Wie ich gerade all die Nachrichten gelesen hatte, kam Miß Tatiana de Gribojedoff ganz aufgeregt zu mir gestürzt und sagte, sie habe gehört, daß wir wieder in New York eingetroffen seien, und wir wären gerade diejenigen Menschen, mit denen sie alles besprechen müsse. Dabei zog sie gleich eine Zeitung aus ihrem Beutel und las mir die Telegramme mit bebender Stimme vor. Sie ist entrüstet, daß nichts vorgesehen und geschehen sei, um alledem vorzubeugen. In allen chinesischen Begebenheiten sieht sie nur das Ergebnis russischer Aufwiegeleien, die zu konterkarrieren die Angelsachsen von Gott berufen sind, und im Tone von jemand, der persönlich Rechenschaft verlangen kann, fragte sie: »I wonder what Salisbury is about?« Darauf konnte ich ihr keine befriedigende Antwort geben, aber statt dessen mußte ich ihr über alle chinesischen Lokalitäten Auskunft erteilen. Der Beutel enthielt auch noch eine zusammenlegbare Karte Chinas. Die wurde ausgebreitet und ich mußte Miß Tatiana alle Punkte zeigen und auf tausend Fragen antworten. Mir war recht bang zu Mute, aber lachen mußte ich doch, wie Miß Tatiana die Stirn kraus in die Höhe zog und all meinen Ausführungen auf der Karte mit einem Ernste folgte, als laste auf ihr die Verantwortung für die Disposition eines Feldzuges. Sie setzte mir auseinander, Amerika habe in China eine große Mission, es müsse die Ruhe herstellen, die offenbar nur durch russische Umtriebe gestört sei, und darüber wachen, daß diese Begebenheiten nicht zum Vorwand für Länderräubereien benutzt würden. Zum Schluß kündigte sie mir an, sie werde, bis die Lage sich geklärt habe, in New York bleiben und häufig zu uns kommen, um mit uns zu konferieren.

Wir Menschen kämen ohne Sorgen offenbar vor Langeweile um, und Miß Tatiana, die keine einzige wirkliche hat, schafft sich daher selbsterwählte auf politischem Gebiet.


40.

New York, 14. Juni.

Seit Tagen habe ich die Empfindung, als ließe die ganze Welt sich treiben, ohne zu wissen wohin, als laste Unheimliches, Undurchdringliches auf ihr. Und die heutigen Telegramme sind wie ein Zerreißen des Schleiers – wie wenn bei Schiffahrt im Nebel plötzlich ein Felsen in drohender Nähe auftaucht.

»Gesandtschaftsmitglieder in P. attackiert, die englische Sommergesandtschaft zerstört, Prinz Tuan und andere Fremdenfeinde in das Tsungli-Yamen ernannt.«

Und nur die ganz kleinen Gesandtschaftswachen! Was können die ausrichten, wenn es ernst wird?

Heute steht ein Telegramm vom amerikanischen Gesandten in Peking in den Zeitungen; er bittet um 2000 Mann. Aber wann können die dort sein?

Ich muß immerwährend an Hofer denken. Man solle Kavallerie in der Nähe bereit halten, das sei das Wichtigste, sagte er. Ach wie recht hatte doch dieser streitbare Kirchenmann!