Das war alles ganz stereotyp – denn alle Dinge in China haben die Neigung, stereotyp zu werden!
Solche Vergnügungen in entlegenen Plätzen haben mir immer etwas so unendlich Wehmütiges. Sie sind ein offenbarer Versuch der Selbsttäuschung, zu dem so sehr viel guter Wille gehört. Kleine rührend traurige Bemühungen, um zu vergessen, wo man ist, was alles fehlt. Der festgefaßte und ernsthaft durchgeführte Vorsatz, auch einmal »große Welt« zu sein.
Wie tieftraurig bin ich doch schon oft inmitten solch künstlich verpflanzter und betriebener Amüsements gewesen – sie erinnern an kümmerlichen weißen Winterflieder – der ist auch nichts Rechtes!
22.
New York, Februar 1900.
Ich bin noch recht elend, möchte Ihnen aber doch ein bißchen schreiben, um mir dadurch die Illusion zu geben, als seien Sie hier.
Wenn ich krank bin, tue ich mir immer so schrecklich leid – ich möchte mich dann am liebsten selbst in die Arme nehmen können und mich trösten. Gute Gesundheit täuscht über so manches hinweg; wir fühlen uns allem gewachsen und sind daher mit uns selbst zufrieden, und sobald man das ist, ist ja alles gut. Wenn wir aber oft krank sind und die Rechnung zwischen Sollen und Können immer mit einem Defizit für uns schließt, dann erscheint die ganze Welt wie ein Exempel, das nie stimmt, wo es immer irgendwo hapert. Glauben Sie nun deshalb nicht, daß ich hier besonders einsam und vernachlässigt wäre; die kleine Ecke Welt, die im Gesichtskreis meines Sofaplatzes liegt, ist wahrscheinlich nicht schlimmer und langweiliger wie andere auch, und es besuchen mich eine ganze Anzahl Menschen. Am häufigsten kommt Madame Baltykoff, und gewöhnlich findet sich Anstruther zur selben Zeit ein. Diese unermüdliche Russin hat erstaunliche Vorräte an Wissensdurst; sie besieht sich New York von allen Seiten: Auswandererherbergen, Fifth Avenue-Feste, Schulen, Druckereien, Wall Street, Gefängnisse, Klöster – tout lui est bon. Kürzlich erzählte sie mir von einem Damenlunch, bei dem sie gewesen. Während nämlich die New Yorker Herren im Geschäft sind und Geld verdienen, vertreiben sich die Damen die Zeit, indem sie sich untereinander kleine Feste geben, bei denen sie sich in neuen, kostspieligen Einfällen zu überbieten suchen. Für einen solchen Lunch wird eine bestimmte Farbe gewählt. Die neuliche war lila. Alle Blumendekorationen, auf dem Tisch, an den Wänden und Kronleuchtern, bestanden aus Parma-Veilchen, das Tischtuch war Spitzen bedeckte lila Seide, die Tischkarten lila Karton, Wirtin und Gäste trugen Kleider verschiedener lila Tönungen. Das kleine, sehr verzogene Töchterchen des Hauses war als Veilchen verkleidet. Madame Baltykoff erzählte, es sei während der ganzen Mahlzeit unausgesetzt rund um den Tisch herumgelaufen; die zärtliche Mutter bemerkte schließlich, daß ihre Gäste hiervon nervös wurden, aber anstatt das Kind hinauszuschicken, sagte sie ihm nur: »Dodo, darling, renn doch jetzt mal in der andern Richtung um den Tisch – es wird uns sonst schwindlig.«
Solche kleinen Damenfeste werden, wie alle sonstigen geselligen Begebenheiten auch, am nächsten Tage in all ihren Einzelheiten von den Zeitungen beschrieben. Die Öffentlichkeit des Privatlebens in Amerika ist immer von neuem ein Gegenstand des Staunens für uns Fremde. Sie erstreckt sich auf die kleinsten Handlungen der oberen 400. Das gesellschaftliche Debut einer jungen Dame aus diesen Kreisen wird im voraus bekannt gegeben, mit Beschreibungen ihrer äußeren Erscheinung und aller Toiletten, die sie in Paris bestellt hat, man kann in den Zeitungen lesen, wie viel Taschengeld sie zu verausgaben hat, welche Handschuhnummer sie trägt, welche Blume sie bevorzugt, wer ihre Hofmacher sind. Verheiratet sie sich, so werden spaltenlange Artikel ihrer Ausstattung und ihren Hochzeitsgeschenken gewidmet und genaue Berechnungen aufgestellt, was der Bräutigam wert ist (an Dollars nämlich). Eine New Yorker Dame ist eigentlich nie allein – sie agiert beständig vor Reportern, die der neugierigen Menge die wichtige Kenntnis aller Einzelheiten ihres Lebens vermitteln. Das Bewußtsein, fortwährend beobachtet, besprochen und beschrieben zu werden, mag dazu beitragen, daß die modernen Amerikanerinnen der obersten Gesellschaftsklassen keinen Augenblick vergessen, welchen Eindruck sie hervorrufen. Sie sind immer darauf bedacht, zu gefallen, und ruhen nicht eher, bis jeder, der ihnen naht, sich ihrem Charme ganz gefangen gibt. Sie sind stets liebenswürdig, reizend und faszinierend, aber gesunden Menschen anderer Weltteile mögen diese nervösen, blutarmen Wesen oftmals etwas unnatürlich erscheinen. Sie leben hauptsächlich von Bewunderung, daneben auch noch von Eiswasser und auserlesenen kleinen Gerichten, an denen sie ein bißchen herumknabbern; die Beefsteakseite des Lebens ist ihnen ein Greuel; sie möchten am liebsten alles Physische abschaffen, nennen es roh, höherer Wesen unwürdig, und denken, daß es abgetan und in untere Gesellschaftssphären verbannt sei, weil sie es mißachten. Wegen dieser eigenen Temperamentlosigkeit und weil sie an die beständige Überarbeitung und geschäftliche Präokkupation der rasch alternden amerikanischen Männer gewöhnt sind, können sie in ihrem Lieblingszeitvertreib, dem Flirt, auch soweit gehen. Ein verliebter Europäer, der europäische Folgerungen ziehen wollte, käme schlimm an; er würde zu hören bekommen, daß er kein Gentleman sei und Frauen nicht respektiere.
Inmitten dieses verkünstelten Daseins berührt es seltsam, welche Vergötterung mit Kindern getrieben wird. Es ist das ein ganz charakteristischer Zug der hiesigen Gesellschaft. Vielleicht stammt er noch aus der Zeit her, wo es hier so wenig Einwohner für das riesige Land gab, daß man sich über jeden neuen kleinen amerikanischen Bürger ganz unsinnig freute; vielleicht ist es im Gegenteil ein allermodernstes Gefühl, weil in der neuesten Zeit in der elegantesten, reichsten New Yorker Gesellschaft die Kinderzahl stetig abnimmt und man daher ein jedes wie ein kleines Wunder anstarrt. – Die schönen New Yorkerinnen haben gar so viel zu tun!