In Wahrheit abnehmen kann keiner dem andern etwas, so daß der wirklich frei aufatmete – wir können nur zum eigenen Leid uns noch das des anderen hinzudenken – mit ihm mitleiden.
Mitleiden – ach, wie sehr leide ich hier mit jenen, die ich in Peking gelassen, leide mit Ihnen, lieber Freund! Bald suchen meine Gedanken Sie hinter den düstern Stadtmauern, die mit unheimlichem Schweigen unbekanntes Schicksal so vieler umgeben, bald in dem großen, brodelnden China, von dem aus allen Teilen Nachrichten über Aufstände und Metzeleien eintreffen.
Und mit all meinem Mitleid kann ich so gar nichts helfen!
44.
New York, den 22. Juni 1900.
Lieber Freund! In diesen Zeiten wachsender Angst und Sorge denke ich so unablässig an Peking und an alles, was sich dort zutragen mag, daß es mir oft ist, als sei ich selbst dort und ich mich kaum noch erinnere, wo ich mich in Wirklichkeit befinde. Redet mich jemand an, so fahre ich auf, wie aus einem Traume gerissen und muß mich erst wieder besinnen auf die mich umgebende Welt. Stundenlang liege ich nachts wach und sinne nach und suche durch die Gewalt des Willens den Schleier zu lüften, der undurchdringlich zwischen uns liegt. Ich lausche, ob durch das tiefe Schweigen nicht doch eine einzige Stimme dringt, die mir Kunde brächte. Und dann am Morgen das fieberhafte Warten, bis die Zeitungen kommen, der jedesmalige sichere Glauben, heute müssen sie erlösende Nachrichten enthalten – und das jedesmalige Zusammensinken aller Hoffnung, die bittere Enttäuschung – immer das gleiche tiefe Schweigen.
Bilder aus jenen vergangenen Zeiten ziehen unablässig an meinen Augen vorbei, und ich möchte jede kleinste Erinnerung an all die damaligen Ereignisse festhalten, wenn sie auch anderen gleichgültig erscheinen – sind sie doch meine Schätze – das Einzige vielleicht, was mir geblieben. Als ob von einem alten verblaßten Gemälde der Staub gewischt würde und man nun die Züge wieder gewahrt, so fällt mir tausend Vergessenes ein. Die Geschichte jener Jahre, in denen wir uns trafen und kannten, rollt sich wieder vor mir auf, und beständig glaube ich zu sehen, wie Sie mich aus den Tiefen der Vergangenheit anschauen.
Beim ersten Anblick mancher Menschen habe ich die dunkle Empfindung gehabt, sie früher schon gekannt zu haben, obschon ich doch genau wußte, daß ich sie in diesem Leben zum erstenmal sah. Wo, wann mochten wir uns wohl getroffen haben? Was war es, das uns früher einmal vereinigt hatte und woran die Erinnerung mich plötzlich leise zu mahnen schien? Niemals habe ich das so sehr empfunden, lieber Freund, als an dem Tage, da ich Sie zum erstenmal sah.