Ephraim Lessing aber war in einer wunderbar gehobenen Stimmung. Er sah seiner Seele höchsten Wunsch erfüllt, – er sah seine Dichtung lebendig vor Augen, der Beifall der Hörer klang wie Musik in sein Ohr – es war ihm als lebe er ein Märchen. Und in seinem Herzen fühlte er sich so froh und leicht wie noch nie. Der Schleier, der noch vor Kurzem die Holdeste aller Frauengestalten umhüllt, lag nun zerrissen zu seine Füßen, in ungetrübtem Glanze lächelte Victoria Adelgunden's Bild zu ihm hernieder. – Die Erzählungen seines Freundes Weiße, von dessen Lippen jetzt der Bann des Schweigens genommen, hatten alle seine bangen Zweifel zerstreut. Welch reizende Lösung jenes Räthsels, das den jungen Dichter so sehr bedrückt. Durch Christian Felix allein hatte sich ja die Gottschedin das Manuskript des »jungen Gelehrten« verschafft, – und er war ihr Begleiter gewesen zur Neuberin, in derem Hause man die ersten Proben in Gegenwart der holden Schützerin Lessing's abgehalten. –
Ueber alle diese entzückenden Dinge sann der Dichter wieder und wieder nach, während auf der Bühne seine Worte geredet wurden und die Gestalten seiner Schöpfungen sich vor seinen leiblichen Augen auf und ab bewegten. – Und als endlich der Vorhang fiel und die Zuhörer jubelten, da flog ein Lorbeerkranz auf die Bühne. – Wessen Hand hatte ihn wohl dem jungen Dichter gewunden? –
Am nächsten Tage aber nahm Victoria Adelgunde einen feierlichen Abschied von ihrem Vorleser und Lehrmeister und bat ihn ferner nur in Gesellschaft seines Freundes, nimmer wieder allein, und an fest bestimmten Abenden zu ihr zu kommen. Was sie ihm dann noch erzählt – was sie zu ihm gesprochen – was er ihr erwidert – Niemand weiß es, – aber die Beiden schieden in tiefster Erschütterung von einander und sahen sich fortan selten und immer seltner. – Und wie viele Späheraugen die schöne Frau und den Jüngling auch fort und fort beobachteten wenn man sie mit einander in Gesellschaften unter Andern sah, Niemand konnte in Haltung und Wesen der Beiden gegen einander auch die kleinste Ungehörigkeit entdecken. Denn das leise Zittern, das wohl auf einen Augenblick die Gestalt der liebenswürdigen Gefährtin Gottsched's durchflog wenn der junge Dichter eintrat, – fühlte zum Glück nur sie allein, und das verrätherische Beben seiner Stimme, wenn er mit ihr redete, vernahm Niemand denn sie allein. Aber Beide erkannten aus diesen Zeichen doch daß sie – an einem Abgrund gespielt, wie Kinder, die Gefahr nicht ahnend, – und daß die Hand, die sie zurückgezogen, die Hand eines Mannes war, den Beide verehrten. – – Den Studenten Lessing jedoch litt es nicht mehr lange in Leipzig – – was ihn forttrieb hat wohl Niemand je erfahren.
