe, die in keiner Kabine Platz fanden, wanderten auf unser Schiff; im Zwischendeck sah es nachher aus wie in einem naturhistorischen Museum.
Leider versäumte ich es, in Tromsoe allerlei einzukaufen, weil mir verschiedene Schiffsangestellte versicherten, in Bergen, der norwegischen Schlußstation unserer Reise, sei bei der Reisefirma Beyer alles und jedes in größerer Auswahl und bester Qualität zu haben, und so könne man sich die Mühe des Mitschleppens ersparen. Das war ein Leim (vielleicht ein durch den mitreisenden Agenten Beyers gekochter), vor dem ich spätere Nordlandfahrer warnen möchte. Die lappischen und arktischen Artikel sind nirgends in solcher Auswahl zu finden wie in Tromsoe, auch nirgends billiger (billig ist überhaupt nichts in Norwegen); einiges, das ich gar nicht missen wollte, konnte ich südwärts durchaus nicht mehr auftreiben und mußte es nun mit größeren Unkosten von Tromsoe nachkommen lassen.
Von den drei Kirchen der Stadt sind zwei lutherisch und eine katholisch, alles einfache Holzbauten, die auch im Innern nichts Besonderes bieten; Altäre und Stationen der letztern sind schmuck- und geschmackloser als bei uns in mancher kleinen Dorfkirche.
Gegen Abend wurden Straßen und Hauptplätze etwas belebter; natürlich fehlten auch hier die Radler nicht, so wenig als die Hunde, welche sie mit Gebell verfolgten. — Den Rückweg zur Landungsbrücke suchten wir durch die kleinen und schmutzigen Gassen, welche von Fischer- und Strandlappenwohnungen begrenzt unten am Sunde liegen. Durch eine schreckliche Fisch- und Thranatmosphäre unter sorgfältiger Vermeidung des ärgsten Bodenmorastes turnten wir vorwärts, guckten hinein, wo irgend eine Thür- oder Fensteröffnung dazu einlud, krabbelten heimelige Hauskatzen von ganz ungewöhnlicher Größe in ihrem dicken Balge, was mit schnurrendem Wohlbehagen und mit sofortiger Positur in Rückenlage entgegengenommen wurde, und versuchten auch wohl, uns durch Zeichen und allerlei sprachliche Kühnheiten mit den Eingeborenen zu unterhalten. Die Häuschen dieser Quartiere sind klein und schmutzig, oft ganz baufällig, die Dächer meist mit Erde gedeckt, auf welcher fröhlich allerlei Grün gedeiht. Nirgends fehlt eine angelegte Notleiter für den Fall einer Feuersbrunst. Derartige Katastrophen treten in Tromsoe, wie in all’ den norwegischen Städten, sehr häufig auf und nehmen meist große Ausdehnung an. An allen Straßenecken sind deshalb elektrische Feueralarmapparate angebracht. Seit der Einführung der elektrischen Beleuchtung, welche in Norwegen wie kaum in einem andern Lande verbreitet ist, mag aber die Zahl der Feuersbrünste abgenommen haben.
