Ich hatte ja seit unserer Ankunft in Peking viel von Ihnen gehört, von Ihren merkwürdigen, abenteuerlichen Reisen in Teilen Chinas, die kaum je von Europäern betreten werden, von Ihren wunderbaren Sammlungen, von Ihren Freundschaften mit den Lamahs entlegener Klöster, die nie mit andern Fremden sprechen, Sie aber dank Ihren buddhistischen Studien beinahe als einen der Ihrigen ansahen. Ich war natürlich sehr gespannt gewesen, Sie kennen zu lernen, aber was ich empfand, als ich Sie nun wirklich sah, hatte nichts mit dem zu tun, was ich von den Umständen Ihres jetzigen Lebens gehört – die Wurzeln dieses Gefühls des Wiederfindens mußten weit zurückgreifen in die grauen Fernen längst vergessener Zeiten.
Auf dem Heimweg in dem blauen zweirädrigen Karren, der auf der holprigen Straße wie ein Schiff im Sturme schwankte und den das Maultier oft nur mit äußerster Anstrengung aus den fußtiefen Löchern herausziehen konnte, und später in meinem kleinen schmucklosen Zimmer des Hotel de Pékin – immer wieder fragte ich mich: »Wann? Wo?«
Aber an jenem Abend fand ich keine Antwort.
45.
New York, den 23. Juni 1900.
Wie ich die Antwort fand, will ich Ihnen heute schreiben!
Ihnen schreiben? und weiß doch nicht, wo Sie sind, ob dieser Brief je vor Ihnen liegen wird, ob es für uns noch eine Zukunft geben kann, oder ob das ganze weitere Leben nicht wehes Erinnern sein muß an vergangene Tage.
Und doch ist mir, als umgäben mich Ihre Gedanken, als lauschten Sie irgendwo in weiter Ferne ob nicht ein Wort von mir zu Ihnen dringe.
Sie in der Weite zu suchen, sende ich diese kleine Geschichte aus; halb vergessen, nie wieder berührt, hat sie seitdem verborgen in mir geruht; wie sie nun wieder lebendig vor mir ersteht, fühle ich, daß mit ihr auch das nie ausgesprochene Hoffen in mir schlummerte, sie Ihnen doch noch einstmals am Abend eines schönen künftigen Sommertages ganz leise zuflüstern zu können!