Beim Fortgehen bin ich einen Augenblick an der einen Tür stehen geblieben. Ja, wahrhaftig, da waren sie noch, ganz verblaßt, die Striche, die der Onkel machte, wenn er unser Maß nahm und unser jährliches Wachstum an dieser Tür verzeichnete. – Wo sind die kleinen Mädchen hin, die da vor dem Onkel standen und denen er zurief: »Kinder, nicht auf den Zehen stehen! nicht mogeln!« – Sie hatten es so eilig mit dem Wachsen – nun sind sie längst aus der alten Heimat hinausgewachsen.
Vergangenheit, Vergangenheit! –
Ich bin dann noch lange im Park gewesen, wo jetzt Butterbrotpapiere und leere Flaschen von Berliner Touristen unter die Büsche geworfen werden, wo das Unkraut in den Wegen und Beeten wächst, wo das Schilf immer mehr den Schloßteich überwuchert und wo es trotz aller Verwahrlosung doch noch immer so frühlingsschön ist – wie einst im Mai!
Mit dem letzten Zuge bin ich erst zurückgefahren. Ich blieb so lange als möglich, denn ich fühlte, daß ich das alles nie wiedersehen werde. Es war schon spät, als ich auf dem Bahnhof Friedrichstraße ausstieg. Ich ging zu Fuß bis zum Buckingham-Hotel. Viel Häßliches, viel Elend streift man auf solch kurzem Abendweg. Ich drückte das Gesicht in den großen Strauß Garziner Flieders, den ich mir mitgenommen, und es war mir, als hörte ich leise, durch all den rasselnden, rollenden Straßenlärm hindurch, die alten Worte, die unser aller Grabspruch sein könnten:
O Herrgott, richt mit Mild den Mann,
Denn niemals er den Wunsch ersann,
Des Lebens Fahrt zu treten an!
30.
Berlin, Mai 1900.