Je nach Wanderlust und verfügbarer Kraft wurde die Straße mehr oder weniger nach oben fortgesetzt; viele ließen sich zum obern Hotel (H. Udsigten = Bellevue) hinaufführen, wo der Blick auf die eisige Gebirgswelt landeinwärts und im Gegensatz zu der wilden Fjordlandschaft zu Füßen ein großartiger gewesen sein muß. Einen weiß ich — ein gelehrtes Haus — der einsam noch weiterstrebte und in adamischem Kostüm sich unter den Wasserschleier des schönsten Staubbaches stellte. Das sei ein nicht zu beschreibendes Vergnügen und eine herrliche Erquickung gewesen, rühmte er, als er halb tot, im Schweiß gebadet und mit Straßenstaub gepudert, als einer der letzten an Bord zurückkehrte.
Um 12 Uhr mittags, als eben ein kleiner, sich vor Neugierde ganz auf unsere Seite neigender Touristendampfer einfuhr, verließen wir Maraak und kehrten auf demselben Wege zurück, die Schönheiten des Fjords nochmals und in ganz anderer Beleuchtung genießend.
Den Jörundfjord, der noch auf unserem Programm gestanden hatte, ließen wir links liegen, um rechtzeitig bei Kaiser Wilhelm anzukommen. Wir nannten ihn übrigens nicht mehr Jörund- sondern Böhringer-Fjord, weil ein Mitpassagier den Namen fälschlich so verstanden hatte; motiviert wurde die Benennung durch uns mit der interessanten historischen Notiz, daß der Großvater von Professor B. ihn vor genau 47 Jahren entdeckt habe. Der Schiffsunsinn gedeiht unter allen Breitegraden.
An Bord herrschte während dieser Fahrt reges Leben. Ueberall wurde gefegt und geputzt; die Böden sahen ganz jungfräulich aus und die Metallbeschläge glänzten wie Spiegel. Inspizierende Schiffsoffiziere durchwanderten alle Räume und der Verkehrston mit den Untergebenen war heute ein auffallend strammer und militärischer. Ich saß allein in dem Rauchsalon und schrieb an die „Thurgauer Zeitung“, als der erste Offizier eintrat, jeden Winkel musterte und schließlich, als er am Plafond ein bescheidenes Spinnengewebchen entdeckte, den verantwortlichen Steward folgendermaßen apostrophierte: „Sie, Steward! Machen Sie den Dreck ’runter! Glauben Sie, die Decke gehört nicht zum Rauchzimmer? Wenn unser Kaiser kommt und sieht den Mist, so sagt er: No was sind denn das für Schweinekerls, diese Rauchstewards!“
Scheinbar zerknirscht machte sich der gescheitelte Jüngling an die Reinigungsarbeit; aber das Selbstgespräch, dessen Zeuge ich war, nachdem der gestrenge Inspektor das Lokal verlassen, enthielt Worte und Satzwendungen, die ich bisher aus der deutschen Litteratur nicht gekannt hatte.
Alles, vom Kapitän bis zum Schiffsjungen, prangte im glänzenden Sonntagsgewande; die hundert Stewards sahen geradezu imposant aus. Aber auch die Passagiere blieben nicht zurück und hingen ihr Bestes und Schönstes um. Gerne hätte ich mit meinem bohnengrünen Polarmantel geprunkt; da dies aber aus koloristischen und klimatischen Gründen nicht anging, mußte ich mich auf mein gewöhnliches Habit beschränken, ehrte den hohen Gast aber durch den Luxus einer neuen, blendend weißen Kravatte, und doch nahm er nachher nicht einmal Notiz davon.
Es war nachmittags 3¼ Uhr, als man sich Aalesund näherte. Was Beine hatte, stund auf Deck, die Stewards in langen Reihen auf den Blahen der Rettungsboote. Unsere Kapelle hielt sich spielbereit; die ganze Welt zeigte die größte Spannung; nur einige junge Amerikanerinnen beschäftigten sich mit ihren Stickrahmen. Hunderte von bunten Wimpeln flatterten lustig als festliche Dekoration auf unserm Schiff, das sich in langsamem, würdevollem Tempo dem Bestimmungsorte näherte. Jetzt erscheint die weite Bucht von Aalesund, von auf grünem Teppich aufgebauten Gebirgen umschlossen. Im Hintergrunde liegen blaue, mit Schnee gekrönte Berge. Die aufblühende Stadt zählt bereits 9000 Einwohner und ist ein Hauptstapel- und Handelsplatz. Zahlreiche Segler und Dampfer bevölkern den Hafen. Aber aller Augen sind auf seinen Mittelpunkt gerichtet, wo die stolze „Hohenzollern“ vor Anker liegt, in ihrer Nähe das begleitende Kriegsschiff „Hela“ und ein schwarzes Torpedoboot. Eine gewisse nervöse Hast war in diesem Moment auf unserer „Auguste Viktoria“ für einen nüchternen Beobachter nicht zu verkennen, und sie stieg im Quadrat der Annäherung an das Kaiserschiff. Sogar der wackere Kapellmeister zeigte sich davon ergriffen und gab mehrfach Ordre und Contreordre, und die Musikanten hatten Mühe, bei der scharfen Brise, die wehte, die hastig geänderten Programmnummern rechtzeitig aufzulegen. Im Zufahren stieg erst der Präsentiermarsch, dann der Wachparademarsch und endlich nahe am Ziele der Hoch-Kaiser-Wilhelm-Marsch. Jetzt sind deutlich die einzelnen Persönlichkeiten zu erkennen; der Kaiser steht in grauem Civilanzug auf der Kommandobrücke und grüßt anhaltend mit seiner dunkeln Tellermütze, was unsrerseits mit Hurrahrufen und Hüteschwenken erwidert wird. Während die Musik den Preußenmarsch spielt, dreht unser Schiff und bewegt sich — eine mächtige, weiße Gischtstraße bildend — in großem Kreise um die „Hohenzollern“. Unter den Klängen des Hohen-Friedberger-Marsches fällt endlich der Anker, und wir harren der Dinge, der kaiserlichen, die da kommen sollen.
