Der Turm, der einen Vorsprung in dem Haupthof bildet, ist auf einer Seite mit einem Relief geschmückt, das den heiligen Georg, den Drachentöter darstellt. Es stammt aus einem alten bayerischen Bauernhaus. Wenn heute eine Drachensage geschrieben würde, müßte sie ganz anders lauten, als diese alte vom schönen, ritterlichen Georg, der nur die Welt vom bösen Ungeheuer befreien wollte. Heute ziehen viele magere Wichtelmännchen gegen den Drachen aus, der im fernen Cathay seine Heimat hat, aber sie alle wollen nicht etwa den Lindwurm erlegen, sondern durch ihn fett werden. Der moderne heilige Georg legt dem Ungeheuer Ketten an, auf daß es still halte und sich melken lasse.
Die Südseite des Turmes sieht noch ein bißchen leer aus, und Mr. Bridgewater will dort eine Uhr anbringen. Er bat mich, ihm etwas zu skizzieren, was dort oben um die Uhr auf die Wand gemalt werden könnte, wie man es gerade in alten bayerischen Häusern so oft sieht. Ich habe nun um die Uhr eine zwölfstrahlige goldene Sonne entworfen. Die Strahlen entsprechen den Stunden, und auf jede der spitzen goldenen Strahlenzacken ist in gotischen Lettern ein Wort gemalt. Sie lauten in der Reihenfolge: I beginnen, II wollen, III lernen, IV gehorchen, V lieben, VI hoffen, VII suchen, VIII leiden, IX warten, X verzeihen, XI entsagen, XII enden. Der vorrückende Zeiger bezeichnet die Stunde mit dem Wort. Viele sind es, über die man schnell hinwegmöchte, um bei andern lange zu verweilen – aber wir müssen alle Stunden nehmen, wie sie sich unerbittlich folgen auf der großen Lebensuhr, gute und schlimme.
Was für Zeichen mögen wohl über Ihren Zukunftsstunden stehen, lieber Freund? Ich sinne nach und möchte den Schleier so gern etwas lüften können, und dann wieder denk ich, es ist besser, nicht zu fragen und zu forschen und sich nur der gegenwärtigen Frühlingsstunde zu freuen, wie die Mückenschwärme, die über dem See in der Sonne tanzen. Ich wünsche, daß viele, viele und nur schöne Stunden Ihrer harren mögen und diesen Wunsch sollen die wirklichen, warmen, goldigen Sonnenstrahlen mitnehmen und Ihnen bringen, wenn sie heute Abend meinen Blicken entschwinden, um Ihnen zu scheinen, auf der anderen Hälfte unserer schönen Frühlingswelt!
36.
Tuxedo Park, Mai 1900.
Die hier verlebten Tage, lieber Freund, haben mir so unendlich wohlgetan, daß es mir Vielgewanderten ganz schwer wird, wieder aufzubrechen und weiter zu ziehen. Ich habe ein unbestimmtes Gefühl, als sei ich in einem stillen Hafen und als warte meiner irgendwo draußen ein stürmisches Meer. Aber das muß ein Rest überangestrengter Nerven sein, die Ermüdung, die von langem Lastentragen zurückbleibt, die Angst vor dem Leben. Eigentlich war mir ja gerade in den letzten Tagen zuweilen so, als hörte ich unzählige kleine Stimmen sagen: »die Welt wird mit jedem neuen Frühling von neuem schön.« Die Schwalben meinten das, und die weißen Lämmerwölkchen am blauen Himmel, die tausend kleinen Insekten und die Millionen Samenstäubchen. Auch der schwarze Kater, der im Hof in der Sonne liegt, schnurrt gegenwartsfroh und zukunftssicher! Und am weltenzufriedensten scheinen Madame Baltykoff und Anstruther, die auch hier zu Besuch bei Bridgewaters sind. Sie hätten es mir gar nicht zu sagen brauchen, ich sah es ihnen gleich an – Madame Baltykoff hat Amerika gründlich studiert und ist dabei zum Ergebnis gekommen, daß das Beste und Behaltenswerteste, das das Land produziert, dieser eine Amerikaner ist. Sie scheint ruhiger geworden; vielleicht fehlte ihr, wie so manchem hin und her geworfenen Schiffchen, nur der richtige Ankerplatz, und sie hat den nun gefunden. Anstruther erklärte mir, Madame Baltykoff sei ihm in jeder Beziehung überlegen (das gehört nun einmal zum Credo jedes netten Amerikaners über alle Frauen, sogar über die eigene); nur in seiner amerikanischen Nationalität besäße er einen großen Vorteil über sie und den böte er ihr an, mit ihm zu teilen. »Nach all ihren Ansichten,« sagte er, »verdient sie eine freie Amerikanerin zu sein.« Mr. Bridgewater meint, diese Verlobung sei ein Schritt zur Amerikanisierung der Welt auf sozialem Wege und in dieser Amerikanisierung erblickt er ja die Aufgabe des kommenden Jahrhunderts. Das einzig Betrübende in der allgemeinen Freude ist, daß Anstruthers Name aus dem Klub der vierzig amüsantesten Männer gestrichen werden muß. Kein Mitglied darf verheiratet sein. Ist es nicht beschämend, daß man in diesem gegen Frauen doch so galanten Lande zur Überzeugung gekommen ist, daß die Ehe sofort geisteslähmend wirkt?
37.
New York, Mai 1900.