Da geschah es aber eines Tages daß die junge Frau ihren Schützling bat ihr ein wenig im Latein fortzuhelfen, das sie bereits bei ihrem Vater in Danzig begonnen, – – die Anakreontischen Gedichte hatten sie plötzlich in eine seltsame Unruhe gebracht. – Mit großem Eifer erbot sich der junge Dichter zu dieser anmuthigen Arbeit, und dieser Eifer verdoppelte sich als Victoria Adelgunde den schüchternen Wunsch aussprach, diese Lehrstunden einstweilen vor Jedermann geheim zu halten. »Mein eigner Gatte soll nicht eher ein Wort von diesem Unterricht erfahren als bis ich meinem geduldigen Lehrmeister Ehre bringe« sagte sie lieblich lächelnd. –

Die Vorlesungen hörten also nun auf und ernste Lehrstunden nahmen ihren Anfang, die junge Frau athmete erleichtert – sie wußte aber doch nicht recht was sich ihr so schwer auf das Herz gelegt. – Es war ein anmuthiges Bild diesen Lehrer und diese Lernende einander gegenüber zu sehen. Er, dessen Kopf mit der Imperatorstirn und den Feueraugen einen mächtigen Eindruck auf Jedweden machen mußte, der ihn mit Aufmerksamkeit betrachtete, sprach möglichst ruhig im belehrenden Ton, aber mit einem reizenden Schimmer von Glück um den Mund, zu jener Frau die bald schreibend, bald lesend, bald unter mädchenhaftem Erröthen irgend eine Frage beantwortend, sich nun seine Schülerin nannte. –

Victoria Adelgunde war ungewöhnlich lieblich. Ihre Züge waren so fein, ihre Gestalt von vollendeten Formen, ihr Lächeln bezaubernd, ihre Farben rosenfrisch und ihre Augen von wunderbarem Glanz und Ausdruck. – Armer Falter! – – Die junge Frau machte aber auch erstaunenswerthe Fortschritte, und nach kaum einem halben Jahre fing sie bei ihrem jugendlichen Lehrmeister das Griechische an, das sie ebenfalls mit großer Leichtigkeit faßte. Sie äußerte wiederholt ihre Freude bei dem Gedanken, ihren Gatten eines Tages mit dieser neuerworbenen Wissensfülle zu überraschen, ihn die Ode der Zieglerin vergessen zu machen, und lernte in dieser Hoffnung mit immer regerem Eifer, nur zu tausend Malen die Kürze der Zeit beklagend. – Da war es denn Ephraim Lessing selber der einstmals den Vorschlag machte, seine Schülerin möge, um die Zeit außer den festgesetzten Lehrstunden möglichst zu nutzen, lateinische Uebungsbriefe an ihn richten, die er dann am andern Tage wohlcorrigirt und mit allerlei belehrenden Randglossen versehn, ihr wieder einzuhändigen versprach. – Victoria Adelgunde ging nach kurzem Zögern auch wirklich auf jenen nützlichen Vorschlag ein, und so nahm denn an jedem Abend der junge Student ein zierlich beschriebenes, und wohl adressirtes Blättchen mit heim, und legte es in der nächsten Lehrstunde, mit verschiedenen rothen Strichen und Bemerkungen versehn, der schönen Frau wieder vor. – Allmählich wurden der Striche weniger, aber der Blättchen mehr, – – und zuletzt gewöhnte sich Victoria Adelgunde daran, ein ausführliches Tage- und Gedankenbuch in lateinischer Sprache zu führen, das immer in die Hände ihres jungen Lehrmeisters wanderte, und – – immer seltener in die ihren zurückkam. – Es mochten vielleicht der Fehler zu wenige darinnen sein, – oder der junge Student litt an Vergeßlichkeit und hatte versäumt jene Blätter einzustecken, – genug, die Briefe blieben bei ihm, aber ihr Inhalt wurde um so eifriger besprochen in den Lehrstunden, so eifrig, daß die junge Frau über all dem Hin- und Widerreden vergaß die Blätter zurückzufordern. –

