Am nächsten Abend sah es behaglicher aus in der Wohnstube der Gottschedin als am verflossenen. Es brannte zwar nur eine einfache Kerze, und auf dem Tische war kein Damasttuch ausgebreitet, sondern das Klöppelkissen lag darauf und davor saß eine heiter blickende Frau im Hauskleide, das gepuderte Köpfchen über die zierliche Arbeit der schlanken Finger geneigt. Gegenüber aber hatte der Student Ephraim Lessing Platz genommen, und las sein Schauspiel: Der junge Gelehrte. –
Der Vogel im Käfig schlief, der kleine Hund Gottsched's lag am Ofen und regte sich nicht, nur dann und wann, wenn vielleicht der Leser seine Stimme ungewöhnlich erhoben, blinzelte er schlaftrunken mit den Augen. Der Asternstrauß, den gestern kein Mensch recht angeschaut, stand heute mitten auf dem Tische im Kerzenlicht und glühte und leuchtete wunderbar, und die Blumen schienen sich zu regen, wie vom Winde geschaukelt. – Die schönsten Lichter und Schatten aber spielten auf dem Frauenantlitz dicht vor dem jugendlichen Lector, der heute so schlecht las wie noch nie in seinem Leben. Das war ein Blitzen und Gaukeln auf dieser mädchenhaften Stirn, auf diesen rosigen Wangen, in dem Grübchen am Kinn, auf Hals und Schultern, und dazu das rasche Spiel der Finger mit den zahllosen Klöppeln. Und wenn gar die Augen langsam aufblickten und auf den Leser sich richteten, und die Hände lässig in den Schooß sanken, weil Victoria Adelgunde das Arbeiten vergaß beim eifrigen Hören, – dann schien das Manuscript gar zu schwer zu entziffern, denn der junge Student gerieth aus einem Stocken in's andere. – Seine Zuhörerin mußte endlich laut darüber lachen, und wie lieblich lachte sie, und da konnte er nicht anders als ein Weilchen mitlachen. – Als das Stück endlich aus war, – der Poet dankte sich selber im Stillen zu tausend Malen, daß er's nicht länger denn zu drei Aufzügen gemacht, geriethen die Beiden unvermerkt so recht in's trauliche Plaudern. Lessing vertraute vor allen Dingen der jungen Frau sein innigstes Wünschen und Hoffen: daß nämlich die Theaterdirectorin Caroline Neuberin sich geneigt finden lassen möchte, dieses sein Lustspiel aufzuführen, und klagte ihr seine Sorge, daß die so vielfach Bestürmte wohl schwerlich das Erstlingswerk eines Studenten ohne gewichtige Empfehlung einstudiren lassen werde. Victoria Adelgunde versuchte ihn hierüber zu trösten, und sie redeten lange hin und her, auch über die bedauerlichen Zerwürfnisse zwischen Gottsched und der Neuberin. Der berühmte Mann hatte nämlich die volle Schale seines Zorns ausgegossen über die einstige Freundin, weil diese sich geweigert, ein Stück nach seiner Bearbeitung aufführen zu lassen. Gottsched war, in Folge dieser Weigerung, die Veranlassung gewesen daß sich eine zweite Truppe, die Schönemann'sche Theatergesellschaft, in Leipzig niederließ, die dann auch die Truppe der Neuberin bald vertrieb. Die energische Frau kehrte jedoch nach mancherlei Irrfahrten im Jahre 1744 nach Leipzig zurück, sprengte durch ihre reizenden Schauspielerinnen, die Lorenz und die Kleefelder, und die ausgezeichneten männlichen Mitglieder ihrer Gesellschaft, wie z. B. Koch und Heydrich, die Schönemann'sche Bande, und eine ihrer ersten Thaten war nun, ihren frühern Freund und Gönner, den Professor der Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched, von