Ich ging auf diesen Vorschlag gern ein und mußte meine Mappen chinesischer Skizzen bringen, von denen ich so manche gemalt habe, während Sie zuschauten. Vater und Tochter suchten gleich aus. Die Prinzeß war für das Malerische: ein Sonnenuntergang auf dem Yangtse, verwitterte alte Mauern in Hangtschau, ein Gewühl von Booten bei Kanton gefielen ihr, aber der alte O'Doyle verwarf das alles. »Ich will lauter Pekinger Bilder haben,« sagte er, »dort liegt die Hauptgefahr, hat Hofer gesagt, davon wird gesprochen werden.«

Es sind wohl noch nie Bilder nach merkwürdigerem Grundsatz bestellt worden!

Schließlich entschied er sich für einen Eckturm der Pekinger Stadtmauer, für eine Ansicht der Kaiserstadt mit den goldgelben Dächern der Paläste und für ein Stadttor, durch das eine Truppe chinesischer Soldaten zieht – das behagte ihm besonders, denn er meinte, sie sähen alle wie Räuber, Aufrührer und Mörder aus und würden daher sehr typisch sein, wenn es im Sommer wirklich zu Unruhen käme. Er stellte mir in Aussicht, noch mehr zu bestellen – vielleicht will er abwarten, ob die weiteren Nachrichten aus China so lauten, daß die Bilder wirklich ein aktuelles Interesse gewinnen.

Es war komisch, O'Doyles Geschäftsspürsinn auf Bildersujets angewandt zu sehen, aber es beängstigte mich doch sehr, von Revolten und Fremdenverfolgungen so ruhig reden zu hören, als von Umständen, die man im voraus eskomptiert, durch die Aktien steigen oder sinken. Aber die Erinnerung an den Winter 98 hat mich beruhigt. Da sprach man ja auch von den stets näher rückenden Kangsu-Truppen, die ihren rückständigen Sold in Peking bei den Fremden erplündern wollten, und es kam auch wirklich zu vereinzelten Angriffen, als aber nach wenigen Tagen die Gesandtschaftswachen einmarschierten, erscholl nicht mal ein Ruf gegen das Häuflein bewaffneter Fremdlinge, und ihre bloße Gegenwart genügte, um in der wogenden See gelber Menschenmassen um uns herum Ruhe zu halten.

Es wird wohl diesmal wieder so werden!



27.

Berlin, Mai 1900.