Es war spät geworden unter all diesem Lesen und Reden, und Christian Felix Weiße mußte nun sein Schauspiel: »Die Matrone zu Ephesus« ziemlich rasch lesen, was indessen nicht dazu beitrug das Stück sonderlich zu heben. Dabei hatte sich die Zieglerin obendrein dicht neben ihn gesetzt und schaute mit in das Manuscript. Gar häufig unterbrach sie den Lesenden durch allerlei Ausrufungen und Bemerkungen. Trotzdem sprachen sich Alle zu Gunsten des Stückes aus, als Weiße endlich zum Schluß gelangt war, und tief aufathmend, mit glühenden Wangen, sein Manuscript zusammenrollte. Die gekrönte Poetin aber nahm es ihm ab, las einzelne Stellen mit lauter pathetischer Stimme noch einmal, strich dann mit einem gewaltigen Bleistift, den sie allezeit bei sich führte, einige Worte, auch wohl ganze Sätze, schob dafür andere ein, und äußerte endlich mit vornehmer Herablassung, daß sie selbst sich bei der Neuberin verwenden werde: das Stück solle und müsse aufgeführt werden. »Mein herrlicher Freund und Gönner Gottsched steht jetzund mit dem anmaßenden Weibe nicht sonderlich, sonst würde ich nicht von meiner armen Fürsprache geredet haben,« sagte sie, »die Theaterdirectorin hat sich, wie Jedermann weiß, allzu frech benommen gegen den berühmtesten Mann Leipzigs. Sie wagte es, einem »Cato« Gesetze vorzuschreiben über den Bau und Inhalt der aufzuführenden Stücke, und sogar schnöde Verspottung mußte unser Gefeierter von ihr erleben – –«
»Reden wir nicht davon,« unterbrach sie der Professor der Logik und Metaphysik mit einem Ausdruck von Verlegenheit und Aerger; »ich liebe das nicht!«
Während der letzten Verhandlungen und Besprechungen hatte die schöne Hauswirthin öfters gedankenvoll zu dem jungen Lessing hinübergeblickt, und zwei blaue und zwei dunkle Augen begegneten sich in mancher stummen Frage. Je länger und öfter Victoria Adelgunde das Gesicht des Studenten betrachtete, der nun seine Schöpfung diesem wunderlichen Kreise enthüllen sollte, je anziehender erschien ihr dasselbe. Es war ihr zu Muth, als sie diese klare, herrliche Stirn, ein Eiland des Friedens und der Wahrheit, betrachtete, als könne und dürfe sie sich dorthin flüchten mit ihren Augen und Gedanken aus diesem, für sie so unerquicklichen, Gewirr und Geschwätz. – Ihr eigner Gatte kam ihr so fremd und verwandelt vor in dieser Umgebung, und vor den Frauen empfand sie mehr als Furcht, die heftigste Abneigung. Nur zu der kleinen bescheidenen Doctorsfrau fühlte sie sich hingezogen. – Der Gedanke aber, der junge Lessing solle hier in diesem Kreise lesen, wurde ihr plötzlich unerträglich, und die Vorstellung, die Zieglerin werde auch sein Manuscript, wie das des jungen Weiße, mit jenem dicken Bleistift bearbeiten, trieb ihr das Blut in die Wangen. Je länger sie darüber nachsann, je unmöglicher erschien es ihr, daß er seine Dichtung dieser Kritik unterwerfe. Ein seltsames Angstgefühl kam über sie, wenn sie sich seine weiche Stimme dachte, – die sie zwar nur einmal vernommen deren Ton sie aber nicht vergessen, – wie sie untertauchte in dem Geschwirr dieser scharfen Frauenstimmen. Sie hörte schon im Geiste wie sie über ihn herfielen, schon an dem Titel seines Werkes mäkelten, in jede Scene witzelnd oder tadelnd hineinredeten, um ihn am Ende zu zwingen sich unter den Schutz der Zieglerin zu stellen, die dann bei der Neuberin für ihn zu betteln versprechen würde. – Das sollte, das durfte aber nimmermehr geschehn! – Ein wunderlicher Entschluß stand in ihrer Seele auf. Sie wollte verhindern daß er las, selbst auf die Gefahr hin daß er sie für eine alberne, launenhafte Frau hielt. Um jeden Preis wollte und mußte sie ihm zahllose Kränkungen und Nadelstiche ersparen. Aber alle diese Gedanken, Empfindungen und Vorsätze erregten sie fast fieberisch, und die Farbe wechselte so jäh auf ihren Wangen daß Gottsched plötzlich in besorgtem Tone fragte: ob sie sich unpaß befinde. Mit einem schwachen Lächeln schüttelte sie den Kopf, und beruhigt wandte sich nun der berühmte Gelehrte zu dem Studenten Lessing und sagte: »so mögt Ihr lesen, junger Freund!«
