– »Sie haben das Beste des Kindes gewollt, Gottfried,« sagte die Pastorin freundlicher als gewöhnlich, indem sie die Tassen zusammenräumte; »ich sehe das jetzt ein. Ihre Schuld war es nicht, daß der Versuch, das Kind aufmerksam zu machen, mißlang. Du hast Deinem Vetter den trotzigen Blick von vorhin abzubitten, Elisabeth!«

»Ich mag mich lieber schelten lassen vom Vater, als zusehn wie man mir meine Zeichnungen zerreißt,« antwortete sie mehr traurig als trotzig. »Daß es der Gottfried gut meinte, sehe ich ein.« – Dabei nahm sie aber ihren Hut und ihr Zeichenbuch und ging den Kiesweg hinab, schlug dann einen Seitenweg ein und stand nun vor der niedern Kirchhofmauer. Sie setzte sich auf den Rand des Gemäuers und sah hinüber in den stillen Garten der Todten, und wohl kein Lebender hätte jene Fragen beantworten können, von denen eben jetzt dies junge heftig schlagende Herz übervoll war.


Dies anscheinend unbedeutende Ereigniß hatte gewichtigere Folgen als Elisabeth träumte. – Von jenem Tage an durfte sie nämlich nicht mehr allein spazieren gehen. Der Vater erlaubte ihr nur im Garten, auf dem Kirchhofe oder im Hause zu zeichnen, ihre Spaziergänge unternahm sie fortan nur in seiner Begleitung und ohne ihr Zeichenbuch. Alle jene Heiligenbilder, die sie so gern in ihren kleinen Landschaftsskizzen anzubringen pflegte, wurden auf Befehl des Vaters daraus verbannt, selbst kein einfaches Kreuzlein am Wege duldete seine strenge Kritik mehr. Alles, was nur im Entferntesten an den Katholicismus erinnern konnte, sollte auf das Bestimmteste vermieden werden. Er hatte mit seiner Tochter nicht ein Wort über jenen Vorfall mit der Zeichnung geredet, ihr jedoch einfach gesagt, daß er selbst fernerhin ihr Begleiter sein werde auf ihren, sonst so zwanglosen, Spaziergängen.

Anfangs fühlte Elisabeth in dieser Neuerung einen unerträglichen Zwang, bald aber fügte sie sich in das Unabänderliche, und kurze Zeit darauf war sie wieder das heitere, lebensfrohe Mädchen das sie bisher gewesen. Auch ihr Verhältniß zu ihrem Vetter behielt nur wenige Tage lang eine eigenthümliche Spannung, dann warf sie ihm wieder, wie zuvor, ihren Blumenstrauß in's offene Fenster, wenn sie Morgens aus dem Garten kam, und quälte sich redlich, um keine Schelte von ihm zu bekommen, mit ihren französischen Aufgaben. Auch zeichnete sie ihn wieder, zu ihrer Uebung, wie schon hundertmal wenn er mit dem Vater Schach spielte, im Profil, en face und Dreiviertel, und übte geduldig jeden Tag vierhändige Kirchenlieder mit ihm.

So ging ein Tag nach dem andern hin, die Morgen, Mittage und Abende sahen sich gleich wie ein Ei dem andern. Und dennoch fühlte Elisabeth nie Langeweile oder irgend eine Sehnsucht nach Abwechslung. Zuweilen hätte sie wohl gern einmal andere Bücher gehabt, als Friederike Bremer's Werke und Schiller's Geschichte des dreißigjährigen Krieges, – seine Dramen gab ihr der Vater nicht – und die verschiedenen Reisebeschreibungen, aus denen Vetter Gottfried Abends vorzulesen pflegte, machten sie oft gewaltig müde, es schlief sich aber auch um so besser darauf. Zudem drängte ein sonniger Tag oder eine Partie in den Wald diese Wünsche wieder für eine Weile in den Hintergrund. – Freilich standen dafür andere auf, wie z. B. das Verlangen jene alte Kapelle auf der buschigen Anhöhe einmal zu besuchen, wo ein wunderthätiges Marienbild stand, welchen Ort zu betreten ihr der Vater jedoch schon vor Jahren ein- für allemal streng untersagt.

