Wir sind aus Tuxedo hierher zurückgekehrt; und in unseren New Yorker Zimmern, in denen ich alles ganz unverändert vorgefunden, inmitten all der altvertrauten Dinge, die mich nun schon so lang begleiten, habe ich mich gleich wieder völlig eingelebt, als sei ich gar nicht fort gewesen, als hätte ich den letzten Monat nicht erlebt. Wenn ich morgens aufwache, muß ich mich erst besinnen, ob es alles wahr ist: Die plötzliche Reise nach Europa mit allem was ich dort durchgemacht, und dann die eilige Rückkehr hierher. Manchmal scheint es mir wie ein Traum, als wäre ich hier tief eingeschlafen und eben wieder aufgewacht, und als sei alles unverändert, wie es nun schon so manches Jahr gewesen. Aber dann fühl ich mit einem Mal, daß es doch alles anders geworden; ich schaue mich nach der altgewohnten Hoffnungslosigkeit um und sie ist verschwunden. Ich sehe in all dem nicht recht klar, versuche es auch nicht einmal, sondern lasse mich treiben, gedanken- und willenlos. Aber mir will es scheinen, als atme ich freier, als sähe ich in der Ferne ein Lichtchen schimmern. Seit ganz frühen Jugendtagen ist mir keine so still zufriedene Zeit mehr geworden. Mich dünkt, es liegt ein Zauber auf der Welt, als tönten aus der Ferne tausend silberne Glöckchen. Ach, daß doch nichts diese einzige Wunderstunde trüben möchte! Darum fleh ich immer wieder und lausche andächtig auf das leise Glockenläuten, das aus des eigenen Herzens Tiefe schüchtern und hoffend emporklingt.
Lieber Freund, ich glaub, ich erlebe ein Märchen!
38.
New York, Mai 1900.
Seit ein paar Tagen bringen die Zeitungen beunruhigende Telegramme aus Peking, und es war mir eine Erleichterung gestern zu lesen, daß die Gesandten Wachen requiriert haben und daß diese wohlbehalten in Peking eingetroffen sind, natürlich nach dem üblichen und obligatorischen Palaver des Tsungliyamens, aber ohne daß ein ernsthafter Versuch gemacht worden wäre, die Truppen am Einmarsch zu hindern. Es las sich wie eine genaue Wiederholung dessen, was wir selbst 1898 erlebt haben.
Wir sollten gestern aber noch mehr über China hören, als was die Zeitungen bringen.
Abends gingen mein Bruder und ich bei Sherry essen. Jetzt, wo die Stadt sich täglich mehr leert, herrscht dort nicht mehr das Gedränge wie im Winter, aber man sieht immer noch genügend glattrasierte, befrackte Herren, eine Gardenia im Knopfloch, und genügend elegante Frauen mit halbhohen Kleidern und riesigen, malerischen Hüten, um glauben zu können, in ein lebig gewordenes Bilderbuch von Gibbons versetzt zu sein.
Nachdem wir uns gerade gesetzt hatten, traten mehrere Herren an einen neben uns reservierten Tisch heran, und Sie können sich unser Erstaunen denken, als wir unter ihnen zwei Bekannte entdeckten, und zwar welche Gegensätze: den Rubinminen-Konzessionär Bartolo und jenen gescheiten Journalisten Dr. Silberstein, den Sie mir einmal als einen der wenigen bezeichnet haben, der seinen Aufenthalt in China zu einem ernsten Studium dieses Landes benutzte. Bartolo kam sofort auf uns zu, ließ unsere Tische aneinander rücken und erzählte uns strahlend, er käme gerade aus London, wo es ihm gelungen sei, ein Syndikat für die Rubinminen in der Provinz Kwangtung zustande zu bringen. »Man reißt sich um die Aktien,« sagte er, »und unsere große Chance ist der Burenkrieg gewesen, denn all die großen Kapitalisten, denen ihre Goldminenaktien jetzt nichts tragen, haben sich mit Enthusiasmus an unserm Unternehmen beteiligt.«