Am Landungsstege, wo wir eine halbe Stunde auf unser Boot warten mußten, sahen wir unter der bunten versammelten Menge nochmals zahlreiche Vertreter des Lappenstammes, und zwar jener Sorte, die den Namen Fischer- oder Küstenlappen trägt (im Gegensatze zu den nomadisierenden Berg- oder Rentierlappen); sie haben im Laufe der Jahrhunderte, durch die Macht der Notwendigkeit gezwungen, ihr Hirtenwanderleben gegen andere Berufsarten vertauscht und sind ansäßig geworden. Aber trotz der unausgesetzten Berührung mit der Kultur blieb ihre Originalität in Kleidung, Sitten und Gewohnheiten, wie auch im Körperbau vollständig erhalten. Daß sie auffallend dünne, kurze und krumme Beine und sehr starke, muskulöse Arme haben, führte s. Z. Bastian in einer etwas gewagten Hypothese auf Vererbung dieser durch das beständige Sitzen und Rudern erworbenen anatomischen Eigenschaften zurück. Aber die Rentierlappen, die nie fischten und ruderten, sind ganz gleich gebaut. Wie oben erwähnt, ist der Gegensatz zwischen Norwegern und Lappen, auch denjenigen, die nun seit einem Jahrhundert dort seßhaft sind, ein ganz außerordentlicher, und man sieht auf den ersten Blick, daß man zwei ganz verschiedene Rassen vor sich hat, die sich nicht vermischen. Inmitten der hohen norwegischen Kultur machen diese Naturmenschen den Eindruck eines Überbleibsels aus vorhistorischer Zeit. Gelernt haben sie aber von ihrer Umgebung wenigstens das Handeln und Überfordern. Wir wurden förmlich belagert von Männern, Frauen und Kindern, die uns selbstverfertigte Dinge anboten, und da ihr Seelenduft sehr an die Gammen in Tromsdal erinnerte, setzten wir Wert darauf, sie uns stets auf einige Meter Distanz vom Leibe zu halten. Ihre Kleidung, auch wenn sie zerfetzt und abgetragen ist, hat etwas Malerisches. Aus dem Kopfe tragen die Frauen eine grell gefärbte blaue oder rote, unter dem Kinn gebundene Kappe und um den Oberkörper ein rot karriertes Umschlagstuch. Das Hauptbekleidungsstück für Mann und Frau bildet ein Rock aus Rentierfell, der durch einen mit Silberschnallen gezierten Gürtel befestigt wird; die Beine sind mit bunten Lappen eingewickelt und die Füße tragen mit roter Schleife am Gelenke befestigt, Rentierleder- oder Pelzschuhe.
Mit welchem Behagen kehrten wir in die sauberen und komfortablen Räume unseres Schiffes zurück und atmeten die herrliche reine Seeluft! — Da kamen sie eben auch von der andern Seite angeschwommen, die über 300 Besucher des Lappenlagers, schweißtriefend, pustend, von Mücken zerstochen und mit Raritäten beladen, und bei Tische erzählte man sich unter Lachen und vielleicht ein bißchen Aufschneiden die gegenseitigen Erlebnisse.
Einen schönen Abschluß des Tages bildete der Besuch einer jungen Künstlerin aus Tromsoe an Bord, welche mit ganz wunderbarer Stimme und mit spezifisch nordischer (aber nicht arktischer) Auffassung einige Schumann’sche Lieder sang und eine kleine andächtige Gemeinde durch ihr musikalisches Können entzückte. Die Stimme besaß jene seltene Klangfarbe, die in jedem gesungenen Ton und sogar im gesprochenen Worte so eigentümlich ergreifend zum Herzen spricht, daß man unausgesetzt mit innerer Rührung zu kämpfen hat. Als Gegenmittel stieg dann zum xten (aber noch nicht letzten) Male der „holde Abendstern“ mit sehr viel subjektivem und objektivem Gefühle aus dem Munde eines mitreisenden jungen Barden zum Himmel.
Von Abends 9 Uhr an konzertierte unsere Schiffskapelle, wie zweibeinige, mit Blaustift improvisierte Plakate nachmittags durch die Straßen eilend verkündigt hatten, gegen ein Entree von 1 Krone im „Grand Hotel“ in Tromsoe. Das ließ uns kalt; wohl aber zog es mich nach 11 Uhr nachts nochmals mit Macht nach dem nordischen Städtchen, aus welchem fröhliches Leben über den Sund zu uns herübertönte. Vorbei an dem dicht vollgepfropften Konzerthotel, durch dessen geöffnete Fenster wir die bekannten Gesichter unserer braven Schiffsmusikanten blasend, geigend und schweißtriefend wie ein lebendiges Genrebild erblickten, wanderten Professor B. und ich in die Lichtfülle der polaren Mitternacht. Auf den Straßen tummelten sich kleine Kinder mit Ball und Reif noch scharenweise. Wann schlafen denn diese Tromsöer überhaupt?