Erinnern Sie sich dessen noch?

Es war bei einem Diner in Peking, im Hause des langjährigen Gesandten von ***, eines der letzten Repräsentanten jener alten politischen Schule, die noch an die unüberwindliche Macht Chinas glaubte und in der Behandlung dieses asiatischen Völkergebildes als ebenbürtigen Großstaates eine Befriedigung der eigenen Diplomateneitelkeit fand.

Ich entsinne mich, daß, als mein Bruder und ich eintraten, die meisten Gäste schon versammelt waren. Der Hausherr erklärte gerade einem neu eingetroffenen Kollegen die verwickelte Frage der Audienzen fremder Gesandten beim Kaiser von China. Er wurde ganz wehmütig über die immer neuen Zugeständnisse, die die Gesandten in der Art ihres Empfanges erlangt hätten, und man merkte ihm an, daß er innerlich ganz auf seiten der Chinesen stand, denn es gewährte ihm eine unendliche Genugtuung, an einem Hofe akkreditiert zu sein, was man bei Republikanern ja mitunter findet, und er nahm es persönlich übel, wenn man diesen seinen Spezialhof nicht so recht als voll gelten lassen wollte. Als ich ihn einmal unmittelbar nach solch einer Audienz traf, sagte er mir würdevoll: »I have just been in the presence of Royalty.«

Ein Stab junger Dolmetscher umgab den alten Gesandten. Mit ihrer Hilfe richteten die Fremden einige Sätze an einen Minister des Tsungli Yamen, eine lebende Mumie, die sich unter den Geladenen befand und kein Wort einer europäischen Sprache kannte. Auch zwei jüngere Chinesen waren zugegen; sie trugen über langen, seidenen Gewändern, weitärmelige Jacken aus zart gefärbtem Damast und auf dem Kopf schwarze Atlas-Käppchen, mit einer großen Perle über der Mitte der Stirn. Offenbar Pekinger Gigerl! Sie wurden mir als Marquis Tschiao fenglo und Bruder vorgestellt, die sehr gut englisch könnten. Ich redete den einen, der mir der ältere schien, als Marquis an, erhielt aber die Antwort: »my brother he be Marquis, me be plain Esquire.« Im verblüffendsten Pidgin Englisch erklärten mir dann die Brüder, daß der ältere nur ein adoptierter Sohn des verstorbenen Marquis Tschiao sei. Während sie mir noch die verwickelte Frage von Adoption in China zu erklären suchten, trat unser Wirt an mich heran.

Sie folgten ihm.

Er stellte Sie vor.

Und sobald ich zu Ihnen aufschaute, hatte ich die ganz bestimmte Empfindung, Sie früher schon gekannt zu haben – und ich wußte doch ganz genau, daß ich Sie zum erstenmal erblickte. Es war ein ganz seltsames Gefühl. Mir war, als stände ich an jener Tür, die für uns verschließt, was wir gewesen vor diesen paar kurzen Erdenjahren, für die unser schwaches Gedächtnis gerade mühsam reicht – und mit Anstrengung aller Fähigkeiten des Denkens und Erinnerns suchte ich diese Tür für einen Augenblick spaltenweit zu öffnen.

Bei dem Diner saßen Sie ziemlich weit von mir, wenn ich mich aber etwas vorbog, konnte ich Sie mir schräg gegenüber erblicken. Immer wieder fragte ich mich »Wann? Wo?« Ein paarmal gelang es mir auch in dem Schwirren und Summen der allgemeinen Konversation den Ton Ihrer Stimme zu vernehmen, und der klang mir so wohlbekannt, als hätte ich ihn jahrelang gehört.

Nach Tisch sprachen wir lange zusammen, und mit jedem Augenblick erschienen Sie mir bekannter und vertrauter und es dünkte mich, als läse ich auch in Ihren Augen ein staunendes Wiedererkennen.