Der weibliche Teil der Passagiere erfreute sich seitens der Hapag bei verschiedenen Anlässen besonderer Aufmerksamkeiten. Schon am ersten Tage auf hoher See hatte jede Dame eine elegante weiße Schiffsmütze, die in Golddruck den Namen „Auguste Viktoria“ trug, als Geschenk erhalten; nachher kamen bei Bevorzugten Hapag-Brochen und andere Schmucksachen an die Reihe. Der blasse Neid der Männerwelt konnte an der Sache nichts ändern. Aber als heute beim Diner neben jedem weiblichen Couvert eine reizende gefüllte Silber-Bonbonniere mit eingravierter Dedikation lag und wir armen Männer wieder leer ausgingen, da drohte — an unserm Tisch wenigstens — heller Aufruhr, und der Brust entrann der Schmerzensschrei: „Ach, wäre ich doch als Jungfrau geboren!“
Das hat vielleicht jener amerikanische Ehe- und Ehrenmann auch geseufzt, der am nämlichen Abend auf Deck und coram publico sich geduldig von seiner rabiaten Gattin beohrfeigen lassen mußte.
Nächstes Ziel unserer Fahrt war Maraak (auch Marok oder Merok genannt); der Weg dorthin ist reich an landschaftlichen Schönheiten, die sich steigern, je weiter man in den zuführenden Fjorden vordringt. Durch den Slyngs- und Sunelvsfjord erreicht man den weltberühmten Geirangerfjord mit seinen schroffen Felsgebirgen und den zahlreichen und wunderbar geformten Wasserfällen. Namentlich schön und merkwürdig ist der Fall der „sieben Schwestern“; sie stürzen ganz oben als sieben, weiter unten nur noch als vier milchweiße Bäche über eine senkrechte Felswand herab, die sich auch im Wasser noch senkrecht weiter fortsetzt, so daß das Schiff ganz dicht an die Fälle heranfahren kann.
Die Felsen der andern Seite zeigen seltsame Profile; bald glaubt man eine Kanzel zu sehen, bald eine Ritterburg oder auch ein menschliches Antlitz, und ein langgezogenes zerklüftetes Massiv sieht genau so aus wie ein schartiges Rasiermesser unter dem Mikroskop. Immer enger treten die Berge zusammen; immer mächtiger und vielgestaltiger werden die zu Thal stürzenden Wassermassen. Ab und zu belebt ein malerischer Segler den sonst menschenleeren Sund.
Unser Naturgenuß wurde erhöht durch ein ganz besonders ausgezeichnetes Konzertprogramm, das die flotte und unermüdliche Schiffskapelle abwickelte. Die Tannhäuser-Ouvertüre spielte sie mit einer Bravour, die mich zu einem Bon für 50 Glas Münchner begeisterte. Das hatten die braven Musikanten wohl verdient.
Plötzlich wird der Fjord abgeschlossen durch einen Bergkessel von unbeschreiblicher Großartigkeit; aus einer Höhe von fast 2000 Meter glänzt ein schneebedeckter Gletscher; alle Reize der Fjordlandschaft vereinigen sich zu einem prächtigen Bilde; wir liegen vor Maraak.
Der kleine freundliche Ort besteht aus einfachen Häusern, die sich an den Fjord schmiegen; auf der Höhe steht eine weithin grüßende Holzkirche. Hinter Maraak steigt es steil empor zum Geiranger Bergkessel, durch welchen an einer Ueberfülle von Wasserfällen vorbei die großartigste Bergstraße Norwegens landeinwärts führt. Einige Hotels, von welchen das höchstgelegene zirka 300 Meter direkt über der Kirchturmspitze vom Meere aus zu sehen ist, signalisieren die Fremdenstation. Es sind wieder fast ausschließlich Engländer, welche sich diesen Platz zu längerm Aufenthalte wählen.
Maraak.
Wir fuhren in aller Morgenfrühe ans Land, wo zahlreiche Karren für die Alten und Faulen bereitstunden. Da wir aber zu keinen von beiden gehören wollten, fußten wir stolz daran vorbei und rekognoszierten auf heimeligen Wiesenpfaden Land und Leute. Ein herrlicher Heuduft ersetzte in angenehmer Weise das Fisch- und Thranaroma, das uns vom Norden her noch in der Nase lag. Unser erster Gang galt der freundlichen, auf einem Hügel gelegenen Holzkirche. Sie ist von einem kleinen Friedhofe umgeben, über dessen Steinmauern wir zuerst klettern mußten, um ins Innere zu gelangen. Von dieser Stätte des Todes fällt der Blick auf eine prächtige, lebenswarme, sonnige Welt. Die Kirche selbst ist ein schlichter, achteckiger Holzbau, lose auf schlecht gemauerte Pfeiler gestellt und mit Holzläden versehen. Der malerische Turm ist der Mitte aufgesetzt, wie bei dem bekannten Kinderspielzeug. Der Straße bergan folgend, die sich bis weit hinauf durch Staubwolken kennzeichnete, erreichten wir nach zirka 15 Minuten das vom Hafen aus unsichtbare Hotel Union; auf einer Seite desselben stürzt der wasserreiche Storfos, als weißer Gischt, brausend über eine Felswand; auf der andern Seite gleiten die Gewässer des Geirangerbergthales in klarem Strome zu Thal, und vereint eilen beide dem Fjorde zu. Eine üppige grüne Vegetation — auch stattlicher Baumwuchs, Birken, Erlen, Eschen — bedeckt den ganzen Bergabhang, und bis weit hinauf sind Hütten sichtbar und weidende Herden, denen auch die Glocken nicht fehlen. Zu den Füßen liegt der enge, scheinbar rings abgeschlossene Bergsee und hoch in die Lüfte ragen gewaltige Gebirgsstöcke und Schneefelder. Das Hotel, aus Holz im Chaletstil erbaut, sah recht einladend aus; an den Veranden blühten Gaisblatt, Kapuziner und wilder Hopfen.