Auffallend ist, welches Gewicht dem Urteil amerikanischer Damen auf allen Gebieten zugestanden wird. Literarischer, künstlerischer Ruf wird von ihnen bestimmt; wer vorwärts kommen will, muß so malen, schreiben oder musizieren, daß er den leitenden Damen der Gesellschaft gefällt. In allen schöngeistigen Dingen sind sie ihren gelderwerbenden Männern sehr überlegen, und niemand weiß das besser, als sie selbst, aber ich glaube kaum, daß sie sich dadurch unglücklich fühlen, es erscheint ihnen der weisen Ordnung der Dinge zu entsprechen; und die Pose der feingebildeten, nur das Zarteste empfindenden Frau, die von einem aus gröberem Stoff geformten Mann nicht ganz verstanden wird, ist eine kleidsam geheimnisvolle. Bezaubernde, diaphane Geschöpfe sind es, für jede Tagesstunde mit andern berückenden Gewändern versehen, und die große Nutzlosigkeit ihres Daseins verbergen sie vor sich selbst mit Erfolg hinter einem felsenfesten Glauben an die Wichtigkeit der tausenderlei Dinge, die sie in steter Eile betreiben.
Aber das ist nur ein ganz bestimmter Typus, den wir Fremde vielleicht gerade deshalb am raschesten kennen lernen, weil diese Frauen keine eigentliche Tätigkeit mit unaufschiebbaren Pflichten kennen und mit aller Geschäftigkeit und Hast doch immer nur nach neuen Dingen suchen, um die Zeit zu füllen. Die wahrhaften, berufsmäßigen Arbeiter eines Landes lernt ein Reisender immer am schwersten kennen, denn die haben keine Zeit für ihn – und wieviel arbeitende, schaffende Frauen muß es in dieser 70 Millionen-Nation geben!
23.
New York, März 1900.
Raten Sie mal, lieber Freund, wer mich heute hier besuchte?
Der Provikar Hofer! Aber ein entchinester, auch im äußern ganz römisch-katholisch gewordener Hofer. Zum letztenmal hatte ich ihn vor zwei Jahren in Pei-ta-ho gesehen, wo er seinen Gesandten besuchte. Wie alle katholischen Priester in China trug er damals den Zopf (ziemlich spärlicher Natur) und chinesische Kleider, der Hitze halber aus dünner weißer Waschseide, die er mehrmals des Tags wechselte, so daß er stets von immakulierter Weiße war und ich ihm dort einmal sagte, er gliche im äußern den Lilien auf dem Felde, aber das Sorgen überlasse er nicht nur dem lieben Gott, sondern halte es darin wohl mehr mit Martha als mit Maria. Heute nun sah ich ihn in gewöhnlicher schwarzer Priestertracht wieder und erkannte ihn anfänglich gar nicht in dieser Rückbildung. Er war aber sonst ganz der Alte, derb, heiter und voll gesunden Menschenverstandes. Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie ich mich freute, jemand zu sehen, der direkt von Peking kam! Beinah ebenso froh war ich wie Ta, der dem Provikar einen kotau-artigen Knix machte und ganz strahlend schien, endlich mal wieder chinesisch sprechen zu können.
Natürlich fragte ich Hofer gleich nach Ihnen. Er sagte mir aber, nachdem was er in Peking gehört habe, glaube er, daß Sie erst im Juni dort eintreffen würden. Da wird es also noch lange dauern, bis ich von Ihnen höre, und während all der Zeit werden auf der Post in Schanghai meine Briefe liegen, die ich immer in der Illusion schreibe, als schwatzte ich mit Ihnen, und als könnten meine Gedanken Sie unmittelbar erreichen. Von den Pekinger Bekannten erzählte mir der Provikar, und obschon er nur alle paar Jahre aus seiner Provinz mal hinkommt, kennt er doch sämtliche dortigen, kleinen und großen Intrigen, als hielte er die Fäden in der Hand. Er ist mir immer ein Beispiel von der merkwürdigen Wohlunterrichtetheit des höheren katholischen Klerus, der alle Diplomaten, diese Regierungsnachrichtensammler, als wahre Stümper weit hinter sich läßt.
Nachdem mir der Provikar die neuesten Begebenheiten von der Société de Pékin mitgeteilt hatte, fragte ich ihn, was seine jetzige Reise bedeute. Er antwortete, daß er auf dem Weg nach Europa sei, um dort darauf aufmerksam zu machen, daß sich in China schlimme Ereignisse vorbereiteten. Er erzählte mir, in seiner Provinz herrschten seit Monaten große Unruhen, die von geheimen Gesellschaften ausgingen und die einen sehr fremdenfeindlichen Charakter trügen. »Daran sind wir ja gewöhnt,« sagte er, »was mich aber ernstlich besorgt macht, das ist, daß diese Unruhestifter offen von den provinziellen Mandarinen in Schutz genommen werden und diese wiederum sich auf die höchsten Autoritäten in Peking berufen. Es sind Missionare und einheimische Christen überfallen worden, ohne daß eine Bestrafung der Täter zu erreichen gewesen wäre; und die in letzter Zeit neu ernannten hohen Beamten sind ob ihres Christenhasses und Einvernehmens mit den geheimen Gesellschaften bekannt. In Peking herrscht eben nicht mehr die Furcht des Herrn, die beim Orientalen ganz besonders aller Weisheit Anfang ist. Wir Missionare im Innern fühlen die Folgen solch veränderter Haltung ja immer am ersten. Wir hören auch manches, was für andere Ohren zu leise gesprochen wird, und durch China geht jetzt das Wort, »man brauche sich nicht zu fürchten, die Stunde der fremden Teufel habe geschlagen«. Favier glaubt wie ich an eine große, nahende Gefahr, denn auch er ist von seinen einheimischen Christen gewarnt worden. Die Führer der Großmessermänner sprechen es ja offen aus: »zuerst die chinesischen Christen, dann die Fremden«. Ich habe dies Wort an die rechte Stelle hinterbracht, da ist mir aber angedeutet worden, wir Missionare seien durch allzu viel Schutz verwöhnt und anmaßend geworden, in früheren Jahren hätten wir Verfolgungsgefahren als die notwendige Begleitung alles Missionierens angesehen und hätten nicht nach Kriegsschiffen und Soldaten zu unserm Schutz gerufen. Ich habe denen in Peking die letzte Warnung gegeben: »Die Gefahr betrifft diesmal die Missionare nicht mehr als die anderen Fremden – vielleicht geht es Euch hier in Peking schlimmer als uns in unsern Provinzen.«
Ich konnte es gar nicht glauben, was mir der Provikar da erzählte. Ich erinnerte ihn an die vollkommene Sorglosigkeit und Sicherheit, mit der alle Fremden, nicht nur in Peking selbst, sondern Sommers in den einsamen, entlegenen Tempeln der Umgegend lebten.