Victoria Adelgunde aber schloß sich inniger an ihren Mann an, der nun auch nicht ermüdete ihr öffentlich wie unter vier Augen die Beweise einer zärtlichen und anbetenden Liebe zu geben. Es war als fühle er, daß er ihr Etwas zu ersetzen habe, und sie fühlte wiederum daß sie ihm Dank schulde. Wofür – wagte sie sich kaum zu gestehn. – Großes Aufsehn machte aber das Zurückziehn des berühmten Gelehrten von seinen Freundinnen. Gottsched besuchte plötzlich jene »himmlischen« Kreise nicht mehr, und brach allen Verkehr mit den Musen Leipzig's ab. Dagegen öffnete er nun sein Haus jedem jungen strebsamen Talent, und wandte sich jetzt mehr denn je der studirenden Jugend zu, was ihm viele dankbare Herzen erwarb, obgleich er nicht, wie der liebenswürdige Gellert, jenes mild ernste und doch warme Wesen zeigte, das die Jugend so unwiderstehlich anzieht und fesselt. – Victoria Adelgunde nun, fand den leitenden Faden aus dem Labyrinth ihrer aufgeregten Gedanken und Gefühle zunächst in der Arbeit, die schon Manchen davor bewahrt Schaden zu nehmen an Leib und Seele. Sie hörte alle Privat-Vorlesungen ihres Gatten über Philosophie, Poesie und Rhetorik, an der verschlossenen Thüre ihres Schlafzimmers sitzend an, – sie übersetzte aus dem Englischen und Französischen, sie wurde dem Gelehrten eine treue umsichtige Helferin bei all seinen ernsten Arbeiten, sammelte, sichtete, und stellte für ihn die verschiedenen Stoffe zusammen, überraschte ihn auch zu seinem Geburtstag, oder zum Christfest, regelmäßig mit einem kleinen Drama, wie z. B. »Die ungleiche Heirath,« »Die Hausfranzösin,« »Der Witzling« u. A. m. – Nur das Lateinische und Griechische hatte sie, seltsamer Weise, bei Seite geschoben und begraben, trotz aller leisen Mahnungen ihres Gatten. – Ihr Hauswesen dagegen hielt sie nach wie vor in musterhafter Ordnung, sah fleißig in Küche und Keller nach und zeigte eine ungleich lebhaftere Freude wenn ihr Gatte ein von ihr selbst verfertigtes Gericht denn ein Gedicht lobte, und alle ihre Freunde wußten daß sie lieber über ihre Spitzen Bewundrung einerntete als über ihre Feder. –
Noch in ihren letzten schmerzensvollen Lebenstagen sagte sie lächelnd zu Gottsched: »Gottlob daß ich mein Bischen Latein und Griechisch jetzt völlig vergessen, nun darf ich doch sterben wie ich gelebt: eine ungelehrte Frau!« –
Auf ihrem Schreibtisch fanden sich nach ihrem Tode – den 26. Juni 1762 – folgende rührende Verse:
| »Mein Gottsched – Du allein |
| Und daß Du mich geliebt das soll mein Lorbeer sein! |
| Daß Du mich hochgeehrt, daß Du mich unterwiesen, |
| Das wird der Nachwelt noch durch manches Blatt gepriesen. |
| Wer solchen Meister hat, da stirbt der Schüler nicht. |
| So leb ich denn durch Dich – wie könnt' ich schöner leben? |
| Dein Ansehn wird mir schon Lob, Ruhm und Ehre geben.« |
Eine Sammlung ihrer bewunderungswürdigen Briefe gab eine ihrer Freundinnen, Frau von Runkel, in drei Bänden heraus. In diesen Blättern hat sich die geistvolle warmfühlende Frau das schönste Denkmal gesetzt, und sonnenklar bewiesen, daß nicht jede Frau, die einmal die Feder zu andern Dingen in die Hand nimmt als um Tagesausgaben oder Waschzettel zu schreiben, dintengeschwärzte Finger, und nachlässige Kleidung zur Schau tragen, und eine schlechte Hausfrau sein muß. Es sind reizende Briefe, das Abbild einer wahrhaft schönen Frauenseele, – der zu ihrer vollen Befriedigung vielleicht nur Eines fehlte: – das selige Gefühl Mutter zu sein. – Die lateinischen Uebungsbriefe, die Victoria Adelgunde an ihren jungen Lehrmeister schrieb, sind aber nicht unter jenen gesammelten Blättern. Die hat der Lessing so wie jenen Lorbeerkranz, den ihre Hand damals für den jungen Dichter auf der ersten Stufe des Ruhmestempels niederlegte, – und so gut verwahrt, daß nur ein Augenpaar sie erblickt: nämlich das der Erzählerin
Elise Polko.