Die Hälfte unserer Mitreisenden hatte vormittags auf den Dampfbarkassen und angehängten Schleppbooten eine Fahrt in den prächtigen Raftsund unternommen; die andere Hälfte sollte nachmittags an die Reihe kommen. Eben kehrte die erste Expedition zurück; aber nahe am Ziele ereignete sich eine aufregende Szene. Dicht bei einem bis auf den letzten Platz gefüllten Schleppschiffe tauchte plötzlich ein mächtiger Wal auf, länger als das Boot selbst. Die Insassen hatten keine Zeit, sich über die Situation zu besinnen; aber an Bord der „Auguste Viktoria“ wurde sie von den Schiffsoffizieren mit Herzklopfen beobachtet, und es hieß nachher, daß das gewaltige Tier, einige Meter näher, das Schiff zum Kentern gebracht und ein schreckliches Unglück veranlaßt haben müßte. Noch drei-, viermal sahen wir es auftauchen, spritzen und wieder verschwinden. Unter den von dem Abenteuer Betroffenen herrschte nachher, als ihnen die Augen geöffnet wurden, ungefähr die Stimmung von Gustav Schwabs Reiter über den Bodensee.
Während ich die Meinigen an Bord in allen Winkeln unseres Schiffes suchte, spähten sie immer noch am Lande nach dem Bergbesteiger aus. Schließlich aber einigte uns das, was die ganze Welt zusammenhält — der Hunger. Beim Mittagstische fanden wir uns und erzählten gegenseitig unsere Erlebnisse. Während ich bergkraxelte, waren meine Beiden kreuz und quer umhergestreift und schließlich hatte sie ihr Forschungstrieb in eine am Strand gelegene Fischerhütte geführt, in welcher ein todkranker, ärztlicher Hülfe barer Mann, verpflegt von seiner bekümmerten Frau, zu Bette lag. Der nächste Arzt wohnte zehn Stunden weit entfernt in Svolvaer auf den Lofoten. Ein menschenfreundlicher norwegischer Maler, der in Digermulen sich aufhält, um Studien zu machen, funktionierte als Dolmetscher, und so wurde denn der Fischerfamilie versprochen, den Doktor aus der Schweiz, der jetzt grad oben auf dem Berge sei, herzuschaffen, damit er dem armen Kranken rate. Damit war unser Nachmittagsprogramm festgestellt; wir verzichteten auf den Ausflug nach dem Raftsund und ließen uns nach Tisch wieder an die Küste von Digermulen zurückfahren. Dort stand auch schon der liebenswürdige Maler, Thorolf Holmboe aus Christiania, ein in Norwegen wohlbekannter Künstler, mit seinem flachshaarigen, bildschönen Jungen Erich bereit, uns zu begleiten. Als wir in die Hütte traten, war ich erstaunt über die Reinlichkeit und häusliche Behaglichkeit, mit welcher die bescheidenen Räume ausgestattet erschienen. In einer freundlich mit Epheu, Fuchsien und Rosen geschmückten, ganz einfach, aber sauber möblierten Stube stand das Bett des Kranken. Neben ihm an der Wand hingen zwei Bilder, das Porträt von König Oskar in Galauniform und das Pendant — Wilhelm Tell, wie er das Schiff Geßlers in die wilden Wellen des Vierwaldstättersees zurückstößt.
Am Kopfende des Bettes war ein sorgfältig eingerahmter Bibelspruch in norwegischer Sprache: „Rufe mich an in der Not und ich will dich erretten und du sollst mich preisen!“ Der, dem das Wort galt, lag fahlgelb, abgemagert und hustend auf seinem Schmerzenslager, ein zirka 60 Jahre alter Mann, zeitlebens gesund, aber seit vier Monaten siechend. Leider handelte es sich, wie mich näheres Zusehen lehrte, um eine unheilbare bösartige Lebergeschwulst, welche in dem benachbarten Brustfellraum bereits eine frische Entzündung zu setzen begonnen hatte. Als ich mit der Untersuchung zu Ende war, brachte die schlichte Fischersfrau ohne weiteres ein sauberes Zinngeschirr mit Wasser, Handtuch und Seife und ich dachte im Stillen, daß hie und da sozial viel höher gestellte Leute hier etwas lernen könnten. Dem gepeinigten Kranken, der bei vollständiger Appetitlosigkeit entsetzlichen Durst litt und nichts hatte, um ihn zu stillen, mußte vor allem für saftige Früchte und ein Mittel gegen seinen qualvollen Husten gesorgt werden. Zu kaufen war das alles nirgends, wohl aber zu erbitten. Ich eilte zurück aufs Schiff und fand da Gelegenheit, den gutherzigen Sinn unseres Kapitäns kennen zu lernen. Obschon er, umgeben von einer vornehmen Herren- und Damengesellschaft, in seiner Kajüte behaglich beim schwarzen Kaffee saß, ließ er sich doch, ohne ungehalten zu sein, von mir stören und erfüllte meinen Wunsch nach ein paar Orangen für den armen Lazarus und den nötigen Medikamenten aus der Schiffsapotheke in weitestgehender Weise. Ein Druck auf den