Nun hält der Zug. Ich steige aus. Dies ist die Station, von der aus es in einstündiger Wagenfahrt nach Garzin geht. Ich bleibe unschlüssig auf dem Perron stehen. Ein Gepäckträger führt eine Berliner Familie, die auch ausgestiegen ist, und ich höre ihn sagen: »Hier, über die Bahnbrücke, zur Kleinbahn nach Garzin.«

Kleinbahn nach Garzin? also auch hier ganz Neues. Ich folge der Berliner Familie und dem Gepäckträger, der sich mit einem Fahrrad und etlichen Taschen belastet hat, über die hohe Brücke, unter der wir den Zug, der uns gebracht hat, schon nach Osten weiter rollen sehen, und steige in einen spielsachenartigen kleinen Bahnzug.

»Kein Gepäck, Madamken?« fragt mich der Dienstmann. Ich verneine leise und ziehe den dichten schwarzen Schleier fester um mich, denn ich habe den Mann sicher schon früher gesehen, und mir ist auf einmal so bang geworden, als täte ich ein Unrecht, und könne dabei ertappt werden.

Die Berliner Familie besteht aus Vater und Mutter, beide dick und behäbig, Leute, an denen alles selbstverständlich erscheint, die das Leben sicher ganz einfach und ohne viel Kopfzerbrechen nehmen, die die Sozialdemokraten verabscheuen und für Richter stimmen. Dann ist eine erwachsene Tochter da, eine offenbar höhere Tochter, vielleicht hat sie sogar das Lehrerinnen-Examen gemacht, und eine kleine, kränkliche Tochter mit altem, verbittertem Kindergesicht. Außerdem ein Vetter, ein junger Mann, auf dessen blassem, pickeligem Gesicht die keimenden blonden Barthaare sich wie spärliche Halme auf magerem Boden ausnehmen. Er ist im Radelkostüm, wodurch dünne Beine und lange platte Füße besonders aufdringlich hervortreten. Sein graues Flanellhemd ist vorne mit roter seidener Kordel zugeschnürt. Er trägt einen weichen weißen Filzhut mit einem Stutzen und auf die Nase ist ein Zwicker geklemmt. Alle fünf sprechen sie ganz laut über ihre Angelegenheiten, als seien sie allein auf der Welt, und ich entnehme, daß sie wegen Rikes Gesundheit auf ein paar Tage nach Garzin fahren, und daß ihnen das Hohenzollern-Hotel am Stadtsee von Freunden, die den letzten Sommer dort verbrachten, sehr gerühmt worden ist.

Mein altes Garzin Luftkurort! Und ein Hohenzollern-Hotel!

In zwanzig Minuten fährt die Kleinbahn durch Kiefernwald, tiefen Sand und einen niedrigen feuchten Wiesengrund, der früher einmal ein See gewesen sein muß, bis zum Eingang des Städtchens Garzin. Dort steigen wir aus. Die Berliner Familie, geführt vom Gepäckträger, schreitet eifrig auf der Hauptstraße dem Stadtsee zu.

Ich folge langsam. Das Straßenpflaster ist ganz so holprig geblieben wie es von jeher war. Große und kleine Feldsteine, rundliche, eckige, spitzige nebeneinander in den Boden gedrückt. Die kleinen einstöckigen Häuschen erkenne ich wieder, an den Haustüren hochstämmige Rosen, deren Zweige sich jetzt mit jungen braunen Blättchen bedeckt haben. Eines der ersten Häuser trägt noch immer das Aushängeschild, auf das ein Sarg gemalt ist, und daneben steht noch die kleine Gastwirtschaft, über deren Tor zu lesen ist: »Der alte Brauch wird nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen.« Aber neben dem Altbekannten wieviel Fremdes! Eine ganze Reihe neuer Häuser, echte Vorortsvillen, anspruchsvoll und geschmacklos. Und wahrhaftig, ein richtiges Hotel, durch Gitter von der Straße getrennt, inmitten eines Gartens voll junger kümmerlicher Pflanzen. Dahinter erblicke ich den blauen Stadtsee. Ich erinnere mich seiner als einer stillen Fläche, schilfumwachsen, eine Heimat wilder Enten und Taucher. Jetzt fahren ein paar bunte Gondeln darauf, und am jenseitigen Ufer steht ein großes kastenartiges Gebäude, auf dem in goldenen Lettern die Aufschrift funkelt »Sanatorium«.

Erschrocken bin ich weiter geeilt und zum Marktplatz gekommen. Da ist alles noch ziemlich unverändert. Das Geschäft der Witwe Wronkow, deren bunte Kattune, Knöpfe, Parfümfläschchen uns als Kinder manchen Groschen entlockt haben; der Eckladen von Rückheim, wo die Honoratioren des Städtchens sich abends zu einem Glase Bier zusammenfanden; das Pastorhaus mit seinen zwei alten Linden zu beiden Seiten der Türe. Damals spielten immer Pastorkinder von allen Altersstufen unter diesen Linden, und hierin wenigstens ist es heute ganz wie einst: eine ganze Reihe kleiner Pastorkinder buddeln im Sande unter den Linden, und vom Fenster aus beaufsichtigt sie die heutige Frau Pastorin und hält das Allerjüngste im Arm.

Auf dem Marktplatz steht das kleine Siegesmonument vom Kriege 70, ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen, auf einem Steinsockel sitzend. Dahinter führen Stufen zur Kirche hinauf.

Ich habe da plötzlich eine große Sehnsucht empfunden, in diese Kirche einzutreten, wo ich oft so viel schöne Vorsätze gefaßt und zum lieben Gott gebetet habe, er möge mir große heroische Aufgaben stellen, was dann doch nicht hinderte, daß ich gleich nachher über die kleinen täglichen Pflichten stolperte. Ich wollte so gerne den Altar wiedersehen, mit seinen gewundenen Säulen und den dicken, geschnitzten, zopfigen Engeln, die Erntekränze und die schwarzen Gedächtnistafeln, auf denen die Namen der Gefallenen von 64, 66 und 70 stehen.