Da aber erhob sich plötzlich die sonst so schüchterne Hauswirthin und antwortete statt des Angeredeten mit fester Stimme: »Ich bitte, daß Herr Lessing nicht lese, – – mein Kopf thut mir sehr weh, und der Abendimbiß verdirbt, da es schon gewaltig spät geworden.« – Eine glühende Purpurröthe folgte dieser ersten Lüge, die diese Lippen ausgesprochen. Man blickte einander theils verwundert, theils spöttisch an. Wie konnte man an solche Dinge denken, und gar von ihnen reden bei solchen Genüssen?! Wieder ein Beweis, wie erbarmungswürdig tief doch die Gottschedin stand. – Die Unzer und Gellert allein fanden einige Worte des Mitleidens, dann aber schlossen auch sie sich den Andern an, die näher zusammenrückend sich wiederum in ein Gespräch über die »Matrone von Ephesus« vertieften. Ephraim Lessing hatte sich während dessen langsam erhoben und trat jetzt zu der jungen Frau. Seine Stirn war lebhaft geröthet, eine feine Ader trat in der Mitten hervor, die Augen blickten finster, und um die vollen Lippen zuckte Schmerz. Das leicht gepuderte Haar mit einer heftigen Handbewegung zurück aus den Schläfen streichend, sagte er stolz: »Erlaubt, daß ich nach Hause gehe – da mein Bleiben allhier nunmehr seinen Zweck verloren.«
»Geht, wenn Ihr durchaus wollt,« antwortete die leise süße Stimme der Gottschedin, »ich mag Euch nicht zumuthen länger unter Fremden zu weilen. Aber Euer Stück müßt Ihr mir zur Aufbewahrung überlassen bis morgen Abend, wo Ihr vielleicht ein Stündchen Zeit finden werdet, es einer armen unwissenden Frau, die Euch keine Bleistiftzeichen auf die Blätter zu kritzeln versteht – sonder Störung vorzulesen. –«
Sie sah ihn ernst und doch voll milder Freundlichkeit an, als sie diese Worte sprach, und es flog plötzlich wie ein Lichtstrahl in seine Seele. – Sein Zorn war verflogen. – Er begriff und verstand wie gut sie es mit ihm gemeint, und sein Herz schwoll ihm vor Dank und Freude. –
»Nicht Morgen allein, sondern allezeit bis an mein Lebensende werde ich zu Euren Diensten sein, Gütigste der Frauen« sagte er fast leidenschaftlich – reichte ihr das Manuscript hin, küßte ihre Hand und flüsterte: »aber gehen werde ich doch – und jetzt erst recht!« verneigte sich stolz vor dem kleinen Kreise, wechselte noch einige flüchtige Worte mit Gottsched und ging. –
An jenem Abend, der mit einem frugalen Nachtmahl schloß, athmete die Gottschedin erst erleichtert auf, als der letzte Gast das Zimmer verlassen. Dann fiel sie ihrem Manne um den Hals und rief: »Thut mit mir was Ihr wollt, herzliebster Ehegemahl, Ihr dürft es ja auch, denn Euch ist die Macht gegeben über meinen Leib wie über meine Seele, – aber versucht nur nimmermehr eine Zieglerin aus mir zu machen!« – –
Als am andern Morgen, – an demselben Abend wagte sie's doch nicht recht, – Victoria Adelgunde ihrem Gatten ihre kleine List in Betreff des Studenten Lessing beichtete und ihn bat, mit ihr zu Gericht zu sitzen über das Werk ihres Schützlings, lachte der Professor, streichelte ihr die Wangen und sagte: »Ihr seid allzu mitleidig mit dergleichen Burschen, und werdet keinen Dank davon haben. Das Stück mag er Euch getrost allein vorlesen, – ich habe es bereits durchgeblättert und dann – – dünkt mich, wolle sich's nicht recht schicken, wenn ein Professor als Zuhörer vor einem Studiosen sitze. –«