Seltsam, seitdem jene Geschichte mit der Zeichnung vorgefallen, war eben dieser halb vergessene Wunsch plötzlich in ihr mit fast ungestümer Lebhaftigkeit wieder erwacht. – Sie träumte sogar die Nacht von jener stillen Kapelle mit den bunten Scheiben, und von den vielen Herzen von Wachs, die man der Maria geschenkt, wie ihr ein kleines Mädchen aus N., der sie einmal verstohlen einen Maiblumenstrauß abgekauft, erzählt hatte. – Mit der Mutter wagte sie schon eher über diesen Herzenswunsch zu reden – aber helfen konnte ihr die Pastorin auch nicht, sie ehrte in allen Dingen, die sich auf Religion bezogen, ihren Mann sehr, und bemühte sich nach Kräften der Tochter dies »tolle Verlangen«, wie sie es nannte, aus dem Kopfe zu bringen. – Dabei schien sie aber in der letzten Zeit häufiger denn je mit ihren fernen Freunden zu korrespondiren, und die eigenthümliche, halb frohe, halb sorgenvolle Art, mit der sie zuweilen ihre Tochter anblickte, gab dem ruhig beobachtenden Kandidaten viel zu denken.

Da kam eines Tages, Niemand schien sich dessen zu versehen, Besuch ins stille Pfarrhaus, nämlich ein entfernter Verwandter der Pastorin. Herr von Plessow, der Direktor der Malerakademie in F., war auf einer Badereise begriffen und sprach für wenige Stunden in M. ein, um die »liebe Cousine« zu begrüßen. Beide hatten einander viel zu fragen, sich so vieler Dinge und Personen zu erinnern daß es beinahe nicht dazu gekommen wäre, Elisabeth's Skizzenbuch zu durchblättern, nach welchem der »Herr Cousin« doch sogleich gefragt. – Der ältliche freundliche Herr fand sehr viel Wohlgefallen an den artigen Bilderchen, noch größeres aber an der Zeichnerin selber und sagte endlich, im Beisein des Pastors, sehr ernsthaft: »ich möchte Dich wohl mit nach F. nehmen, Elisabeth, wenn ich aus dem Bade komme, – aus Dir kann eine tüchtige Malerin werden. Ueberlege Dir die Sache und schreibe mir nach T., wenn Du willst daß ich Dich abholen soll. Ein halbes Jahr lang unter einem tüchtigen Lehrer und Du würdest Bedeutendes leisten!« –

Ein Wort zu guter oder böser Stunde ist ein Samenkorn, – und der Wind weht selten es auf einen steinigen Boden. Es fällt in warmes Erdreich – es schießt auf – gepflegt in stillen Nächten, getränkt von heimlichen Thränen, und wächst empor, oft eine üppige Giftpflanze – oft ein Rosenstrauch voll Dornen und süßen Knospen – oft eine »blaue Blume,« jene mährchenhafte Blüthe, die demjenigen, der sie einmal erblickt, nie zu stillende Sehnsucht bringt.

Die Worte des Direktors aus F. ließen in dem Herzen des jungen Mädchens jene blaue Blume erwachsen. Eine leise Sehnsucht beschlich sie urplötzlich nach einem Etwas, das sie nicht hatte. – Sie vermochte selbst mit ihrer Mutter nicht darüber zu reden, – sie saß in tiefen Gedanken vor ihrem Zeichenbrettchen, – keine ihrer kleinen Schöpfungen wollte ihr mehr gefallen – und es geschah ihr nicht selten daß sie mitten im Zeichnen unlustig den Stift von sich warf und das angefangene Blatt zerriß. Es begab sich auch, daß sie in der Nacht erwachte und lange, lange schlaflos da lag, und mit ihren Gedanken weit wegflog über den Garten des Pfarrhauses – weit über Hügel und Wälder fort – »wohin – ach wohin?« – Nur einmal, auf einem Spaziergange mit dem Vater, gab sie ihren Gedanken Worte. Sie hatte sich einen Feldblumenstrauß gepflückt. Plötzlich blieb sie stehen, legte ihre Hand auf den Arm des Vaters und sagte, bebend vor Erregung: »Sieh, wenn ich diese Blumen da malen könnte, wie ich sie so vor mir sehe in ihren sanften köstlichen Farben, – ich glaube, ich wäre das glücklichste Geschöpf der Welt!« – Der Pastor lächelte über den Ausdruck strahlender Freude in ihrem Gesicht, antwortete aber nichts.