Gottfried sah schweigend in seine Tasse.

»Ich begreife nicht, daß Du Dich nicht mehr über Deine leere Kirche ärgerst,« fuhr der Pastor fort. »Aber das soll und muß aufhören! Morgen in der Betstunde werde ich ein strenges Verbot erlassen. Wer sich untersteht –,« – »Da ist Elisabeth!« rief jetzt die Mutter mit froher Stimme dazwischen.

Den gelben Kiesweg herab, der zur Laube führte, kam schnellen Schrittes ein junges Mädchen in einem hellen Sommerkleide. Ein kleines Tuch von dunkelblauer Farbe hing ihr über dem Arm, den runden gelben Strohhut hatte sie abgenommen. Ein schönes etwas sonnenverbrannntes Gesicht lachte Allen einen Willkommen zu. »Wo warst Du so lange?« rief ihr der Vater in einem gereizten Tone entgegen; das abgebrochene Gespräch hatte ihn sehr verstimmt.

»Gleich zeige ich Dir's,« antwortete sie geheimnißvoll und fröhlich zugleich. Dann befreite sie ihre Hände von der Last von verschiedenen Dingen, die sie auf den Tisch legte: – Blumen, Papierblätter, ein Buch, Zeichenstifte, Hut und Tuch. Jetzt erst schob sie die schweren braunen Flechten zurück, die sie noch immer wie in ihrer Kinderzeit um den Kopf geschlungen trug und die sich vom raschen Gange etwas in die Stirn gesenkt hatten. Ohne die Aufforderung der Mutter in Betreff des Kaffees und Kuchens zu beachten, rollte sie ein größeres Papierblatt auf. »Gottfried soll's zuerst sehn! Bitte, komm hieher, da ist das beste Licht.«

Ihre dunkeln Augen lachten ihn an; Gottfried war im Augenblick an ihrer Seite, etwas linkisch zwar und befangen wie immer, aber so schnell als möglich. Kaum hatte er aber einen Blick auf die Zeichnung geworfen, als er blaß wurde und ängstlich flüsterte: »zeige das jetzt nicht – nur heute nicht!« – Sie sah ihn erstaunt an, rollte jedoch langsam das Blatt zusammen und legte es bei Seite.

»Nun? Wirst Du mir Dein Meisterwerk diesmal vorenthalten wollen?« fragte der Pastor. – »Es ist noch nicht ganz fertig.« – »Gieb her, ich will es sehn, ob fertig oder nicht!« sagte der Vater heftig. – Elisabeth zögerte. Die Mutter setzte ängstlich die Tasse aus den Händen. – Einem bestimmten Befehl des Vaters ungehorsam zu sein, das hatte die Tochter noch nie gewagt. Das Mädchen streckte auch jetzt mechanisch die Hand aus, um das verhängnißvolle Blatt zu ergreifen. Allein Gottfried kam ihr zuvor. Schnell wie ein Blitz hatte er das Papier aufgenommen und in viele kleine Stücke zerrissen, die nun der Wind nach allen Seiten davontrug.

Diese ungewöhnliche Handlung und rasche That eines sonst so scheuen stillen Mannes, machte in dem kleinen Kreise einen verschiedenen Eindruck. Das Gesicht des Pastors wurde sehr roth. – – »Was fällt Dir ein, Neffe,« rief er halb verwundert halb zornig. »Hast Du nicht gehört, daß ich die Zeichnung sehen wollte?« – »Sie war aber nicht des Ansehens werth!« lautete die ruhige Antwort. – »Nun, das wäre doch die erste schlechte Zeichnung die Elisabeth gemacht!« sagte da die Mutter gereizt. – »Sie war auch nicht schlecht!« murmelte jetzt das junge Mädchen und warf dem Vetter einen trotzigen Blick zu. »Du hattest wenigstens kein Recht sie zu zerreißen.« – »Du wirst eine bessere Zeichnung machen, Elisabeth!« antwortete er begütigend. – »O gewiß nicht! In meinem ganzen Leben habe ich noch niemals mit solcher Lust gezeichnet wie diesmal.«

»Und was war's, was Dich so gefangen nahm?« fragte der Vater milder und streckte den Arm aus, um die Tochter näher zu sich hinzuziehen. Die Zuversicht des verzogenen Kindes erwachte wieder in Elisabeth. Sie näherte sich dem Vater, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte mit heiterem Lächeln: »ich hatte die Prozession gezeichnet, wie sie vor dem Allerheiligsten auf den Knieen lag.«

Wie von einem Dolchstich getroffen sprang der Pastor auf. »Also mein eigenes Kind macht solche Dinge mit?« rief er bebend vor Zorn. »Und das muß ich erleben? Ich?« – Er schritt mühsam athmend auf und ab. – Keiner regte sich. – Da fragte die weiche Stimme des jungen Mädchens bebend: »War das denn ein Unrecht, daß ich Betende zeichnete? Ich habe sie ja nicht gestört, sondern kniete mitten unter ihnen, Vater!« –

Niemand antwortete. – Der Pastor preßte, gewaltsam nach Fassung ringend, die Lippen zusammen – wandte sich dann plötzlich um und schritt dem Hause zu.