Die Nachmittagspredigt in der M'schen Kirche war vorüber. – Der junge Berger, der sie gehalten, ging eben langsam über den Kirchhof weg nach dem Pfarrhause. Einige alte Frauen verloren sich, die Gesangbücher in den Händen, zwischen den Gräbern, die Männer schritten grüßend an ihm vorüber. Kinder liefen ihm entgegen und boten ihm große Sträuße von Hollunder und Goldregen. Freundlich dankend nahm er sie und drückte sein Gesicht tief in die Blumen. Als er in den Hausflur trat, sagte die Magd, daß ihn der Herr Pastor bitten lasse, zu ihm in die Laube zu kommen, der Kaffeetisch sei allda aufgestellt. Er nickte und ging hinauf in seine Stube, sich umzukleiden.

Die Laube lag auf einer Anhöhe an dem äußersten Ende des langen Gartens. Im Sommer war sie recht dicht, fast kühl, denn die große Linde, die davor stand, stritt sich tagtäglich mit den Sonnenstrahlen herum, denen sie durchaus den Eintritt wehren wollte. Jetzt hingen nur einige grüne frische Ranken lose über das Gitterwerk, und die Linde selbst stand da, mit ihren jungen Blättern, wie unter einem durchsichtigen grünen Schleier, zitterte in der Frühlingssonne und dachte nicht daran Schatten zu geben. Auf die gelbliche Damastserviette auf dem Tisch fielen helle Lichter und zuckten hin und her.

Der alte Pastor saß in einem bequemen Sessel, den rechten etwas gichtischen Fuß auf einer gepolsterten Bank ruhen lassend. Es war ein hübsch geschnittener Kopf, von schlichtem Haar umgeben mit einigen Härten um Mund und Augen und einer eisernen Stirn. – Die Pastorin war einst schön gewesen, der bitterste Nachruhm für eine Frau, und sehr verwöhnt, als einziges Kind eines reichen Kaufmanns. Ihr Vater machte einen bösen Bankerott und erschoß sich nachher; die Mutter starb vor Schreck und Gram, und die kaum zwanzigjährige Armgard war froh, eine Gouvernantenstelle in einem gräflichen Hause zu erhalten.

Dort umgab sie doch wenigstens jener gewohnte Glanz und Comfort, den sie allein »Leben« nannte. Die Unlenksamkeit ihrer Zöglinge, die Zudringlichkeit des Herrn Grafen, und die Eifersucht der launenhaften Gräfin machten ihr aber im Laufe der Zeit das Dasein im Hause so schwer, daß sie – den Heirathsantrag des Gutspastors annahm, der jeden Abend mit den gräflichen Herrschaften Whist zu spielen pflegte. Gleich nach der Hochzeit erhielt Müller die Pfarrstelle in M., um die er sich insgeheim schon lange beworben, und siedelte mit seiner jungen Frau dahin über.

Ihre Ehe war wie tausend Ehen, wo eben beide Theile nur an das denken, was sie dem Andern geben, nie an das, was sie empfangen. – Armgard fühlte sich noch als die einzige gefeierte Tochter des reichen Bankiers, und Eberhard Müller fand es höchst anerkennenswerth daß ein wohlsituirter Pastor eine arme Gouvernante, »vom Fleck weg« zur Frau Pastorin erhoben. Die junge Frau versuchte Anfangs das schlichte Pfarrhaus umzumodeln in Erinnerung früherer Zeiten. Wunderlicher Flitterkram wurde hie und da aufgestellt, der in keinem Zusammenhange stand mit der übrigen Einrichtung; sie selbst trug sich ziemlich auffallend und schleifte die seidenen Kleider zum Staunen der Gemeinde durch das Dorf. Wer hätte sich getraut an solche vornehme Pastorsfrau ein fragendes oder bittendes Wort zu richten! Eine Weile schaute der Pastor anscheinend geduldig zu. Als aber das erste Kind da war und das Tauffest vorüber, gab es einmal eine ernste Scene im Pfarrhause. Acht Tage lang sah die Magd die Pastorin mit verweinten Augen herumgehen, – nachher verschwand ein Zierrath nach dem andern, der Flitterputz dazu, – statt der langen seidenen, trug sie jetzt kattunene oder wollene Kleider ohne Schleppen, und an die Stelle der dünnen Zeugstiefelchen traten derbe Lederschuhe. – Fünf Kinder wurden im Laufe der Jahre im Pfarrhause geboren, und vier kleine Särge standen zu verschiedenen Zeiten in der Gartenstube. Da gab es Leid genug und Thränen, und in diesem Jammer näherten sich denn auch die Herzen der Gatten mehr als sie es je in der Freude gethan.

