»Ja, glauben die denn, daß die Rubinminen schon sobald einen Ertrag geben werden?« fragte ich und schämte mich meiner geschäftlichen Naivetät, als Bartolo mir mit überlegenem Lächeln antwortete: »O nein, und darauf kommt es ja auch vorläufig noch nicht an. Wir verdienen ja bisher viel mehr an den Kursschwankungen. Unsere Rubinminen-Aktien sind jetzt das große Spekulationspapier! Noch kein Spatenstich gemacht und schon stehen unsere 1 Pfund-Aktien auf 140. Großartig!«

Dann erzählte er weiter: »Besonders auch bei der hohen englischen Aristokratie sind unsere Rubies, wie sie kurzweg genannt werden, sehr beliebt. So schrieb mir kurz vor meiner Abreise die Herzogin von X.: »Lieber Bartolo, die Rubies sollen gut sein, sagt man mir; möchte mich daran beteiligen, bitte um 10 Shares, sende einliegend eine 10 Pfund-Note.« Die alte Dame, die jede Quotierung wie ein Makler kennt, tat plötzlich ganz harmlos, als habe sie keine Ahnung, daß nach dem Tageskurs die 10 Aktien 1400 Pfund wert waren. Na, ich hab mir die Sache überlegt und dann der Herzogin, einer politisch einflußreichen Frau, die man sich warm halten muß, schließlich drei Aktien gesandt und 7 Pfund retourniert und dazu geschrieben, die Rubies seien so gesucht, daß ich nicht mehr hätte auftreiben können.«

In Schanghai, so teilte uns Bartolo mit, ist das schönste Haus am Bund für das Direktorium der Ruby Mines Co. Ltd. gemietet worden.

»Ja,« fuhr er fort, »die Sache soll im großen Stil betrieben werden, darüber sind wir uns in London ganz einig. Ein großes Haus in Schanghai, eines in Peking und Reklame gemacht und Gesellschaften gegeben; vor allem wollen wir auch die Chinesen ranziehen, Feste und Diners, und dann so beim Kaffee und Likör die noch schwebenden Fragen glatt und rasch erledigt. Das ist so mein Prinzip. Meine jungen Mitarbeiter hier werden mir trefflich sekundieren.«

Dabei deutete er auf zwei Sprößlinge vornehmer Häuser, die ihn begleiteten und die er uns als Marchese del Monte Victorioso und Vicomte le Ruinard vorgestellt hatte. Der Marchese del Monte Victorioso, der diesen Titel seines Vaters leihweise und für überseeische Zwecke trägt, ist ein schöner junger Mensch, das glückliche Resultat italienischer und angelsächsischer Blutmischung. Ob die Rechnung für seinen Frack, dem es nicht gelang, diese herrliche Antinousgestalt zu verunzieren, wohl bezahlt ist? Chi lo sa. Aber manche der anwesenden Damen warfen ihm unter den großen malerischen Hüten recht vielversprechende Blicke zu; und ich sagte mir, daß Jugend, Schönheit und ein wenn auch nur geliehener Titel wohl Gewinn bringenderes Kapital als alle Rubin-Minen-Aktien sind. Ich kann mir Monte Victorioso schon als Hauptfigur beim Korso des Bubbling Well Road, den Rennen, dem Country Club und all den sonstigen sozialen Vereinigungen denken, mit denen man in Schanghai wie anderswo die Leere des Daseins zu verbergen sucht. Geschäftlich wird er wohl so wenig wie sein Begleiter dem guten Bartolo viel nützen, aber diesem scheinen diese betitelten Jünglinge an sich eine Freude zu sein, obgleich es nur schwarze oder zum mindesten graue Schafe sind, die er ihren betreffenden Familien für eine Weile freundlichst abnimmt. Le Ruinard wird von seinen Eltern verschickt, um ihn dem Einfluß einer kostspieligen Pariserin zu entziehen. Er saß ziemlich niedergeschlagen da, bis er erfuhr, daß wir lange in Peking gewesen. Da taute er auf und verlangte allerhand Auskünfte über das soziale Leben der chinesischen Hauptstadt. Ich hörte ihn meinem Bruder leise zuflüstern: »et les dames de la cour de Pékin? quelque chose à faire?«

Ich fürchte, es gibt die verschiedenartigsten Enttäuschungen für Leute, die nach Peking auswandern.

Die zwei brillanten Attachés der Ruby Mines Co. Ltd. empfahlen sich übrigens bald, denn sie reisen morgen mit Bartolo via San Francisko nach China, und sie wollten offenbar ihren letzten Abend in der vollen Zivilisation genießen.

Wir blieben zurück mit Bartolo und Dr. Silberstein, der, auf der Rückreise aus Asien, jetzt einige Zeit hier bleiben will, um eine englische Ausgabe seines Buches über China vorzubereiten. Ich fragte nach beider Meinung über die beunruhigenden Telegramme aus Peking.

Bartolo erklärte, das seien alles nur künstlich von einigen Spekulanten lancierte Nachrichten, um die Rubies zu drücken und sie billig kaufen zu können. Silberstein aber nahm die Nachrichten sehr ernst und sagte, sie seien der erste offene Ausdruck dessen, was man schon seit langem habe kommen sehen können. »Seit Monaten,« sagte er, »beginnt sich etwas tief in den Untergründen der dortigen Welt zu regen, als ob der Drache, der im Schoß der Erde ruht, sich mißmutig dehne und recke. In die innerste chinesische Volksmasse ist Leben gekommen. Lange haben die gelben Millionen nicht als Faktor gegolten, der bei Zukunftsrechnungen in Betracht kam. Jetzt scheint es, als wollten sie ihre lange Apathie abschütteln und mir ist oft, als holten sie zu einem großen Schlage aus.«

»Aber bester Herr,« unterbrach ihn Bartolo, »die Chinesen sind doch ein zufriedenes, leicht zu regierendes Volk!«