der Bühne herab als Zerrbild dem allgemeinen Gelächter Preis zu geben. – Nun war an keine Aussöhnung mehr zu denken, so sehr sich auch die Neuberin, ihre Uebereilung bereuend, gar bald mühte den Schwerbeleidigten wieder gut zu machen. Gottsched verbot seiner Frau das Theater zu besuchen, und die ganze Stadt theilte sich in zwei Partheien, die Anhänger der Neuberin und die Gottsched's. Die Parthei der Theaterdirectorin war jedoch unbestritten die Stärkste, denn sie hatte, wenn sie wollte, die Lacher auf ihrer Seite. Victoria Adelgunde hatte sich alle Mühe gegeben, ihren Gatten milder zu stimmen gegen die verdienstvolle Frau, deren rasches entschlossenes Wesen, und große Wärme und Lebendigkeit, sie gar mächtig angezogen, – allein vergebens. Oft war sie sogar mit dem Vorsatz ausgegangen der Neuberin zu begegnen, um sie zu bitten, noch einmal dem Gekränkten ein reuevolles Wort zu sagen, aber seltsamer Weise war es ihr nie gelungen der Ersehnten habhaft zu werden. Die Neuberin zeigte sich auch selten allein, immer nahm sie ihre jungen Schauspielerinnen unter ihre Flügel, für deren Wohlergehn und guten Ruf sie in jeder Art wahrhaft mütterlich sorgte. – Die Gottschedin war dann bei ihrem Herannahen allezeit schüchtern zur Seite getreten und hatte es bei einem verstohlenen Gruß bewenden lassen, statt sie anzureden. Die Zieglerin ließ es sich dagegen bei jeder Gelegenheit angelegen sein, den Professor noch mehr gegen die Neuberin aufzubringen, da ihr die Freundschaft des berühmten Gelehrten mit dieser Frau von allem Anfang an ein wahrer Dorn im Auge gewesen. –
Von all diesen Dingen redete nun Victoria Adelgunde mit dem jungen Studenten, – und die Zeit flog mit solcher Windeseile über ihre beiden Häupter hinweg, daß die junge Frau erstaunt aufblickte als Gottsched eintrat und nach dem Nachtessen verlangte.
»Habt Ihr die Zieglerin, die Ihr besuchen wolltet, nicht daheim getroffen?« fragte sie.
Er lächelte und antwortete: »volle vier Stunden habe ich ihres Umgangs genossen, von 5 Uhr bis 9 Uhr, und ich freue mich von Herzen, daß der Studiosus Lessing Euch in dieser Zeit so wohl unterhalten. Er muß aber nun dafür auch die Abendsuppe mit uns essen!«
Aber Ephraim Lessing dankte. Es war ihm zu Sinn als hätten die Götter eigenhändig ihn mit Necktar und Ambrosia gespeist, – wie sollte ihm da irdische Kost munden? Auch konnte und wollte er sich den Suppenlöffel nicht in einer gewissen kleinen Hand denken, die ihm nur dazu geschaffen schien, Lorbeern und Rosen zu vertheilen, oder allenfalls beim Vorlesen mit schlanken Fingern Spitzen zu klöppeln. – Er stürzte also nach einigen wunderlichen Entschuldigungen fort, nachdem ihn Gottsched noch ungewöhnlich freundlich aufgefordert bisweilen des Abends seiner Frau ein Stündlein zu vertreiben durch erbauliche Lectüre, dieweil er »leider« mit seinen alten Freundinnen nicht brechen dürfe, sondern sie nach wie vor besuchen müsse. –
Während des Nachtessens fragte der berühmte Mann seine schöne Lebensgefährtin: »was haltet Ihr denn eigentlich von dem jungen Studenten und seinem Stück? Meint Ihr daß Beide etwas taugen?« –
»Das Stück verdient daß es die Neuberin aufführe,« antwortete sie lebhaft, »und ich gäbe viel darum wenn ich's zu Wege bringen könnte!«
»Er muß sich an die Zieglerin wenden!«