In jedem Menschenleben giebt es eine Zeit, – oft ist's nur eine Stunde, – oft ein Tag – ein Monat – wo das Herz jene leidenschaftliche Bitte Josua's nachstammelt: »o Sonne stehe still!« – Aber sie steht nicht still bei unserm Ruf sie eilt unaufhaltsam weiter – – und wenn wir im tiefsten Herzen dies Gebet kaum ausgesprochen – – – dann ist schon Mittag vorüber und – – es will Abend werden. –

Als die zweite Hälfte des Jahres zu Ende gegangen und der Herbst schon dem Winter Platz zu machen sich anschickte, da sann die Gottschedin allen Ernstes darüber nach, welche Freude sie wohl ihrem Lehrmeister bereiten könne zum heiligen Weihnachtsfeste. Und sie sann so viel, daß sie bisweilen in den Lehrstunden gar sehr zerstreut erschien, und somit den jungen Dichter oft genug aus der Fassung brachte. – Noch mehr als ihr verändertes Wesen beunruhigte ihn jedoch ihre Bitte, ihr einmal seinen Freund und Stubengenossen, Felix Weiße, herzusenden, und so zärtlich Lessing jenen treuen Gefährten liebte, so durchzuckte ihn doch ein bis zur Stunde nie gekanntes Gefühl des Neides und der Eifersucht, als er den Jüngling bald allein zu seiner Schülerin gehen sah. – Seit jenem Besuche Weiße's schien auch die Zerstreutheit seiner Schülerin sichtlich zuzunehmen, das glaubte wenigstens Lessing zu bemerken, und gerieth deshalb in nicht geringe Aufregung. In den lateinischen Uebungsblättern fanden sich bald Lücken vor, der Ton wurde unruhiger, die Gedanken springender. Kein Zweifel mehr: sie hatte ein Geheimniß vor ihm, – und Felix Weiße wußte um dies Geheimniß. – In der Woche vor dem Feste bat ihn Victoria Adelgunde sogar plötzlich, die Lehrstunden in den Nachmittag zu verlegen, da sie von nun an des Abends mit Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt sei. – Mit bedrücktem Herzen erfüllte er ihren Wunsch, – aber am Abend mußte er doch das Haus umstreifen, zu gewohnter Stunde, wie ein abgeschiedener Geist, der Sage nach, die Stätte seines einstigen Glücks umschwebt. – Und was geschah ihm da? – Allabendlich, um die siebente Stunde, öffnete sich nun – und das dauerte eine Woche lang – die Hausthür des Professor Gottsched, – und heraus trat, Ephraim Lessing glaubte zu träumen, seine Schülerin selbst, gestützt auf den Arm Weiße's, eine Magd mit einer Laterne leuchtete dem Paare voraus. Daß sie es war, wirklich und wahrhaftig, wer hätte daran zweifeln können, – keine Frau der ganzen Stadt hatte diese kleinen Füße, diese weichen reizenden Bewegungen, diesen schwebenden Gang. – Die Drei schlüpften allezeit sehr eilig im Schatten der Häuser dahin, über den Markt, die Hainstraße hinunter. Vor dem Gasthof zur Taube machte man Halt – pochte an die Thür, die sich dann sofort öffnete und das Kleeblatt einließ. – Lessing blieb zum ersten Mal wie versteinert stehn. – Allda wohnte ja die Neuberin! – Was konnte die Ehefrau Gottsched's zu seiner Feindin führen? – Und noch dazu in Begleitung Weiße's, dessen Stück die Zieglerin bei der Theaterdirectorin nicht hatte anbringen können?! – Wollte seine Schülerin etwa ein gutes Wort einlegen für die »Matrone zu Ephesus?« Warum hätte sie da nicht eben so gut sich für den »jungen Gelehrten« verwenden können, den bittend zu der Neuberin zu bringen der Dichter selber zu stolz gewesen, und der somit ruhig daheim im Pulte schlummerte. – Wunderliche Gedanken und Empfindungen bewegten den Wartenden, der kaum merkte, daß er wohl zwei Stunden draußen stand in grimmer Winterkälte. – Er verspürte damals eine ganz absonderliche Lust, irgend einen Jemand aus der Welt zu schaffen, aber er war noch nicht mit sich einig, ob den Weiße, die Gottschedin oder – die leuchtende Magd. Dabei wunderte er sich über die ausnehmend heiße Witterung, die ihm den Schweiß auf die Stirne trieb, – und nahm zuweilen eine Hand voll Schnee, um sich zu kühlen. – Als das Kleeblatt endlich wieder erschien, besann er sich jedoch so lange, auf wen er losstürzen solle, bis die Gottschedin mit ihrer Dienerin in ihrem Hause verschwunden, und ihr junger Begleiter sich mit einem äußerst devoten Kratzfuß von ihr verabschiedet. – Wie ein Balsamtropfen fiel aber ihr gleichgültiges: »Gute Nacht, werthester Herr Studiosus – auf Morgen denn –« um dieselbe Zeit in die erregte Seele des Lauschers, und er gewann es in Folge dessen über sich, ruhig nach Hause zu wandern, sich schlafen zu legen wie ein gewöhnlicher Mensch, um wieder – von seiner Schülerin zu träumen wie – er allezeit wachend und schlafend von ihr träumte.

