Da riß der freudetrunkene Professor der Logik und Metaphysik die Thüre auf, stürzte mit dem Rufe: »habt Ihr wirklich diese lateinischen Verse gemacht?« auf die Erschrockene los und riß sie in die Arme. Und als sie halb unbewußt leise nickte, sagte er tief aufathmend mit ungewöhnlicher Hast: »Ich weiß zwar jetzt auch, daß ich Euch Nichts zu verzeihn, und daß die Zieglerin eine elende Lügnerin, aber ich gestehe Euch auch, daß ich um einer selbstgefertigten reinen lateinischen Ode Euch ganz gewaltig viel verziehn. O Victoria Adelgunde, ein schöneres Weihnachtsgeschenk hättet Ihr mir nimmer machen können! – Euch aber, mein werthester Herr Lessing, danke ich zu tausend Malen, und werde Euch – hier habt Ihr meine Hand darauf – als Lehrmeister überall empfehlen, – nur eine Schülerin muß ich Euch abnehmen, alldieweil ich sie nun gern selber weiter bringen möchte, und das ist diese hier, – meine geliebteste Ehefrau.« –
Und wieder zog er sie zärtlich an sich.
Sie aber entwand sich ihm und sagte, ihren jungen Lehrmeister seltsam traurig anblickend: »da mein Gatte sein Weihnachtsgeschenk, meine arme Ode so früh empfangen, so mag ich auch Eure Christgabe nicht länger zurückhalten. Nehmt sie denn hiermit, – 's ist ein schwacher Dank für die Mühe, so Ihr mit mir gehabt!« – Und sie zog aus ihrer Kleidertasche einen gedruckten Zettel, worauf zu lesen stand:
»Am zweiten Christtage wird allhier folgendes Stück aufgeführt werden, mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung:
»Der junge Gelehrte.«
Lustspiel in drei Aufzügen von Gotthold Ephraim Lessing. Folgende Personen werden darin vorkommen:
Der junge Dichter aber – den Zettel in der Hand – stand da wie ein beschenktes Kind und staunte die schöne Geberin an wie im Traume, – dann wieder die gedruckten Worte, – und hat in seinem Leben kein so seliges Christfest wieder gefeiert denn damals in dem Stübchen der Gottschedin am 22. December Anno 1746. –
Als aber später die Gatten wieder allein waren, und Victoria Adelgunde nach dem Grunde der so überraschenden Rückkehr Gottsched's fragte, – wagte er doch, ihren ernsten reinen Augen gegenüber, nicht die volle Wahrheit zu gestehn. Es war nur eine halbe Beichte, die er ihr da stammelte. Sie hatte jedoch mit dem feinen Gefühl der Frau Alles errathen, – und fühlte plötzlich einen scharfen Schmerz durch ihr Herz gehn. – »Meine Lehrstunden werden mit diesem Tage für immer enden,« sagte sie nach einer Pause ruhig, aber mit einem tiefen Seufzer, »dafür bitte ich Euch aber mir zu erlauben am zweiten Weihnachtstage das Theater der Neuberin zu besuchen. Ich gestehe Euch hiermit, daß ich selbst diese Frau überredet, das Stück Lessing's aufzuführen, – aber auch die »Matrone zu Ephesus« des jungen Weiße soll Anfang Januar einstudirt werden, nachdem die Zieglerin sich vergeblich bei der Theaterdirectorin dafür verwendet. Ich denke, die Verzeihung für diesen Schritt und die Gewährung meiner Bitte sei eine geringe Belohnung für eine lateinische Ode und eine gelinde Strafe für Euch für das, was Ihr von mir, Eurer Ehefrau, geglaubt!« – –
Und am zweiten Weihnachtstage wurde der »junge Gelehrte« wirklich aufgeführt, unter großem Beifall der Zuhörer. Die Schauspieler thaten ihr Bestes, und die versammelte heitere Menge schaute oft neugierig auf den Platz, den der Professor Gellert eingenommen. Hinter ihm saßen nämlich zwei Studenten, und man bezeichnete den Einen von ihnen als den Dichter des Stückes, mit der Bemerkung, »der da, mit den großen Augen und fliegenden Haaren, der ist's!«