Und da all mein Tätigkeitsdrang von jeher damit geendet hat, mich von äußeren Mächten treiben zu lassen, ging ich mit Madame Baltykoff hinaus in die kalte graue Winterwelt und lernte Miß Tatiana de Gribojedoff kennen.
Wenn Sie den Namen auch dreimal lesen, lieber Freund, sie heißt wirklich so, und das Miß hat auch seine Berechtigung.
Tatianas Vater war natürlich Russe, ihre Mutter dagegen war die Tochter eines aus Illinois stammenden amerikanischen Konsuls Carmichael in Archangel, und in jener kalten Weltecke hat auch die Wiege der kleinen Tatiana gestanden. Madame de Gribojedoff, née Carmichael, scheint sich dort aber nie so recht behaglich gefühlt zu haben, woraus ihr meinerseits kein Vorwurf gemacht werden soll. Ihr Bestreben ging dahin, Tatiana in der Kritik und Mißachtung alles Russischen zu erziehen und ihr eine unbedingte Bewunderung für alles Angelsächsische beizubringen. Als der Vater Tatianas starb, ein bedeutendes Vermögen hinterlassend, wanderten beide Damen nach Amerika zurück; seit dem Tode ihrer Mutter lebt Tatiana als unabhängige alte Jungfer in New York.
Ihr Häuschen ist vollgepfropft mit all denjenigen Dingen, die gewitzigte Leute auf Reisen sorgfältig zu kaufen vermeiden. So hat sie sich von den Niagarafällen indianische Mokassins mitgebracht, die an einer Wand hängen, dicht neben einem spanischen Fächer, auf dem ein Stiergefecht abgebildet ist. In Mexiko hat sie allerhand aus dortigem Marmor verfertigte Früchte gekauft, rosa Pfirsiche, grüne Mangoes, braune Feigen liegen auf einer Konsole, zusammen mit den Ergebnissen eines Ausflugs nach Havanna, großen schillernden Muscheln und Mustern verschiedener Korallensorten. Der dahinter aufgehängte Spiegel gestattet auch, die Rückseiten zu bewundern. Von Sorrent hat Miß Tatiana kleine aus Olivenholz verfertigte Bücherbretter mitgebracht und auf diesen steht, neben römischen Mosaikschälchen und einer Miniaturnachbildung des Vestatempels, eine ganze Batterie von Gläsern aus verschiedenen Badeorten, deren Brunnen Miß Tatiana getrunken hat. Allerhand Inschriften sind auf diese Gläser geschliffen: »Zur freundlichen Erinnerung an Schlangenbad«, »Wohl bekomm's«, auch eine Abbildung der Trinkhalle in Baden-Baden. Vielleicht ist es eine Folge all dieser gesundheitsfördernden Flüssigkeit, daß Miß Tatiana so lang, spitz und mager ist.
Sie saß an einer Seite des Kamins, und auf der andern saß ein kleiner, dicker, älterer Herr, den Madame Baltykoff als Iwan Iwanowitsch begrüßte und der mir als Herr Baschmakoff vorgestellt wurde. Die Wirtin und ihr Gast schienen eben eine politische Debatte gehabt zu haben; sie sah erregt aus, und nachdem wir uns gesetzt hatten, fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort: »Wahrlich, Mr. Baschmakoff, jeden Tag, wenn ich von der Unterdrückung der armen Finnen lese, bin ich dankbar, daß ich auswanderte und eine freie amerikanische Bürgerin geworden bin.«
»Aber liebe Tatiana Feodorowna«, antwortete der kleine, dicke Herr, »es wäre Ihnen doch nichts in Rußland geschehen – Sie sind ja gar keine Finnländerin.«
»Das ist eine feige Ausrede. In solchen Fällen muß man sich eins fühlen mit den Unterdrückten. Da ich all dem Unrecht, das in Rußland geschieht, nicht abhelfen konnte, habe ich wenigstens durch meine Auswanderung dagegen protestiert.«
»Immer die gleiche, immer dasselbe Feuer bei unserer lieben Tatiana Feodorowna,« seufzte der alte Herr.
»Und bei Ihnen immer der gleiche Eigensinn, in jedem Satz wenigstens einmal diese komische russische Anrede anzubringen – Tatiana Feodorowna!«
Herr Baschmakoff legte die Hand auf seinen vorspringenden Magen, in der Gegend, wo hinter all dem Fett das Herz sitzen muß, und erwiderte: »Es ist mir eben mein Leben lang der liebste Name der Welt gewesen.«