Am nächsten Tage schaute er sie aber doch zuweilen seltsam forschend an, als er ihr wieder als ernster Lehrmeister gegenüber saß, – und wenn sie auch ihre Aufgabe ohne Stocken herzusagen wußte, und einen Akt aus den Trauerspielen des Aeschylos fließend übersetzte, so riefen diese Blicke doch ein Erröthen hervor auf ihren Wangen, und ihre Hand zitterte ein Wenig, als sie ihm die lateinischen Tageblätter gab. – –

»O Sonne stehe still!« – –

Es hatten sich aber mittlerweile gar böse Augen auf das junge Paar gerichtet, das da alltäglich bei einander war, und jene schlimmen Zungen begannen allmählich zu zischeln, von denen es in jenem alten Volksliede heißt:

»Die Disteln und die Dornen die stechen gar zu sehr,
Die falschen, falschen Zungen stechen noch viel mehr!«

Solche Zungen waren es nun, die ungehindert allerlei Uebles redeten von der Gottschedin und dem jungen Studenten. Wie durften auch eine schöne Frau und ein geistvoller feuriger Mann ungestraft mit einander verkehren? Solcher Verkehr allein war schon eine himmelschreiende Sünde wider – jene häßlichen Schwestern, mit denen eben kein junger geistvoller Mann verkehrte. – Und der arglose Professor der Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched, erfuhr bald genug von den dünnen Lippen seiner Freundin Marianne Zieglerin, gebotene Romanus, eines Tages gar arge Dinge, – so arg, daß er urplötzlich auffuhr wie von einer Tarantel gestochen, und nach Hut und Stock griff, um spornstreichs nach Hause zu laufen, und zur Stelle die Wahrheit zu erforschen aus dem Munde der geliebten Treulosen selber. – Solches geschah am 22. December in der sechsten Stunde. Es war Licht in dem Stübchen der Frau Victoria Adelgunde, – – Gottsched schlich leise in's Haus und trat an die Thür der Wohnstube. Mit zitternder Hand schob er die Gardine vor dem kleinen runden Fensterchen in der Thür zurück und schaute in's Zimmer. Da sah er denn die Beiden sitzen, die Lehrstunde sollte just geschlossen werden. Seine Frau las noch mit lauter Stimme. – Es war aber Latein, was sie las, – es waren Verse, – es war wahrhaftig eine Ode! – Und in welchem reinen Latein, – und wie correct las sie. Und die Ode, – – es schwindelte ihm, war an ihn gerichtet, er hörte deutlich seinen Namen. Sollte Victoria Adelgunde dies classische Gedicht selbst verfaßt haben?! – – Unmöglich, der Gedanke wäre gar zu schön! – Da verstummte die Leserin und er hörte nun den Studiosus Lessing sagen: »Fürtrefflich, hochgeehrteste Frau Professorin, es ist kein einziger Fehler in Eurem Gedicht!« –