Ein einziges, das jüngste Kind wurde groß, es zählte jetzt volle 17 Jahre und führte den Namen Elisabeth. Der Pastor hatte zwar Anfangs viel gegen diesen Namen, er klang ihm zu katholisch, aber er war doch im Laufe der Zeit etwas nachgiebiger geworden gegen die Wünsche seiner Frau, und so wurde die Kleine endlich nach ihrer verstorbenen Großmutter mütterlicherseits, Elisabeth getauft. – Das Mädchen wuchs auf, nicht nur als ein einziges, sondern auch als ein allein übrig gebliebenes Kind, bewacht und gehütet Tag und Nacht. Sie war beider Eltern Abgott, obgleich immer der Vater die Mutter, und diese wieder den Vater beschuldigte der kleinen Elisabeth zu viel Willen zu lassen. Jedes bewachte heimlich das Andere und freute sich über jeden sogenannten »Streich« in Betreff der Verwöhnung des Kindes, um ihn zu notiren und gelegentlich, bei irgend einem Angriff, als Vertheidigungswaffe zu gebrauchen.

So pflegte der Pastor als größten Beweis einer mütterlichen Schwäche zu erzählen, daß seine Frau lächelnd zugesehen, wie die Kleine ein Pastellbildchen – die schöne Armgard im Costüm einer Schäferin darstellend – so lange mit einem feuchten Schwamme bearbeitet, bis von den Farben keine Spur mehr vorhanden. Die Pastorin entschuldigte sich zwar damit, daß Elisabeth eben die Masern gehabt und der Arzt ihr befohlen, das Kind weder zu reizen, noch zum Weinen zu bringen, – ihr Mann lachte aber immer etwas spöttisch dazu. – Als Gottfried Berger später in's Haus zog, hatte ihm jedoch die Pastorin am ersten Abend gleich so viele Anekdoten von umgeworfenen Dintenfässern und zerrissenen Predigten vorgetragen, für welche Verbrechen das Töchterchen völlig straflos davon gekommen sei, daß dem jungen Kandidaten der Kopf schwindelte.

Mit jedem Jahre gestalteten sich die Träume der Pastorin in Bezug auf des Kindes Zukunft farbenreicher. Tausend Hoffnungen hingen an diesem jugendlichen Haupt. Sie verbarg aber dergleichen auf Goldgrund gemalte Bilder sehr sorgfältig vor den Augen ihres Mannes. Durch Elisabeth und mit ihr sollte ja ein neuer Tag kommen, der Tochter wünschte sie jenes reiche Leben, das sie selbst einst gelebt, – in der Tochter Glück gedachte sie sich zu sonnen. Elisabeth sollte keine Dorfpastorin werden, sie wenigstens durfte nicht in dieser Einsamkeit zwischen Rüben, Kartoffeln und Kornfeldern verblühen. Wie das freilich zu verhindern überließ die Pastorin zunächst einigen Jugendfreunden, mit denen sie noch korrespondirte, und – der Zeit. Das Kind war ja noch so jung! –

Eben trat der Kandidat in die Laube. »Haben Sie Elisabeth nicht gesehen?« fragte die Pastorin. Sie nannte vorsätzlich den Neffen ihres Mannes, trotz aller Einreden, »Sie«. – »Sie war nicht in der Kirche!« antwortete der junge Mann und zog einen Holzstuhl an die Seite seines Onkels. »Soll ich mich nach ihr umsehen?« – »O nein! Das große Kind geht nicht mehr verloren – es ist mir nur um den Kaffee zu thun. Er wird kalt.«

»War unser Gotteshaus voll?« fragte der Pastor. – »Nicht sonderlich. Ein Dutzend alter Frauen, kaum eine Handvoll Männer, ein paar Wöchnerinnen, die den ersten Kirchgang hielten – das war alles.« – »Das alberne Volk wird der Prozession nachgezogen sein. Heut haben sie ja wieder da Drüben so etwas. Ich weiß nicht, was für ein Fest es ist! – Wollte nur die Linde endlich einmal grün und voll werden, damit ich doch nicht auch von hier aus die Kirchthurmspitze sähe! – Nicht genug, daß mir diese Nachbarschaft die Pfarre verleidet und die Gemeinde verdirbt – sie verkümmert mir sogar meinen harmlosen Platz in der Laube.« –