Die letzten Tage, lieber Freund, sind noch ganz der Wohnungseinrichtung gewidmet gewesen. Sie wissen ja, wie sehr ich von meiner äußeren Umgebung abhänge. Milde warme Farben, edler Faltenwurf, schöngeschweifte Linien sind mir physisch wohltuend. Vielleicht erheben sich die wirklich großen Geister über die äußeren Dinge und lassen sich nicht von ihnen störend beeinflussen; aber ich bin nur ein ganz kleines Geistchen, fürchte mich vor dem Meer des Alltäglichen, Häßlichen, und fühle mich nur behaglich, wenn es mir gelungen, mir eine eigene kleine Insel zu schaffen und sie meiner persönlichen Eigenart entsprechend zu gestalten. Ich suche auch immer mich über das Nomadenhafte meines Lebens hinwegzutäuschen, indem ich unsere jeweilige Wohnung mit einem Eifer und Ernst dekoriere, als solle sie ein alles überdauerndes Stammschloß werden – und sie ist doch nie etwas anderes, als ein Zelt, das immer wieder abgebrochen und von neuem an anderm fremden Ort aufgeschlagen wird. In manchen der Häuser, die wir im Lauf der Jahre bewohnten, habe ich sogar Tür und Decken bemalt; heute neckte mich mein Bruder damit und fragte, ob ich diesem New Yorker Boarding House auch solche dauernde Erinnerungen meines vorübergehenden Aufenthaltes hinterlassen wolle. Das habe ich nun zwar nicht vor, aber, nachdem ich es nun etwas wohnlich um uns gestaltet habe, will ich wieder meine Malereien aufnehmen. Unser Wohnzimmer hat ausgezeichnetes Licht, so daß es als Atelier dienen kann, und da mein Bruder erst nachmittags zurückkommt, habe ich den ganzen Tag dafür frei. All meine chinesischen Skizzen sind hier, und ich habe manche an die Wände gehängt, lauter alte Bekannte von Ihnen, zu denen nun noch japanische und kanadische gekommen sind. Als ich in all den Bogen blätterte, fiel mir die Pekinger Zeit so besonders lebhaft ein und die kleine Bilderausstellung, die ich vor unserer Abreise dort arrangierte. »Premier Salon de Pékin« wurde sie genannt, und ich verkaufte eine Menge Skizzen! Wenn ich so durch mein Malen ein paar hundert Dollar verdiene, fühle ich mich so stolz, so self made, als sei ich Charles William O'Doyle inmitten seiner Millionen! In grauen leeren Tagen, als die Welt für mich nichts mehr zu enthalten schien, habe ich zuerst zu malen begonnen, wie eine Zerstreuung, eine Rettung vor den ewig gleichen, quälenden Gedanken. In den langen Wanderjahren mit meinem Bruder ist es dann allmählich meine große Lebensfreude geworden, der befreiende Ausdruck des innerlich Erlebten. Und noch in anderem Sinn ist das Malen mir zu einer Lebensfreude geworden, denn wenn ich ein Bild verkaufe, bedeutet das Butter zu meinem täglichen Brot, d. h. die Möglichkeit, mit solchem kleinen Verdienst andern helfen zu können, denen es weniger gut geht als mir.
Bei Ihnen fand ich gleich Interesse für mein Malen. Wie viel haben Sie mir erzählt von Kunst und Künstlern all der Länder, in denen Sie gelebt, wie oft haben Sie mich zu malerischen Punkten im altersgrauen Peking geführt, die sonst Fremde wohl nie zu sehen bekommen und deren völlige Eigenart so manches Motiv bot? Wenn Sie mir so den Zutritt zu einem sonst stets verschlossenen Tempel verschafften und ich seltsame Götzen oder stille Klosterhöfe malte, in denen das Licht zwischen den Zweigen uralter Bäume spielte und über einen gelbgekleideten Priester glitt, der am Sockel eines riesigen mit Patina überzogenen Bronzelöwen lehnte und weltentrückt den buddhistischen Rosenkranz durch die Finger gleiten ließ – wie manchesmal habe ich da Ihre Augen auf mir ruhen gefühlt und eine neue Arbeitslust, ein größeres Können empfunden durch die Macht der Freude, die Sie an mir hatten! – Von einem andern in unseren liebsten Beschäftigungen, in unserer individuellsten Eigenart verstanden zu werden, ist wie eine geistige Liebkosung. So vieles erstirbt ja in uns, aus Mangel an etwas Interesse und Pflege. Und jene, die am meisten in uns getötet und begraben haben, sind oft, die uns am nächsten standen. Haben Sie Dank, lieber Freund, für alles, was Sie in mir geweckt und gepflegt haben, für all die Blumen, die geblüht haben, weil Sie sich daran freuten.