Kaum lag unser Schiff ruhig, so kam auch schon eine elegante Barkasse von der „Hohenzollern“ hergedampft, um die Passagiere auf die kaiserliche Yacht hinüberführen zu helfen, und in Gruppen von 30 bis 40 begann nun die Wanderung zwischen den beiden stolzen Dampfern, wobei abwechslungsweise von der 40 Köpfe starken trefflichen Kapelle an Bord der „Hohenzollern“ und von der unsrigen gespielt wurde. Vorsichtigerweise pressierten wir drei nicht mit der Ueberfahrt; der Kaiser sollte ja der „Auguste Viktoria“ einen Besuch abstatten, und die Gelegenheit, ihn aus unmittelbarer Nähe und nachhaltig zu beobachten, wollten wir uns doch nicht entgehen lassen. Und richtig — dort kam er ja; ein schlankes, von zweimal vier Ruderern in blauem Matrosenkostüm pfeilschnell durch die Wogen gejagtes Boot trug vorne die kaiserliche Standarte, und hinten am Steuer saß und lenkte das eilende Fahrzeug Kaiser Wilhelm II.
Das war ein Rennen und ein Jagen auf unserm Schiff. Atemlos kamen die Amateurphotographen mit ihren Apparaten hergeeilt und postierten sich, um das gekrönte Oberhaupt des deutschen Reiches im Momente, da es an Bord trat, möglichst günstig zu erwischen. „Haben Sie ihn?“ hieß es kreuz und quer; „und von welcher Seite?“ Haarscharf schnitt das kaiserliche Boot unsere Schiffstreppe; in derselben Sekunde hielt es an; in der nächsten sprang der hohe Steuermann gewandt und sicher auf den ersten Tritt, wo er vom Kapitän und einem Vertreter der Schiffsgesellschaft bewillkommt wurde. Dann gings unter Hurrah und gegenseitiger Begrüßung die Treppe hinauf auf Deck, wo sich der Kaiser, geführt vom Kapitän, alles, aber auch alles ansah und durch vielerlei Fragen sein Interesse an dem stolzen Schiffe bekundete. Auffälliger Weise schritt der Kapitän stets zu seiner Rechten, und ich wurde nicht klug, ob dies aus Versehen oder aber einem Wunsche des Kaisers zufolge geschah, der ja bekanntlich links durch eine Lähmung und auffällige Verkürzung des Oberarmes verstümmelt ist und auch, wie die Fama weiß, am linken Gehörorgan krank sein soll. Im Rauch- und Konversationssalon war ich ganz allein, als die beiden Herren eintraten; besondere Freude zeigte der Kaiser an den Wandmalereien des ersteren, welches mit künstlerischem Humor die verschiedenen Rauchertypen, vom Lotsen bis zur Studentin, darstellen.
Nachdem uns auf diese Weise die vielgerühmte und vielgehaßte, aber sicher geniale und wohlwollende Verkörperung des deutschen Reiches menschlich näher getreten war und uns ganz sympathisch berührt hatte, machten auch wir uns daran, seinen schwimmenden Palast kennen zu lernen. So was behaglich Schönes, einfach Vornehmes hatten wir noch nie gesehen. Bekanntlich hat die „Hohenzollern“, die ja verschiedene Male kleiner ist als die „Auguste Viktoria“, 27 Millionen Mark gekostet, die Vergoldung des Kieladlers allein 80,000 Mark, und doch ist das Innere nicht so prunkvoll und überladen wie bei den großen Hamburger Personen-Dampfern. Aber jeder Planke und jeder Niete sieht man die hervorragende Qualität an, und es giebt nichts an dieser kaiserlichen Yacht, das nicht das Attribut absoluter Vollkommenheit verdiente. Eine breite, mit Teppichen belegte Treppe führt in bequemen Stufen zu dem Verdeck, das in seiner ganzen Ausdehnung mit Linoleum bedeckt ist und weite Spaziergänge erlaubt. Auf Vorderdeck war in Galauniform die 40 Mann starke vortreffliche Kapelle postiert, welche die Gäste auf Befehl des gastfreundlichen Kaisers zu begrüßen hatte. Jedenfalls nicht in seinem Sinne und seiner nobeln Denkweise handelten ein paar vollgegessene, abgelebte Byzantiner, welche, über die Brüstung gelehnt, mit den fadesten Berliner Witzen und unter knabenhaftem Gelächter sich über die Ankömmlinge „minorum gentium“ lustig machten. Nachdem ich sie mit einem feindeidgenössischen Blicke vernichtet, freilich ohne durchschlagenden Erfolg, durchwanderten wir, in Gruppen von 30 bis 40 geführt, die herrlichen Räume des Schiffes. Besonders schön ist der große Speisesaal, der reich mit Blumen geschmückt war (der Kaiser führt stets einen Gärtner mit an Bord). An der Stirnseite prangt in großer Ausstattung das alte Familienwappen mit der Inschrift: „Hie guet Zollere alleweg!“ Stilvolle künstlerische Wanddekorationen erfreuten das Auge, z. B. geist- und humorvoll ausgestattete eingerahmte Menus zur Erinnerung an besonders ereignisreiche Tage früherer Fahrten.