XIII.

Maschinen- und Vorratsräume der „Auguste Viktoria“. — Die Welt — ein Dorf. — Maraak. — Vorbereitung für den Kaiserbesuch. — Ankunft in Aalesund bei „S. M. Y. Hohenzollern“. — Der Kaiser an Bord. — Besuch der „Hohenzollern“.

Das ist eine merkwürdige Welt, diese langgestreckte, wildzackige Lofotenkette; bei Abend- und Mitternachtsbeleuchtung bot sie uns die herrlichsten Landschaftsbilder. In Flammen strahlend zeichneten sich die Umrisse der Berge außerordentlich scharf am Horizont ab, und Meer wie Land erschienen in märchenhafter Farbenpracht.

Lange Zeit stritten wir uns und waren im Unklaren, ob eine nach Mitternacht fern im Osten sichtbare ungeheure weiße Fläche, die nur von einzelnen schwarzen Gipfeln überragt auf den Gebirgszügen lagerte, ein Nebelmeer sei oder aber ein Schneefeld. Nach und nach aber konnte kein Zweifel mehr herrschen; wir sahen den grandiosen Firn des Svartisen; er bedeckt gegen 60 Kilometer lang und 16 Kilometer breit eine durchschnittlich 1200 Meter hohe Fläche, aus der vereinzelte Höhen aufragen, während nach allen Seiten mächtige Gletscher zu den Fjorden absteigen. Stundenlang beherrschte die gespensterhaft weiße, erhabene Riesenfläche das Landschaftsbild; sie wird in ihrem südlichen Teil vom Polarkreis geschnitten. (Mein Nachbar auf Deck stellte sich auf die Fußspitzen, um das besser zu sehen.)

Den folgenden Tag, 18. Juli, brachten wir auf offenem Meere zu und hatten Zeit und Gelegenheit, allerlei Interessantes von den Eingeweiden unseres Schiffes zu betrachten. Unter der Führung eines Maschinisten war es gestattet, in die Maschinenräumlichkeiten hinabzusteigen. Wie das alles glänzte und glitzerte und ruhelos arbeitete in diesen taghell elektrisch beleuchteten eisernen Kammern! Und weiter unten, wo der Heizer, halbnackt und schweißtriefend Kohlenberge ins Feuer warf, glaubte man in eine Hölle zu schauen.

In ganz kleiner Gesellschaft, nur fünf Köpfe stark, besuchten wir auch die Vorratsspeicher, welche rückwärts am Schiff, in der Nähe der Schrauben, tief unter dem Hauptdeck unterhalb der Wasserlinie gelegen sind. Eine Tag und Nacht funktionierende Dampfmaschine — wie oft hatte ich sie und ihre Kollegin, die elektrische Lichterzeugerin, zum Kuckuck gewünscht, wenn ich Nachts zu schlafen versuchte! — besorgt die Abkühlung der Provianträume unter den Nullpunkt und alles, was an Fleisch da hing und lag, Dutzende von halben Rindern, Kälbern, Schafen und Schweinen, Tausende von gerupften und ausgeweideten Kapaunen und Truthähnen, zirka 50,000 Pfund, war steinhart gefroren. Das für einen Tag notwendige Quantum wurde je 24 Stunden vor der Verarbeitung in der Küche aus der Gefrierkammer in einen Vorraum gelegt, um dort langsam aufzutauen. Andere Abteilungen dieses unterseeischen Schiffsquartiers enthielten erstaunliche Mengen von Konserven und Früchten aller Art, worunter namentlich riesige Ananas und Hunderte von aufgehängten, schwer mit Früchten beladenen Bananenstauden auffielen; Vorräte von Butter, Käse, Eier, Milch, letztere teils als kondensierte, hauptsächlich aber als einfach sterilisierte Mecklenburger Milch in Büchsen von 6 Litern zugeschmolzen. Ich erfuhr erst hier, daß unsere schweizerische Milchexportindustrie im Lande Fritz Reuters eine so leistungsfähige Rivalin hat. Von dem Blick in die Bierlager und in die Flaschenkeller, wo die vielen Tausende von Wein- und Champagnerflaschen wohlgeordnet, jede in besonderm kleinem Holzlager, ruhen, will ich lieber gar nicht weiter erzählen.

In jeder Ecke dieses aus Speis und Trank zusammengesetzten Labyrinths zündet bei Bedarf ein elektrisches Glühlicht und über jedes nach oben abgelieferte Gramm wird exakt Buch geführt. Was nun von den für einen Tag bestimmten und an Koch, Bäcker und Konditor übermittelten Konsumartikeln innerhalb dieses Tages nicht verzehrt wurde, wandert ins Meer. Alltäglich, nachdem Passagiere und Schiffsangestellte sich satt gegessen, bleiben große Quantitäten von „Gesottenem und Gebratenem“ übrig, und es besteht strenge Vorschrift, daß nichts davon weitere Verwendung für die Schiffstafel finden darf. Jeden Morgen wurden unglaubliche Quantitäten von Fleisch und Brot, oft Hunderte der appetitlichsten Kleinbrotartikel in die salzige Flut geschmissen, und der Zahlmeister behauptete, daß mit diesem Fischfutter dreißig Familien reichlich ernährt werden könnten. Wo immer wir vor Anker lagen, da kreisten beständig einige armselige Boote um unser Schiff und suchten „die Brosamen vom Tische der Reichen“ aufzufischen.

Der Zweck der verschwenderischen Vorschrift ist zwar klar: die Gesellschaft will ihren Passagieren die Garantie für ausschließlich frische und prima Nahrung bieten; aber es erscheint uns eben doch als protziges Unrecht, daß man sich nicht die Mühe nimmt, diese wertvollen Ueberbleibsel zu sammeln, zu konservieren und nachher an Unbemittelte zu verschenken.

Mit jedem Tage kam sich die Reisegesellschaft etwas näher; Menschen, die ursprünglich sich als wildfremd angeglotzt, fanden plötzlich gemeinschaftliche Anknüpfungspunkte, und gegen das Ende der Fahrt gab’s überhaupt kaum mehr absolute Fremdlinge. „Die Welt ist ein Dorf“ hörte man zu wiederholten malen ausrufen, wenn zwei bis dahin Unbekannte sich plötzlich als gemeinschaftliche Freunde oder gar Vettern eines Dritten entpuppten. In einer feinen ältern Dame entdeckte ich durch Zufall die Witwe eines mir sehr lieben Herrn, mit dem ich s. Z. in Engelberg köstliche Stunden verlebt habe und der — nun seit langem tot — dort als Papa G. in bester Erinnerung geblieben ist. Was freute sich die, am Polarkreis von ihrem verstorbenen Gatten allerlei Heimeliges erzählen zu hören; es war für sie wie eine kleine Auferstehung, und als ich den freundlichen Graubart in einigen kleinen, ihr vielleicht entschwundenen äußerlichen Zügen schilderte, z. B. wie er seine Havannah nie abzuschneiden, sondern durch einen kräftigen Biß zugfähig zu machen gewohnt war, da übernahm sie die Rührung und wir mußten das Thema abbrechen.