Aber die Kirche war geschlossen, wie das von einer protestantischen Kirche recht und vorschriftsmäßig ist, denn der Protestantismus erzieht ruhige, pünktliche Menschen; plötzliche Sehnsuchten und Gefühlsaufwallungen liebt er nicht. Zum lieben Gott soll man wie zum Rechtsanwalt und Doktor gehen, in der ordnungsmäßigen Sprechstunde, die im Kreisblättchen angezeigt wird.
Die Garziner Kirche hat einen neuen Turm bekommen, und die alten Birken scheinen mir noch gewachsen zu sein; ihre dünnen, fadenartigen Zweige klopfen ganz leise im Winde gegen die hohen Kirchenfenster, die in der Sonne glänzen. Der kleine Gottesacker, in dessen Mitte die Kirche steht, und der längst nicht mehr benutzt wird, sieht genau wie früher aus, eine Wildnis von altem Efeu und Gräsern, die die grauen, verwitterten Grabsteine überwuchern. Ich suchte nach einer alten Gedenktafel, über die ich schon als junges Mädchen oft nachgesonnen habe, und richtig, sie ist noch da, mit ihrem seltsamen, eingemeißelten Spruch, den Schnee und Regen und flechtenartiges silbriges Moos noch mehr verwischt haben:
»Hier ruht der Wüsterdorf Johann.
Er war ein müder Wandersmann,
Gekettet schwer in Sündenbann,
Oh Herrgott, richt mit Mild den Mann,
Denn niemals er den Wunsch ersann,
Des Lebens Fahrt zu treten an.«
Damals kamen mir diese Worte so geheimnisvoll vor, daß ich lange Romane über die Missetaten des Wüsterdorf Johann ersann; jetzt dünkt mich, sie passen als Grabschrift für jeden unter uns.