»Ja, das sind sie,« meinte Silberstein, »aber die Unzufriedenheit ist diesem resigniertesten aller Völker künstlich beigebracht worden. Sie verlangten nur das Leben mit all seinen Unvollkommenheiten ruhig weiter gleiten zu lassen, wie es seit den Tagen der Klassiker geschehen, aber immer zahlreichere Leute sind gekommen, die ihnen von Fortschritt und Wechsel sprachen und die alle irgend einen Artikel hatten, den sie ihnen als unentbehrlich aufdrängen wollten, Religionen, Kriegswaffen, Eisenbahnen und Dampfschiffe. Die fremden Maschinen haben Tausende um ihre kleinen Erwerbe zittern lassen und nicht genug, daß sich die Lebenden bedroht fühlten, auch die Toten wurden in ihrer Ruhe gestört, denn bei den neuen Bauten auf den fremden Konzessionen und bei der Trace der Eisenbahnen konnte man nicht Rücksicht nehmen auf die durch das ganze Land zerstreuten Gräber. Dies erscheint allen Chinesen als höchster Frevel. Sie mußten auch sehen, wie die Konvertiten des neuen Glaubens durch ihre geistlichen Hirten in all ihren weltlichen Angelegenheiten starken Schutz fanden, zum Nachteil ihrer heidnischen Brüder. So wurden diese religiös indifferenten Menschen aus ganz irdischen Gründen allmählich fanatisch und ihr politischer Hass erwachte, als sie immer mehr gewahr wurden, daß die Fremden China geringschätzig als eine Melone ansahen, die reif ist, in Stücke geteilt zu werden. – Seitdem sind Sekten entstanden zur Vertreibung der Fremden; zuerst ließen die Autoritäten sie nur gewähren, heute schützen sie sie schon offen.«
»Lieber Doktor,« sagte Bartolo, »Sie sind wie so mancher in der Melancholie eines prolongierten Aufenthalts in Peking zum Schwarzseher geworden. Ich bitte Sie, all unsere Nachrichten lauten doch ausgezeichnet, na, und sollten die chinesischen Autoritäten wirklich mal etwas Schwierigkeiten machen, mit der richtigen Mischung von Drohung und klingenden Gründen hat man sie noch immer überzeugt, und ernsthaft werden Sie doch nicht von Gefahr durch chinesische Aufständische reden wollen – ist ja elendes Pack; werfen Sie einem chinesischen Volkshaufen eine Hand voll Kupferkäsch hin, und sie werden alles vergessen, um sich darum zu raufen, und vor einem europäischen Soldaten laufen hundert chinesische davon.«
»Ja, ich weiss,« antwortete Silberstein. »Das ist die Ansicht der modernen Schule über China. Ich teile sie nicht und glaube, dass wir vor großen Ereignissen stehen, die nichts mehr abwenden kann, und die sich logisch aus unserm eigenen Verschulden aufbauen.«
39.
New York, 5. Juni 1900.
Der große Bartolo und seine beiden eleganten Adjutanten sind abgereist. Vorher sandten sie mir noch einen riesigen Korb voll tief purpurroter Rosen, der sehr passend mit rubinfarbenen Bandschleifen verziert war. Ihre Karten lagen dabei in einem Kuvert, auf dem das Motto prangte: »Rubi gagne«.
Ich hatte mich heute Morgen gerade hingesetzt, um Ihnen dies zu beschreiben, als ich die Zeitung aufnahm und die erstaunlichen Nachrichten fand, daß die Huangtsung-Station an der Peking-Bahn von Boxern verbrannt worden ist und daß französische und belgische Ingenieure von der Luhan-Bahn vor den Rebellen nach Tientsin geflüchtet sind, wo sie nach großen Leiden eintrafen. Missionare sind an verschiedenen Orten mit Konnivenz der Mandarine ermordet worden. In Tientsin selbst wird ein Angriff der Boxer erwartet, und in Peking soll sich die Lage sehr verschlimmert haben.
Während der letzten Tage waren die Telegramme gerade ganz beruhigend gewesen; es hieß, daß seit der Ankunft der Gesandtschaftswachen völlige Ruhe in Peking herrsche. So hatte ich denn Boxer und alle anderen Realitäten vergessen und hatte weiter Märchen geträumt.
Und nun kam das Erwachen, und mir ist, als sei ich unsanft aufgerüttelt worden.