Ich bin so erstaunt, Garzin als eine Sehenswürdigkeit für Touristen wiederzufinden, daß ich folge, ohne nachzudenken. Aber wie ich nun in den alten Räumen stehe, inmitten der fremden Menschen und selbst ganz so fremd bin wie sie, da fühle ich, daß ich nicht hätte kommen sollen. Als würden liebe Tote unsanft berührt, so ist mir bei den schnoddrigen Bemerkungen der Berliner. Ich möchte um keinen Preis erkannt werden und begreife doch gar nicht, wie es denn möglich ist, daß ich so unbeachtet dastehe, daß nicht sogar die leblosen Dinge mir zunicken und zuflüstern: »Sei gegrüßt, sei uns gegrüßt!«

Aus der leeren, weiten Halle treten wir in das Wohnzimmer. Wie unbewohnt, kalt und kahl nach dem Sonnenschein draußen. Ein paar der alten, recht schäbig gewordenen Möbel stehen da und sehen aus, als schämten sie sich, wie arme Kranke, deren Gebrechen von neugierigen Medizinstudenten betrachtet werden. Den abgenutzten, gestreiften Teppich erkenne ich, sogar ein gestopftes Loch, dessen ich mich entsinne, finde ich wieder.

»Du Karl,« sagt die dicke Berlinerin zu ihrem Mann und befühlt einen Sesselbezug, »da is et ja nobler bei uns in die Köpenicker Straße.«

Und der dicke Karl antwortet: »Ja, wahrhaftig, in diese feudale Jejend könnte man noch Mitleid mit die Ostelbier bekommen.«

Nur der große gelbe Saal imponiert der Berlinerin. Sie deutet auf die vielen weißen Gipsköpfe aus der Schinkelschen Epoche: »Du Karl, das sind wohl die Ahnen von die Besitzer?«

»Jotte doch, Mama,« antwortet die höhere Tochter zurechtweisend, »das sind doch allens jriechische Jötter und Jöttinnen.«

Wir treten in ein anderes, ganz leeres Zimmer.

»Det war det Schlafzimmer von die jnädigen Komtessen,« sagt das führende Bauernmädchen.

Ja, man hat es ihr richtig erzählt, det war det Schlafzimmer von die jnädigen Komtessen. Ich sehe noch die kleinen weißen Bettchen – jetzt ist es ganz ausgeräumt. Auf der verschossenen roten Tapete bezeichnen kräftiger gefärbte Stellen die Plätze, an denen einst Bilder hingen. An der einen Wand hängt noch ein vereinzeltes altes Gemälde. Es stellt einen Heiligen dar; ganz unbekleidet, wie durch langes Fasten abgemagert und verhärmt, sitzt er inmitten einer Felsenlandschaft und hält einen Bogen Papier, auf den er eifrig schreibt.

»Der olle Herr dort oben schreibt wohl an Wertheim um ein Hemd,« sagt der Sportjüngling. Und zwischen Tränen muß ich doch lachen, denn genau dieselbe Bemerkung haben wir damals gemacht, als der Heilige die Zielscheibe unseres jugendlichen Witzes war, nur daß es zu jenen Zeiten noch keinen Wertheim gab und wir Hertzog sagten.