Wo uns immer die Fremde am schönsten erschien, da gedachten wir am heißesten der geliebten Heimat, und so geschah denn auch hier eine leisem Heimweh entspringende impulsive That, über welche allerdings einige vom Berge herab uns musternde Feldstecher nicht klug werden konnten. Im Schweiße unseres Angesichtes trampelten wir ein mächtiges eidgenössisches Kreuz in den weichen sandigen Strand und schmückten es mit frischem Grün. Dann galt es in kühnem Satze, ohne die Umrisse des vaterländischen Zeichens zu verletzen, seinen Mittelpunkt zu erreichen; der Akrobatensprung gelang zwar nicht allen Dreien gleich gut, wurde aber ohne Widerrede als selbstverständliche Notwendigkeit ausgeführt und so stunden wir denn nun, wie einst die drei Eidgenossen, auf dem Rütli, aber mit dem Anachronismus unserer Spitzbergenfahne, und brachten ein lautes, ein sehr lautes Hoch aus auf unser liebes Vaterland, den Inbegriff alles dessen, was uns zu Hause lieb und teuer war, und weil nun doch einmal der Sitte gemäß ein Trunk dazu gehört und der Genuß von Meerwasser für ein patriotisches Fest nicht zu empfehlen ist, wurde die kleine Cognacration, welche ich in der Tasche führte, ohne weitere Rücksicht um drei mal zwei bis fünf Gramm gemindert. Was thut man nicht alles dem Vaterlande zu Liebe! Nun folgte aber ein ergötzliches Nachspiel. Kaum war unser Hoch ertönt, das offenbar für nordische Ohren wie ein Wehgeschrei geklungen hatte, so kamen die benachbarten Straßenarbeiter menschenfreundlich herzugerannt, um die Hülferufenden aus drohender Gefahr zu erretten, und sie schauten sehr verdutzt drein, als sie statt Ertrinkenden eine gar nicht oder wenigstens nur durch ein Minimum von Cognac sehr unbedeutend beschädigte, lachende Gesellschaft vorfanden.
Mein Blick fiel immer und immer wieder auf den mächtigen, wie ein Sturmhut dem grünen Berge aufgesetzten Basaltkegel des Digermulkollen, an welchem eine große Zahl der Auguste-Viktoria-Passagiere wie Ameisen herumkrabbelten. Von oben herab winkte eine norwegische und eine deutsche Flagge, und mit dem Feldstecher erkannte man Scharen von Menschen, welche am Rande des Hochplateaus stehend oder lagernd sich die Welt aus der Vogelperspektive ansahen und photographierten. Der Berggeist lockte und ich folgte ihm, während meine Begleiterinnen in der blumigen Ebene zu bleiben vorzogen.
Querfeldein ging’s über eine morastige Wiese, ohne Weg und Steg, wobei ich manchen Schuh voll herauszog, aber auch eine Pflanze in größter Menge antraf, den (norwegischen) Sonnentau (Drosera), der mit seinen drüsig behaarten, reizbaren Blättern Insekten zu fangen und zu verdauen im Stande ist. Wenn ein kleines Tier eines dieser Blätter berührt, so bleibt es an dem klebrigen Safte der Drüsen hängen. Das Blatt faltet sich rasch zusammen und öffnet sich erst wieder, wenn der Gefangene tot und verdaut ist.
In gerader Luftlinie über Stock und Stein, namentlich über felsiges Geröll kletternd, wobei wilde Weichselkirschbäume mir Halt und Stütze boten, erreichte ich keuchend und schweißdurchnäßt den in sanfter Steigung nach oben führenden Fußpfad und hatte schließlich den Weg bis auf die Spitze in wenig mehr als einer Stunde zurückgelegt. Die letzten 20 Minuten steigt man über runde Felsen, in deren Spalten und verwitterten Plätzen herrliche Ericaceen und zahlreiche alpine Pflanzen blühen. Hier fand ich auch massenhaft die reizende Blüte der norwegischen Cornelskirsche und dann vor allem eine Pflanze, welche für ganz Skandinavien, Finnland und Sibirien als Nahrungsmittel von großer Bedeutung ist — die Multebeere (Rubus chamaemorus), eine Himbeersorte, krautartig, mit einzelstehenden weißen Blüten und prachtvollen, großen roten Früchten, die gekocht und eingemacht sehr gerne gegessen werden, namentlich auch als Präservativ gegen Scorbut. Auf den Menus der Nansenschen Fram spielte die Multebeere eine sehr große Rolle und eine Bowle aus dieser Frucht und etwas Brennspiritus gehörten zu den festlichsten Genüssen der Framleute.
Digermulkollen.
Die Aussicht vom Digermulkollen soll die erhabenste und malerischste des ganzen Nordlandes sein und ist hauptsächlich auch durch den Besuch Kaiser Wilhelms II. anno 1889 weithin bekannt geworden. Zu Füßen liegt der Sund; die „Auguste Viktoria“ — obschon man sie mit der Hand erreichen zu können glaubte — hatte die Größe eines bescheidenen Walfischbootes. Imposant ist der Blick über den ganzen Vestfjord bis ins offene Meer; östlich thronen die Gebirgsstöcke des Festlandes, westlich steigen die schluchtenzerrissenen Massive des herrlichen Rastsundes auf, die reichlich mit Eis und Schnee bedeckten mehrgipfeligen Troldtinder. Das ganze Panorama ist überwältigend schön.
In einer mehrfach im Felsen verankerten Holzhütte, welche schon manchen Sturm ausgehalten hat, aber sicher doch eines Tages weggeblasen sein wird, war Bier, Limonade und Sect zu haben. Als ich ankam, lebten aber nur noch zwei kleine Flaschen Mineralwasser, welche ich gern einer erschöpften Dame überließ.
Um rasch unten und wieder „bei Muttern“ zu sein, wählte ich die Luftlinie am Westabhang des Berges. Das war ein böses Stück Arbeit. Eine halbe Stunde kletterte ich über die aufgetürmten Felsen eines mächtigen Absturzes thalwärts, einige Male an den Händen hängend, ohne mit den Fußspitzen eine tiefere Etage zu erreichen oder auch unter zusammengelehnten Steinblöcken durchkriechend. Mit lottrigen Knien legte ich dann die letzte Etappe bis zur Landungsbrücke zurück, einen wenig steilen, aber holperigen Wiesenweg, und an Bord der „Auguste Viktoria“ war durch ein Bad und neue Gewandung der frühere Mensch bald wieder hergestellt. Immerhin vermied ich während der nächsten drei Tage unnötiges Treppensteigen aufs ängstlichste, und meine Gangart erweckte einiges Mitleid.