Trotz aller bittern Stunden ist mir Garzin doch immer in der Erinnerung geblieben als das eine Fleckchen Erde, an das ich ein Recht habe, das Recht, das man durch Liebhaben erwirbt. In meinen Gedanken habe ich es unbewußt immer »zu Hause« genannt, obschon die Verwandten, denen es damals gehörte, längst tot sind und es jetzt, durch allerhand unverständliche Lehnsgesetze, Eigentum eines ganz fremden, alten Herrn geworden ist, der nie hinkommt, und sein bißchen kränkliches Leben von einem Badeort zum andern schleppt.
Dorthin will ich also morgen früh fahren, und bei dem Gedanken dieses Wiedersehens klopft mir das Herz – ich denke mir, so muß einem zu Mute sein, wenn man zu einem Stelldichein geht. Und es ist ja auch ein Stelldichein – mit der Vergangenheit!
Ich trete immer wieder ans Fenster, von dem man auf den innern, zu einem Miniaturgärtchen verwandelten Hotelhof blickt, und schaue an den hohen Wänden hinauf zu dem schmalen Streifen Himmel über mir, und jede graue Wolke, die daran vorüberzieht, beängstigt mich, denn ich möchte mein liebes, altes Garzin nicht im Regen wiedersehen, sondern in seinem hellsten, sonnenbeschienenen Frühlingsgewand. Das stand ihm immer am besten!
29.
Berlin, Mai 1900.
Und ich habe es im Sonnenschein wiedergesehen!
Ganz früh fuhr ich vom Friedrichstraßen-Bahnhof ab. Zuerst durch das häßliche Straßengewirr, an hohen Häusern vorbei, in die man von rückwärts hinein schaut, als wolle man heimlich und hinterrücks all ihre Geheimnisse ergründen. Staub, Ruß, eine unabsehbare Menge von Schienensträngen, auf denen Vorortzüge wie um die Wette fahren. An allen Bahnhöfen ein Gewühl von blassen, ruhelosen Großstadtgesichtern, lauter Menschen, die irgendwohin zu irgend welcher Arbeit eilen müssen. Lauter kleine Räder eines einzigen großen Betriebs. Alles grau, freudlos und schon am frühen Morgen so abgehetzt.
Endlich hinaus aufs flache Land und, einer Überraschung gleich, wahrgenommen, daß es ja eigentlich Frühling ist! Hellgrüne Saatenfelder, Gemüsegärten, kleine Fichtenschonungen. Rehfelde, Strausberg, noch andere, altbekannte Namen. Bald darauf hoher Fichtenhorst, mit Wacholderbüschen als Unterholz; in den Wäldern scheint die Nacht noch in großen bläulichen Nebelfetzen zu hängen; der Rauch der Lokomotive vermischt sich mit ihnen und kriecht zwischen den ersten Reihen hoher rötlicher Stämme bis hinein ins tiefe Waldesdunkel.
Und nun aus dem Wald heraus und rechts der Torfstich, der schon zum Garziner Bezirk gehört. Neben den schwarzen, viereckigen Wasserlachen sind die ausgestochenen Torfstücke in regelmäßigen Pyramiden aufgebaut. Bläulicher Dunst lagert über dem Moor, weiße Birkenstämme schimmern hindurch, hellgrüne, herzförmige Birkenblättchen zittern in der Morgenluft; weiter zurück verschwimmt alles im Frühnebel.