Ich wünschte – ja, was wünsche ich eigentlich? Ich wünschte, ich wäre mit Ihnen auf einer weiten, merkwürdigen, gefahrvollen Entdeckungsreise in irgend ein seltsames Land – womöglich einen unerforschten Stern. Bitte, werden Sie nun aber nicht gleich eitel! Daß Sie nicht eitel sind, ist ja gerade eine Ihrer nettesten Eigenschaften, und jede echte Frau muß einen eitlen Mann unausstehlich finden, denn er nimmt ihr damit etwas weg, worauf sie ihr spezielles, anerkanntes Frauenrecht hat. Ich suche Sie ja auch nur deshalb zum Begleiter auf den unerforschten Stern aus, weil Livingstone, der dort sicher sofort Bescheid gewußt hätte, nun doch schon tot ist.

Aber wahrhaftig und im Ernst – ich habe manchmal eine so brennende Sehnsucht, etwas zu werden, zu sein, zu leisten! Ich komme mir zuweilen vor, als bestände ich aus lauter ungenutzten Fähigkeiten und als gingen alle Gelegenheiten, sich zu betätigen, die die meinen sein sollten, an mir vorbei und zu anderen hin, die nicht wissen, was sie damit beginnen sollen. Wir Menschen bestehen eben aus solchen, von denen nie annähernd das verlangt wird, was sie zu leisten imstande wären, und aus anderen, an die Anforderungen gestellt werden, denen sie in keiner Weise gerecht werden können. – Letztere sind natürlich die glücklicheren, denn ein Teil ihrer Unfähigkeit besteht gerade darin, gar nicht zu merken, wie sehr sie es sind.

Das Ergebnis dieser Welteinrichtung ist, daß niemand da steht, wo er stehen sollte. Wenn jemand plötzlich einen verantwortungsvollen Posten bekommt, gratuliert man ihm und sagt: »endlich, the right man in the right place« und denkt dabei: »what a mess he will make of it!« Und gewöhnlich hat man mit letzterer Vermutung recht.

Und ein großer »mess« der Weltenregierung ist es offenbar, daß ich hier sitze, abwechselnd in den Kamin oder auf die Straße starre, und daß alles andere, was ich etwa sonst noch tun könnte, ganz ebenso zwecklos wäre.

Frauen sitzen eigentlich immer da und warten, ob die Türe aufgeht und jemand kommt.


19.

New York, Januar 1900.

Ich ward gestern unterbrochen, lieber Freund! Weiß nicht, wie lange ich Ihnen sonst noch grau in graue Weltenbetrachtungen geschrieben hätte! Seien Sie also dankbar, daß gestern die Tür wirklich aufging und Madame Baltykoff bei mir eintrat, ein Pelzmützchen auf dem Kopf, das ihr so natürlich gut stand, wie jeder Katze ihr Fell.

»Nein, wie beneidenswert unbeschäftigt Sie aussehen!« sagte Madame Baltykoff. »Und ich bin so abgehetzt durch alles, was ich mitmachen und wobei ich gesehen werden soll. In keinem Lande der Welt habe ich noch so viel von »sozialen Pflichten« reden hören! Ich glaube, sie ersetzen alle anderen! Heute war ich schon mit einer New Yorkerin, die mich ins Schlepptau genommen, auf einem Dejeuner, einem Wohltätigkeitsbazar und drei Jours. Und jedesmal, wenn ich die gewisse Ankunftslangweile überwunden hatte und gerade anfing mich etwas zu amüsieren, machte mir mein sozialer Pilot verzweifelte Aufbruchszeichen, weil wir noch in so und soviel Häusern gesehen werden müßten. Ich kam mir schließlich wie eine Verbrecherin vor, die sich Alibis schafft! Nun habe ich noch einen Besuch vor, bei einer ehemaligen Landsmännin, und da müssen Sie mich durchaus begleiten. Es ist Ihnen auch gar nicht gut, so vor sich hin zu brüten, wie ein weiblicher Oblomoff.«