Bald hatten wir das Weichbild der Stadt hinter uns und folgten dem Ufer des Fjord, einer Starkstromleitung entlang. In herrlichen Farben lag die Meereslandschaft vor uns; kein Lärm störte mehr den erhabenen Genuß; nur aus dem offenen Fenster einer in der Höhe gelegenen Villa trug uns ein leichter Wind die Klavierklänge des Ständchens aus Don Juan zu. Schwarze Wikingerböte, welche die Phantasie und unser Gespräch um tausend Jahre zurückversetzten, lagen in kleinen malerischen Buchten vor Anker oder wiegten sich träumerisch zwischen dem Pfahlwerk einer Fischerhütte. Gerade vor Mitternacht trat die Sonne, die eine Stunde hinter dem Berge sich verborgen hatte, zum Vorschein und legte flüssiges Gold auf Wasser und Land.

Damit schlossen unsere Tromsöer-Erlebnisse. Vorbei an den originellen Kaufläden, wo Auguste-Viktoria-Leute auch nach Mitternacht noch um Bärenfelle feilschten, stiegen wir — nochmals durch Lappen und norwegische Fischerleute — zur Landungsbrücke und ließen uns, durch die Schönheit der Welt stumm geworden, zu unserm Schiffe zurückfahren. Von 2½ Uhr an erst wurde das Schlummergeschäft besorgt, bis 5 Stunden später die Schiffskapelle uns mit „Ein feste Burg ist unser Gott“ zu herrlichem Sonntagsmorgen weckte.

XII.

Nach Süden. — Lofoten. — Digermulen. — Pro patria. — Besteigung des Digermulenkollen. — Boot in Gefahr. — Kranker in einsamer Fischerhütte. — Der schwermütige Schimmel. — Abfahrt von Digermulen. — Einladungstelegramm von Kaiser Wilhelm.

Im Tromsoesund herrscht eine starke Strömung, die je nach Ebbe und Flut nord- oder südwärts flutet. Begünstigt durch die letztere eilte unser Kiel nach Süden und erreichte nach einer Stunde den Malangerfjord. Links ragt der gewaltige Bensjordtind mit seinen Schneefeldern zum Himmel, rechter Hand liegt das große Eiland Kralö, auf welchem eine besonders wilde, schneebedeckte Felswand in die Augen fällt, der Lille Bramand. Nach Mittag erreichten wir das offene Meer und genossen nun die herrliche Fahrt längs der Vesteraalen und Lofoten. Letztere sind eine Inselkette, welche sich in weitem Bogen fast parallel dem Festlande 150 Kilometer weit nach Süden erstreckt. Die Inseln werden südwärts immer kleiner und endigen schließlich mit einigen unbewohnbaren Klippen. Die ganze lange Kette ist ein Gewirr von Höhen, Tiefen und Sunden; die Berge haben alpine Formen und steigen meist direkt aus der blauen Meeresflut auf, oder aber sie erheben sich auf freundlichem Gelände. So weit die kraterähnlichen Spitzen nicht mit Schnee bedeckt sind, erscheinen sie mit grünem Moos bekleidet, das weithin leuchtet und zu dem blendend weißen Schnee einen herrlichen Kontrast bildet. Aber auch kahle, graue Felspartien liegen dazwischen. Ueberall öffnen sich Häfen; neben den mehreren tausend Fuß hohen, sie begrenzenden Felswänden erscheinen die dort ankernden Dampfer wie Nußschalen.

Die Lofoten sind das Dorado und die Sammelstation der Fischer vom Norden und Westen Norwegens. Mitte Januar bis Mitte April sind ihrer über 30,000 dort beisammen mit zirka 8000 Booten, um den Dorsch zu fangen. Die Ausbeute beträgt bis 40 Millionen Stück, 5-6000 per Boot. Der Dorsch, der für gewöhnlich die Tiefen des atlantischen Ozeans bewohnt, bildet zur Laichzeit ungeheure, bewegungslose Schichten am Ufer, wo er so zu sagen einfach ausgeschöpft werden kann, und auf den großen Bänken, welche in einer Tiefe von 50-200 Meter bei den Lofoten liegen. Dort geschieht der Fang mit Netzen und langen Leinen, an welchen Angelschnüre befestigt sind. Am Lande werden die gefangenen Fische gespalten, auf den Felsen ausgebreitet oder auf Holzgestellen aufgehängt und an der Luft getrocknet, um dann später als Fracht, die genau wie Holzscheiter aussieht, nach Bergen zu wandern. Obschon es schwer hält, die große Menschenmenge, das Heer der Fischer, am Land unterzubringen und oftmals ein unheimliches Gedränge herrscht, soll doch Alles in Ruhe und Frieden vor sich gehen, und zwar deshalb, weil das früher beliebte Branntweintrinken durch strenge Gesetze unmöglich gemacht ist.

Wenn ein plötzlicher Weststurm eintritt und die Rückkehr der Fischerboote nach den Lofoten ein Ding der Unmöglichkeit wird, dann sind die Insaßen gezwungen, über den breiten Vestfjord nach dem Festlande zu fahren und dort sich zu bergen. Dabei ereignen sich alljährlich schwere Unglücksfälle. Viele Boote kentern, und da gilt es dann, die am Kiel angebrachten Griffe (Stropper) zu erwischen und sich daran festzuhalten. Oder aber, wo die Griffe fehlen, klammert sich der Schiffbrüchige an sein großes ins Kielholz geschlagenes Messer. Bei den später ans Land getriebenen gekenterten Booten melden die im Kiel steckenden Messer dann in trauriger Weise die ungefähre Zahl der Verunglückten.