Während der Fahrt längs der malerischen Lofoteninseln saß ich längere Zeit an einsamer aussichtsreicher Stelle des Hauptdeckes mit dem einen unserer norwegischen Lotsen beisammen, der dort behaglich seine Pfeife rauchte und unterhielt mich mit ihm über die Nordpolfahrt Nansens. Mit größter Begeisterung sprach er in erster Linie von Sverdrup, dem Führer der Fram, während Nansen erst in zweiter Linie kam. „Und was glauben Sie über das Schicksal Andrees?“ fragte ich den alten Seemann. „„O, der ist längst alle!““ meinte er mit entsprechender Geste und reduzierte dadurch und durch die einläßliche Begründung seiner Ansicht meine stets noch genährte Hoffnung auf die Wiederkehr des kühnen Ballonhelden um viele Grade. Um Mitternacht nahm unsere liebe Sonne ein Fußbad im Meere, d. h. sie tauchte den tiefsten Teil ihrer goldenen Scheibe unter den Horizont und begann — als ob sie sich plötzlich eines besseren besonnen — wieder zu steigen; der neue Tag war angebrochen, und zum letzten Male hatte uns die Mitternachtsstunde das Sonnengestirn gezeigt.
Unser Schiff begann nach Osten zu drehen und erreichte, einem Ausläufer des Polarstromes, dem die Fischerboote oft gefährdenden berüchtigten Malström folgend, den mächtigen Vestfjord, wo es, nun auf der Ostseite der Lofoten, seinen Kurs nordwärts nahm.
Es war ein wunderschöner Morgen, als wir Digermulen, die kleine, auf der Insel Hindö gelegene Dampferstation, vor uns liegen sahen. Felsige Eilande mit sprießendem Grün scheinen die Einfahrt zu wehren; rechts und links steigen senkrechte Felswände mit schneegefüllten Schluchten in die Höhe. Ein originelles Gepräge erhält aber die Landschaft hauptsächlich durch den Digermulkollen, einen zirka 1300 Fuß hohen breit abgerundeten Kegel, an dessen Fuß die paar Häuser der kleinen Station reizend ins Grüne gelagert sind. Nachdem wir unter den Klängen des Preußenmarsches — ich höre ihn stets mit unbehaglicher Empfindung, weil mir die Melodie des „Heil dir im Siegeskranz“ (also auch unsere Nationalmelodie) in unerlaubter Weise darin verwurstet scheint — unser Schiff verankert, wiederholten sich die längst bekannten Szenen des blitzschnellen Klarmachens unserer Barkassen (sie schwammen, bevor der Anker festsaß) und des Gedränges nach diesen Beförderungsmitteln. Das entwickelte sich aber stets in bester Ordnung; oben auf der Schiffstreppe stund ein Schiffsoffizier, und wenn die erlaubte Zahl eingestiegen war, so hieß es Halt, gleichviel ob der Gatte von der Gattin getrennt blieb oder nicht. In einer Minute fuhr ja wieder eine Barkasse.
Die Erinnerung an Digermulen gehört zu den schönsten unserer Reise. Das ganze freundliche Nest besteht aus einigen Häusern der Familie Normann, welche hier einen Kramladen mit allen für die Nordlandbewohner nötigen Waren hält und Fisch- und Thranhandel treibt, sowie aus fünf oder sechs Fischerhütten. Während der große Passagierstrom sich bergaufwärts wälzte, durchstreiften wir die reizende Küstenlandschaft. Auf einer grünen Erhebung, kaum 200 Schritte von der Landungsstelle entfernt, ist ein kleiner Friedhof, in welchem, von Blumen, aber auch von Unkraut bedeckt, die hier verstorbenen Fischer neben einer Familiengruft der Normanns ruhen.
Unser Weg führte uns durch Wiesen und Gebüsch; bald kletterten wir auf felsige Abstürze, welche im Laufe der Jahrhunderte zu wilden Gärten umgewandelt worden, und wo eine reiche Flora uns entzückte; bald hemmte unsere Schritte eine tief ins Land geschnittene kleine Bucht, am Strande übersäet mit Muscheln und Meertieren, lebendigen und toten.
Lerchen stiegen eine nach der andern und schmetterten ihr Morgenlied in die Luft und uns wurde ganz frühlingsmäßig zu Mute.
Etwas landeinwärts arbeiteten einige Männer an einer neuen Straße — der ersten, die nach Digermulen führen wird — und ihre Sprengschüsse fanden in den Bergen ein gewaltig rollendes vielfaches Echo. Mit einer freundlichen alten Frau, welche, ihren Enkel an der Hand, den Männern das „Z’nüni“ zutrug, hatten wir eine längere Unterhaltung, deren Inhalt aber beiden Parteien größtenteils unklar geblieben ist; aber auch hier konnten wir uns freuen über den wohlerzogenen, folgsamen kleinen Norweger, der zuerst ein bißchen scheu sich zur Hälfte hinter den Rockschößen der Großmutter verbarg und dann folgsam uns ein freundliches Lachen und die Hand gab.
Digermulen.
Vom Laufen, Klettern, Blumensammeln, Norwegisch Parlieren und entzücktem Ah-rufen ermüdet, suchten wir eine Ruhestätte. Uns winkte eine nahe Bucht, die in wahrhaft Böcklinschen Farben glänzte; hellgraues, vielfach zerklüftetes und ausgewaschenes Felsgestein, ein zu Stein erstarrtes Spiel der Wellen vortäuschend, begrenzte seitlich den kleinen Sund, dessen wenig tiefes Wasser alle Schattierungen von Blau und Grün zeigte. Wo das Meer die Felsen bespülte, haftete an ihnen, teils direkt, teils durch Vermittlung von festgekalkten Muscheltieren, glänzender Meertang, dessen beblätterte, auf dem Wasser schwimmende Teile die ruhelose Wellenbewegung, hin- und herwiegend, mitmachten. Dazwischen lebte und webte allerlei wunderbares Meergetier, viele Kreaturen, die mir in der Zoologie noch nicht vorgestellt waren. Landwärts lag herrlich glatter, trockener weißer Sand, auf dem wir uns ausstreckten. Ueber den tiefblauen Fjord hinaus, in welchen unser kleiner Sund sich öffnete, fiel der Blick auf die gegenüberliegenden grünbewachsenen Felsengebirge herrlichster Formation, in welchen wir alte Bekannte, namentlich den Pilatus und Titlis, erkannten; noch weiter zurück, aber auch sie dem Auge scheinbar ganz nahe, begrenzten mächtige Gletscher und Firnfelder den Horizont. Eben kam ein schwarzes Wikingerboot mit geblähten Segeln in unser Gesichtsfeld und über ihm kreiste eine Schaar schneeweißer Möven in ruhigem Fluge.