elektrischen Knopf und der uns von früher her bekannte „Harpagon“ kam angesaust. Der Kapitän übermittelte ihm ein kleines, hastig geschriebenes Billet, und eine Viertelstunde später flog ich mit einem mächtigen Korbe voll Ananas, Apfelsinen, frischen Kirschen und anderen Herrlichkeiten freudestrahlend der Schiffstreppe zu. Auch die Schiffsapotheke hatte ich unterdessen, da der Arzt nicht zu finden war, auf eigene Rechnung und Gefahr durchstöbert und schließlich glücklich etwas gefunden und in einer Quantität mitgenommen, daß es dem Kranken wohl für zwei Monate als Hustenlinderungsmittel dienen konnte. Was machte der für ein zufriedenes Gesicht, als ich ihm ein Stück saftige Ananas auf die Zunge legte! Es war ihm, „als sei er schon halb gesund“, ließ er durch den Dolmetscher sagen, und seine Frau mußte durchaus auch ein bißchen probieren. Und erst die Orangen und Kirschen! Die guten Leute wußten des Dankes kein Ende, und schließlich nahm die Frau den Stolz des Hauses, ein eingerahmtes Bild von Digermulen, ab der Wand und bat so dringlich, es als Geschenk anzunehmen, daß ich mich dieser unbequemen Freundlichkeit nicht entziehen konnte. Das Bild ist denn auch, so lästig es zu verpacken war, getreulich mit nach Frauenfeld genommen worden. Als wir die Fischerhütte verließen, war uns zu Mute, als seien wir in einer Kirche gewesen, und nach herzlichem Abschied von dem uns begleitenden Maler und seiner Familie streiften wir seelenvergnügt noch ein Stündchen über Klippen und Strandwiesen.
Ein kleines Plaisir bereitete uns ein Schimmel, der auch jetzt noch, wie heute früh, in derselben unbeweglichen Haltung, den Kopf halb zu Boden gesenkt, in einer sumpfigen Mulde stund und zwei beleibte Herren von der „Auguste Viktoria“, welche sich krümmten vor unbändigem Lachen über das eigentümliche Gebahren des Tieres. „Es hat die Schwermut oder ist gar bloß ausgestopft“, lautete die Diagnose. Das letztere stimmte nicht, sondern der Gaul trug am Hinterfuß eine in den Boden gerammte Fessel und schlief, gesenkten Hauptes und stehenden Fußes. Als ich ihm den Hals klopfte und einige Schiffszucker offerierte, geruhte er sie, leise schwanzend, zu kauen, versank aber sofort wieder in kopfhängerisches Brüten. Der „schwermütige Schimmel“ gehört für uns zum Landschaftsbilde von Digermulen; deshalb habe ich ihn hier festgenagelt. — Abends 7 Uhr war alles wieder an Bord.
„Ja, vi elsker dette landet“ (ja, wir lieben dieses Land) ertönte es aus dem ehernen Munde unserer Schiffskapelle, und die Klänge dieser norwegischen Nationalhymne waren uns schon so vertraut, daß wir sie laut und sogar bewegten Herzens mitsangen.
Unterdessen drehte unser Koloß und begann südwärts zu fahren. Mit Winken und Rufen verabschiedete man sich von dem heimeligen und schönen Fleck Erde. Da tauchte ein kleiner, über und über mit Menschen besetzter Passagierdampfer auf, der von den Lofoten hergefahren kam, um der „Auguste Viktoria“ zu begegnen. Das war ein Grüßen und Tücherwehen und fast berührte das Steuerbord des nordischen Schiffes den Meeresspiegel, als alles nach jener Seite hinüberdrängte, um uns zu sehen. Sogar eine Musik hatten sie auf Deck, und so wurde denn hinüber und herüber konzertiert. Etwa zehn Minuten lang blieb der tapfere Knirps unter Volldampf auf gleicher Höhe mit unserm dahineilenden stolzen Schiffe; dann aber mußte er, über und über mit Wogen bespritzt, zurückbleiben, und bald hatten wir ihn aus dem Auge verloren.
Nicht geringes Aufsehen erregte an diesem Abend folgender Anschlag des Kapitäns am „schwarzen Brette“:
„Kaisertelegramm: Hohenzollern befindet sich am 19. nachmittags in Aalesund. Seine Majestät würden sich freuen, wenn ausgehend dort kurzer Aufenthalt genommen wird. Passagieren ist Besichtigung des Schiffes gestattet.
Kommando Hohenzollern.
Demgemäß wird die „Auguste Viktoria“ am 19. Juli zwischen 4 und 7 Uhr abends in Aalesund stehen.
Kämpff, Kommandant der A. V.“
Diese Nachricht gab nun den Gesprächen und Gedanken der Menschheit auf der „Auguste Viktoria“ — vom Schiffsjungen bis zum Fürsten — längere Zeit eine ganz bestimmte Richtung, und wo immer ihrer einige beisammen stunden, wurde der Besuch bei Kaiser Wilhelm verhandelt und die wichtige Toilettenfrage einläßlich besprochen, so daß die Pracht der nördlichen Lofoten, welche wir bei Beginn unserer Rückfahrt passierten, für viele vollständig verloren gegangen sein mag.