»Meint Ihr daß die Alles könnte?«
»Ja!«
»Ich meine es aber nicht! Laßt uns das abwarten! – Und was den Lessing angeht, so ist mir heute nur Eines klar geworden, daß aus ihm nämlich eben so wenig ein Pfarrer wird, wie aus mir – eine Zieglerin!«
Seitdem kam der Student Lessing wenigstens drei Mal in der Woche in das Haus des Professors der Logik und Metaphysik, las der jungen Frau vor, oder hielt eine Zwiesprache mit ihr über Alles was sein junges Herz bewegte und seinen Feuergeist beschäftigte. Und es war eine Welt von Fragen und Zweifeln, Träumen und Gedanken, die in diesem Jünglingskopf auf und nieder wogte wie die Wellen des Meeres. Da that es denn wohl Noth, daß solch eine Meerfey am Ufer saß und mit ihrer weißen Hand die wild rauschenden Wasser glättete, und zuweilen ein Zaubersprüchlein murmelte wenn es gar zu ungestüm hin und her und auf und nieder wallte. Und doch zögerte sie zuweilen jenes Wort zu sprechen, denn es dünkte sie gar wunderbar herrlich diesem Auf- und Abwogen zuzuschauen, und dem Gesang der Sturmgeister zu lauschen. So seltsam und erhaben klangen die Melodien, daß die Meerfey darein schaute mit schwimmenden Augen, und ein Entzücken empfand wie noch nie zuvor. – Zuweilen war es ihr als müsse es eine Seligkeit sein, sich in diese brausenden Wellen zu stürzen, sich heben und tragen zu lassen, mit zu kämpfen und mit zu ringen, wie dies junge Herz, diese mächtige Seele da vor ihr, – wie dieser Geist, dessen künftige Größe sie ahnend im Voraus empfand. – Die engen Schranken ihrer eignen Gedankenwelt stürzten gar bald zusammen, in diesem Verkehr mit dem seltsamen jungen Studenten, sie gewöhnte sich unvermerkt weit und immer weiter auszuschauen, die Augen thaten ihr Anfangs weh dabei, aber sie hob sie immer und immer wieder, und lernte allmählich die Fülle des Lichts ertragen, die sie überströmte. – Sie verlor auch nach und nach ihre mädchenhafte Schüchternheit ihrem neuen Freunde gegenüber, wagte einen Gedanken auszusprechen, urtheilte, vertheidigte und unterwarf sich. – Gottsched erstaunte oft, im Zusammensein mit seiner Frau überraschende Blitze freiesten Denkens und Empfindens an ihr wahrzunehmen. Victoria Adelgunde fing sogar, zu seiner großen Freude, an in Gegenwart anderer Männer, erröthend zwar, und in reizend weiblicher Weise, aber doch bestimmt und klar ihr eignen Ansichten darzulegen. Ihr Gatte vermochte sein Entzücken darüber kaum zu bergen, und mit echt männlicher Eitelkeit schrieb er sich allein und seinem Einfluß diese wunderbare Wandlung zu. Wie hätte er auch ahnen können, der berühmte Mann, daß in jenen stillen Abendstunden, in denen sich seine Gattin mit dem »wunderlichen« Studenten aus Kamenz, aus »purer Gutherzigkeit« ohne Zweifel gewaltig »langweilte«, jene Blüthen getrieben wurden, deren Duft ihn jetzt berauschte. –
Und der junge Student selber? – Nun der lag unter einem Blüthenbaum, und neben ihm saß die Göttin Poesie selber, und streute Blumen auf ihn herab und flüsterte: »laß dich begraben Träumer!« – Aber das Grab war nur eine durchsichtige Blumendecke, – und darüber hing der blaue Himmel zweier wunderschönen Frauenaugen. – –
Dem Ephraim Lessing waren, seit er die Fürstenschule zu Meißen verlassen, – allwo schon seine große Selbstständigkeit in seinen Studien und Arbeiten kein geringers Aegerniß erregt, – und die Universität zu Leipzig bezogen, erst wenige Frauen begegnet, mit denen er länger denn fünf Minuten geredet. – Als Student der Theologie eingeschrieben, mit nur unbedeutenden Empfehlungsbriefen versehen, war er in wenigen Häusern und Familien bekannt geworden. Seine Neigung zu den Wissenschaften, zu den alten Sprachen, der Mathematik und Dichtkunst, gab ihm hinlängliche Beschäftigung in seinen Freistunden und bannte ihn in sein Stübchen, er las und schrieb viel, und beschäftigte sich überhaupt unablässig – nur nicht mit dem Studium der Theologie. Die zärtliche Freundschaft, die er mit dem weichen und – liebenswürdigen Christian Felix Weiße schloß, ließ ihn gar keinen andern Umgang vermissen. Das sogenannte schöne Geschlecht war ihm daher ziemlich gleichgültig geblieben, höchstens daß er einmal einem hübschen Mägdlein, das hinter Rosmarin und Rosen am Fenster hervorlugte, eine Kußhand zugeworfen, einem frischen Bürgerkinde die Wange gestreichelt, oder unter dem Fenster einer niedlichen Schauspielerin einige Male zerstreut auf und nieder gegangen war. – Jetzt befand er sich aber zum ersten Mal in einem zwanglosen Verkehr mit einer Frau der höhern Stände, und zwar mit einer eben so schönen als fein gebildeten Frau, die bei all ihrer, von ihm sehr bald erkannten, geistigen hohen Bedeutsamkeit, doch ihren höchsten Ruhm nur darin zu suchen schien, eine tüchtige Hausfrau und zärtliche Gattin zu sein.
Der Zauber ihres ganzen Wesens umspann ihn wie mit einem goldenen Netze, und jener eine Abend hatte ihn plötzlich in eine Sphäre getragen in der er noch nie geathmet, in der zu leben ihm aber wunderbar süß däuchte. Es war ihm zu Muthe wie einem Falter, der nach langem Umherflattern, zum ersten Mal, einer kaum erblühten Rose in den Schooß taumelt. – –
Gotthold Ephraim Lessing war in kurzer Zeit ein täglicher Gast geworden im Gottsched'schen Hause und Gottsched selber fand Gefallen an dem Jüngling, ließ sich wohl auch zu Zeiten herab längere philosophische Gespräche mit ihm zu führen, wunderte sich im Stillen über den Feuergeist, schüttelte aber dennoch den Kopf über die »freigeisterischen Gedanken« des jungen Burschen. Was nun Lessing's wiederholte dichterische Versuche betraf, so schenkte er diesen wenig oder gar keine Aufmerksamkeit, und verwies ihn mit dergleichen »Kinderspielen« an seine Frau, indem er dieser jedoch wiederholt versicherte, daß in dem Felix Weiße ein ungleich größerer Dichter stecke denn in dem Studenten aus Kamenz. –
Mittlerweile aber erblühten unter dem Sonnenschein der schönen Augen Victoria Adelgunden's langsam und farbenfrisch die Anakreontischen Gedichte Lessing's, und zu ihren Füßen legte er diese reizenden Blumen nieder. –