»Um sie erfolgreich zu bekämpfen«, antwortete er, »hätte man sich offen zum Kaiser und zu seinen Reformfreunden bekennen müssen. Es gab vielleicht einen Moment, wo man das gekonnt hätte. Aber dazu hatte niemand den Mut und niemand sah wohl ein, wieviel auf dem Spiele stand. Die Schicksalsstunde für China war der Staatsstreich der Kaiserin Witwe im September 1898. Daß damals die ganze Welt zuschaute, wie aller Fortschritt vertilgt wurde, nachdem er so lange gepredigt worden war und endlich eine Partei eifriger Bekenner gefunden hatte, und daß man zuließ, daß die finstere Reaktion an seine Stelle trat – das rächt sich heute, denn es rächt sich immer, aus Bequemlichkeit und Angst vor Komplikationen wissentlich das Höhere unterdrücken zu lassen, so schlau es auch im Moment erscheinen mag, Einmischungen zu vermeiden. Wer heute von idealen Gesichtspunkten in der Politik redet, begegnet nur mitleidigem Achselzucken, und doch wäre die Macht, die damals für das ideale Streben der Reformpartei eingetreten wäre, heute wohl die führende in China, und die unvermeidlichen anfänglichen Schwierigkeiten, denen sie begegnet wäre, hätten sicher nicht die Tragweite des Konfliktes angenommen, dessen kleines Vorspiel wir eben erst erleben. Die Vereinigten Staaten hätten diese Rolle übernehmen können, um so mehr, als sie China gegenüber reine Hände haben. Aber um solche Entschlüsse fassen zu können, gehören große, leitende Gedanken – und der Laden, wo Ideen für Staatsmänner und Diplomaten und Bücherstoffe für Autoren verkauft werden, existiert leider noch immer nicht.«
43.
New York, den 21. Juni 1900.
Der entsetzliche Traum dauert weiter, keine Nachricht aus Peking, und schlimmer als alles, keine Nachricht von Ihnen. Ach, wo sind Sie, lieber Freund? Meine tägliche Hoffnung ist, ein Telegramm von Ihnen zu erhalten, daß Sie in Schanghai von Ihrer großen Reise ins Innere zurückgekehrt sind. Um diese Zeit müßten Sie doch dort eingetroffen sein. Was kann Sie so lang aufgehalten haben? Ich sehne mich so sehr danach, von Ihnen zu hören, daß das Warten zu einem physischen Schmerz wird.
Die Hitze liegt bleiern auf der Stadt. Tag und Nacht keine Abkühlung. Die Nächte sind am schlimmsten. Sie scheinen so endlos mit den wirren Gedanken, dem fiebrigen Einschlummern und den verschwommenen beängstigenden Visionen, die sie bringen. Dann wird die Hitze zu einem greifbaren Wesen, im Dunkeln lastet sie auf mir wie ein Alpdrücken, ich glaube sie fühlen und fassen zu können. In den Zeitungen steht, wie alle Jahre, es sei dies ein anormaler Sommer, noch nie hätten Menschen und Tiere so sehr unter der Hitze gelitten, noch nie seien so viel Hitzschläge vorgekommen. Es scheint, als sei es den Menschen ein Trost, sich einzubilden. daß gerade ihre Leiden ausnahmsweise groß seien, so groß, daß sie dadurch von einer gewissen Bedeutung würden. Und es ist doch alles bedeutungslos. Leiden scheint nur ausnahmsweise groß, wenn es gerade unser persönliches Leiden ist. Könnten wir den Begriff unseres Ichs erweitern und dadurch mehr Leiden umfassen, so würden uns diese neuen Qualen, die wir bisher kaum ahnten, auch wieder als ganz ausnahmsweise groß erscheinen.
Wenn einst in Millionen von Jahren die Erde tot und eisig durch die Weltenräume kreist, wer wird dann nach den kleinen Wesen fragen, die mal auf ihr an Hitzschlag starben!
Die Stadt ist ganz leer. Wir sind noch hier. Ich möchte auch gar nicht fort. Gerade hier in der furchtbaren Hitze glaube ich manchmal wirklich dort zu sein, wo all meine Gedanken sind. Hinter den hohen Pekinger Stadtmauern. Allein schon die Hitze dort in dieser Jahreszeit, ohne alles andere – welche Marter! Ich bilde mir ein, daran teilzunehmen, von hier aus mittragen zu helfen.
Wie schön wäre es doch, wenn man für andere tragen könnte, wenn man sagen könnte: »Ruh Du Dich jetzt aus, denn nun schieb ich die Schulter unter die Last.« Das Weh der Welt ist aber nicht wie ein Brot bestimmter Größe, je mehr davon essen sollen, desto kleiner müssen die Teile werden. Nein, es wächst mit jedem neuen Gast, es ist immer in Überfluß auf dem Tisch und kämen auch immer wieder neue Millionen hinzu. Tragen helfen! auch so eine Illusion, mit der die große Hoffnungslosigkeit verborgen werden soll. Jeder trägt, was schon mit ihm in der Wiege lag, was mit ihm selbst gewachsen ist, trägt, weil es eben nicht anders geht. Und vor, neben und hinter ihm stehen unabsehbare Reihen von Wesen, die auch alle tragen, jedes seine Last.