15.
New York, 25. Dezember 1899.
Es ist wieder Weihnachten geworden, lieber Freund! Weihnachten in einem Lande, wo ich das Fest noch nie erlebt habe, wo es mir darum besonders fremd vorkommt. Warum haben wir nur diesen rührenden und zugleich etwas komischen Zug, an bestimmten Jahrestagen so besonders zu hängen? Was wissen wir eigentlich von dem Tag der Geburt Christi und was ist uns dieser Tag? Und doch, so wenig Bedeutung er für viele unter uns heute noch in der Hast des Lebens hat, und so wenig wir von Frieden auf Erden wissen, an diesem Jahrestage scheint es uns, als hätte jeder Mensch ein besonderes Recht auf Freude, und wir stecken viel Lichtchen an, um doch ja die Freude sehen zu können, falls sie wirklich mal zu uns käme. Aber bei uns Einsamen, die wir in fremden Welten leben, pocht gerade an dem Abend selten die Freude an die Tür. Andere Gäste sind es, die uns besuchen. Vor allem ist es die alte Frau Erinnerung, deren Bilderbuch mit jedem Jahr dicker wird. Als ich gestern Nachmittag die Kerzen am Bäumchen in unserm Wohnzimmer angezündet hatte und meinen Bruder hereinrief, huschte die alte Frau auch gleich durch die offene Tür ins Zimmer herein. Den ganzen Tag schon hatte ich gefühlt, daß sie draußen stand und nur auf den Moment wartete, hereinzuschlüpfen, und den ganzen Tag hatte ich ihr immer die Tür vor der Nase zugeschlagen, denn ich fürchte mich ein bißchen vor der alten Frau und ihrem großen Bilderbuch. Aber nun stand sie neben uns. Ta, dem auch aufgebaut wurde, hatte sie wohl eingelassen.
Und wie es raschelte und knisterte in den Blättern des großen Bilderbuchs! wie es darin lebendig ward und längst verstummte Stimmen wieder klangen in vergessenem Lachen und verhalltem Schluchzen. Lauter Dinge, die einst gewesen, füllten das Zimmer und umwogten uns; kleine graue Geisterchen saßen lichtbeschienen in den Zweigen des Weihnachtsbaumes und flüsterten leise von Vergangenem; und auch all das, was nie gewesen, was nur gewünscht und ersehnt worden – nun lebte es für den einen Abend wieder auf.
Am längsten verweilte ich bei den letzten Blättern des Bilderbuches. Die Weihnachten in Peking standen wieder vor meinen Augen. Erinnern Sie sich des einen Jahres, als der arme junge Mc Intyre krank war und wir ihm ein Bäumchen brachten? Ich saß in der Sänfte und hielt die winzig kleine geschmückte Tanne auf dem Schoß, und Sie gingen nebenher und ermahnten die Kulis, mich behutsam durch die holprigen, hart gefrorenen Straßen zu tragen. Erinnern Sie sich der Freude des armen Jungen, als wir dann bei ihm eintraten und unser glänzendes Bäumchen auf den Tisch vor ihm aufbauten zwischen den Photographien seiner fern in Schottland lebenden Eltern und Geschwister, die er sich für diesen Abend recht nah an sein Bett hatte heranrücken lassen?
Und erinnern Sie sich der Bescherungen in unserem lieben chinesischen Häuschen, zu denen Sie und ein paar Freunde meines Bruders jedesmal kamen? Tagelang vorher war große Aufregung, um für jeden eine Überraschung in den Kuriositätenläden aufzutreiben, und als erst die Bahn eröffnet war, fuhren unternehmungslustige Leute nach Tientsin, um zu schauen, was etwa die dortigen europäischen Magazine böten.
Sie, lieber Freund, entdeckten aber immer die reizendsten Dinge! Vor mir steht heute die kleine altfranzösische Bronzenuhr, die einst in der Direktoire-Zeit nach China kam, und die Sie von Pekinger Palastbeamten erstanden und mir unter dem Weihnachtsbaum aufbauten. Das Piedestal ist noch ganz im Stile Ludwig XVI. mit Delphinen und feinen Guirlanden geschmückt; darüber erheben sich vier Drachen, die die Uhr tragen, kuriose Geschöpfe, in denen der französische Künstler möglichst dem nahe zu kommen suchte, was ihm als chinesisch vorschwebte. Über der Uhr, auf einer kleinen Weltkugel, steht ein gallischer Hahn, der offenbar nach Freiheit kräht, aber ein so skeptisches Gesicht macht, als glaube er schon längst nicht mehr daran.